Verlegung der Stolpersteine für die Familie Imdorf

Von: Sarah-Lena Gombert
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Gegen das Vergessen: Vor dem ehemaligen Wohnhaus der Imdorfs an der Gressenicher Straße in Mausbach hat Künstler Gunter Demnig fünf Stolpersteine verlegt. Weitere Steine sind im Stolberger Ortsteil Gressenich zu sehen. Foto: S.-L. Gombert
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Karen Lange-Rehberg und Franz Josef Ingermann (von rechts) mit Verwandten der Imdorfs bei der Stolpersteinverlegung in Gressenich. Foto: S.-L. Gombert

Stolberg. „Wer hätte damals gedacht, dass mein Urgroßvater, der für die Deutschen im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, zwanzig Jahre später von den Nazis ermordet wurde? Und wer hätte gedacht, dass mein Sohn als erster nach mehreren Generationen wieder in Deutschland zur Welt kommt?“

Es ist ein bewegender Moment, als Yoad Ezra, Urenkel von Josef Imdorf, die kleine Bühne an der Gressenicher Straße in Mausbach betritt. Wenige Schritte dahinter hatte einmal der kleine Kurzwarenladen seiner Urgroßmutter Martha Imdorf existiert.

Bewegend ist auch der Moment, als Yoads Mutter Michal einen kleinen Plastikbecher voll mit Erde auspackt. Es ist Mutterboden aus Israel, dem Land, das der Familie Imdorf nach der Vertreibung aus ihrer Heimat ein neues Zuhause gegeben hat. Vorsichtig wirft sie ein paar Handvoll Erde neben die kleinen Steine, die die Namen ihrer Vorfahren tragen.

Michal und Yoad Ezra sind gemeinsam mit einer Reihe von Verwandten aus der ganzen Welt nach Stolberg gekommen. Imdorfs aus Kanada, Israel, den Niederlanden und aus Berlin wollen miterleben, wie Stolpersteine für ihre Vorfahren in Gressenich und Mausbach verlegt werden.

Auch viele Gressenicher und Mausbacher Bürger sind gekommen, einige von ihnen haben die Imdorfs noch persönlich gekannt. Zahlreiche Schüler der Realschule Mausbach, des Goethe-Gymnasiums und der Gesamtschule Stolberg sind an diesem Nachmittag anwesend, als Künstler Gunter Demnig seine Stolpersteine behutsam in die vom Bauhof vorbereiteten Kuhlen legt.

Schüler schweigen nicht

„Die Erinnerung an den Holocaust ist heute vielleicht wichtiger als jemals zuvor“, erklärt Stolbergs Tim Grüttemeier in seiner kurzen Ansprache. „Wir sind des den Opfern der Nationalsozialisten schuldig, dass wir nicht schweigen.“ Schweigen tun an diesem Nachmittag auch die Schüler nicht: Gemeinsam mit ihren Lehrern haben die jungen Stolberger kurze Biographien der Imdorfs vorbereitet, die sie den Gästen vorlesen. Durch die Mädchen und Jungen bekommen die Imdorfs, die teilweise selbst im Jugendalter ihr Leben verloren haben. „Du hattest Träume und wolltest vielleicht eine Familie gründen“, sagte eine Schülerin an Amalie Imdorf gerichtet, die nur 13 Jahre alt geworden ist. „Was du hast durchmachen müssen, ist für uns nicht vorstellbar.“

Für den Arbeitskreis Geschichte Mausbach ergriff Franz Josef Ingermann das Wort. Gemeinsam mit der Gruppe Z hatte er die Veranstaltung organisiert und die Dokumentation zur Stolpersteinverlegung angefertigt. Ihn habe die Großherzigkeit und Selbstverständlichkeit beeindruckt, mit der die Imdorfs, nach Ende des Kriegs wieder auf die Mausbacher und Gressenicher Bevölkerung zugegangen seien, sagt Ingermann.

Die Last ist nicht verschwunden

Karen Lange-Rehberg betonte, dass die Familienmitglieder der Holocaust-Opfer auch heute noch die Last ihrer Vergangenheit zu tragen hätten. An die Familie Imdorf gewandt sagt sie: „Es muss Sie Mut kosten, an dieser Stelle zu stehen.“ Doch sie sollen sich gewisse sein: Gressenich und Mausbach erinnert sich gemeinsam mit der Familie an das, was vorgefallen war.

Ihn freue es, dass in seinem Heimatort Stolpersteine verlegt werden, sagt der Gressenicher Landtagsabgeordnete Axel Wirtz: „Stolpern, anstoßen, fast fallen, aufmerken und innehalten“, darum gehe es bei den Steinen.

Nach rund zwei Stunden ist Gunter Demnig mit seiner Arbeit fertig. Die Steine für Josef, Martha, Erich, Walter und Helmut Imdorf in Mausbach sind verlegt, ebenso die Steine für Moritz, Klara Elisa, Ilse Helene, Hanna, Julia, Ludwig, Minna, Max, Amalie und Erna Imdorf in Gressenich. „Ich kann mich an diese Familien erinnern“, sagt eine alte Mausbacherin. Sie selbst sei damals ein Mädchen gewesen. „Auf einmal waren die Imdorf-Kinder nicht mehr da...“

„Ich denke, dass wir diese Steine nicht für unsere Vorfahren verlegen“, sagt Yoad Ezra. „Wir verlegen sie für uns selbst, und wir verlegen sie für unsere Kinder.“ Er könne nun seinen Großvater gut verstehen, der immer betont habe, dass die Stolberger gute Menschen seien.

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