Stolberg/Düren - „Vergessene Werke der Literatur wieder ans Licht bringen“

„Vergessene Werke der Literatur wieder ans Licht bringen“

Von: Marie-Luise Otten
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Pianist Theo Palm und die Altistin Anna Fischer geben Konzerte als Liedduo. Ihr neustes Projekt ist dem Komponisten und Orchesterleiter Max von Schillings gewidmet. Foto: WDR/Herby Sachs

Stolberg/Düren. Seit fast 17 Jahren arbeiten der Pianist Theo Palm und die Altistin Anna Fischer als Liedduo musikalisch fest zusammen. Neben der klassisch-romantischen Literatur legen sie bei ihrer Programmauswahl Wert auf das Wieder- und Neuentdecken vergessener oder unbekannter Komponisten wie beispielsweise Norbert Burgmüller, Felix Weingartner oder jetzt Max von Schillings.

Was es mit dem Letztgenannten sowohl musikalisch als auch geschichtlich auf sich hat, was „Visionbakery“ und „Crowdfunding“ bedeuten und welche Gegenleistungen mit der Internetfinanzierung des CD-Projektes verbunden sind, hat der Stolberger Künstler unserer Mitarbeiterin erzählt.

Was hat Sie bewogen, sich mit Max von Schillings zu beschäftigen?

Palm: Den ersten Kontakt zu Schillings Werken hatten wir beim Rheinischen Musikfest 2002, wo wir drei seiner Lieder in unser Konzertprogramm aufnahmen. Wir waren von deren Qualität so überzeugt, dass wir mehr über Schillings erfahren wollten und nach weiteren Kompositionen für unser Repertoire suchten.

Wo sind Sie fündig geworden, wie sind Sie an das Material gekommen?

Palm: Hauptsächlich durch eine Recherche im Stadtarchiv in Düren, das Schillings Nachlass beherbergt. Da bis auf sein „Hexenlied“ so gut wie keine Werke mehr verlegt werden, durften wir die für uns interessanten Stücke dort einsehen und kopieren.

Wer war Max von Schillings, wo ist er aufgewachsen, wie war sein Werdegang?

Palm: Er wurde am 19. April 1868 in Düren geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugendzeit auf dem Familiensitz Gut Weyerhof in Gürzenich. Sein Vater war Bürgermeister in Birgel, seine kunstverständige Mutter, die Großnichte von Clemens Brentano, förderte das Talent des Jungen sehr. Nach der Schulzeit und einer ersten musikalischen Ausbildung in Bonn studierte er in München Jura. Er brach das Studium allerdings ab und wählte ab 1892 den Weg des freischaffenden Musikers. Zu seiner Zeit war er einer der profiliertesten Komponisten, Dirigenten und Intendanten. 1903 wurde er zum Professor ernannt. Zu seinen Schülern zählte u.a. Wilhelm Furtwängler. In den Jahren 1908 bis 1918 bekleidete er das Amt des Generalmusikdirektors am Königlichen Hoftheater Stuttgart, von 1919 bis 1925 war er Generalintendant an der Preußischen Staatsoper Berlin und 1932 Präsident der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Vom März 1933 bis zu seinem Tode war er zusätzlich Intendant der Städtischen Oper Berlin.

Wie kam es zur Freundschaft mit Richard Strauss?

Palm: Als Schillings nach München ging, knüpfte er Kontakte zu einem Kreis von Komponisten, zu denen auch Richard Strauss gehörte. Daraus wurde die sogenannte „Münchner Schule“, die damals einen bedeutenden Einfluss auf die Musikkultur hatte. Die Freundschaft zu Strauss bestand bis zu Schillings Tod.

Warum geriet Max von Schillings in Vergessenheit?

Palm: Meiner Meinung nach in erster Linie wegen seiner politischen Vergangenheit. Auf Druck der Nationalsozialisten war er als Akademiepräsident maßgeblich verantwortlich für den Ausschluss jüdischer und „unangepasster“ Mitglieder. Schillings war durchaus antisemitisch eingestellt, aber sicher kein „strammer Nazi“. So lehnte er auch kurz vor seinem Tod Hitlers Angebot, ihn als „Musikpapst von Deutschland“ einzusetzen, ab.

Was macht die Musik von ihm so spannend und interessant?

Palm: Man hat ihm vorgeworfen, nur Epigone (jemand, der den Stil anderer nachahmt ohne selbst schöpferisch zu arbeiten) zu sein. Seine Musik klingt tatsächlich oft wie Wagner oder Strauss. Bei genauerem Hinhören lässt sich aber durchaus sein eigener Stil erkennen. In seinen späten Klavierstücken zum Beispiel entdecke ich Elemente von Impressionismus und Jazz. Schillings war im positivsten Sinne ein „perfekter Handwerker“ und arbeitete praxisbezogen, seine Werke sind den Interpreten quasi „in die Finger“ und „in die Stimme“ geschrieben.

Wie viele Stücke liegen für die CD vor? Wie sehen sie spieltechnisch aus? Ist es harte Arbeit?

Palm: Geplant sind sieben Lieder, zwei Klavierstücke und das Melodram „Das Hexenlied“. Gerade die Interpretation von Klavierliedern gehört zu den schwierigsten Herausforderungen für uns Musiker, weil es eine sehr intime Musikform ist.

Was reizt Sie besonders an Schillings Musik?

Palm: Anna Fischer und ich finden es spannend, vergessene, aber qualitativ hochwertige Werke wieder ans Licht zu bringen. Dazu kommt der lokale Aspekt (Düren) und die Frage: Lassen sich Werk und Biografie voneinander trennen?

Und, lassen sie sich hier trennen?

Palm: Das Problem ist, eine unvoreingenommene Haltung einzunehmen und sich bei der Beurteilung von Schillings Person auf musikwissenschaftliche Erkenntnisse zu berufen statt die Dinge nur schwarz oder weiß zu sehen. Bei Max von Schillings ist das schon komplexer, da gibt es viele Zwischentöne. Ich halte es mit dem letzten Satz des Abtes aus dem schon mehrmals erwähnten Hexenlied: „Geht beten, Brüder und richtet nicht!“.

Wie hoch sind die Kosten für die Einspielung und wann erscheint die CD auf dem Markt?

Palm: Die Kosten belaufen sich auf ca. 7000 Euro, und die CD soll im Sommer 2017 erscheinen. Wenn alles klappt, würden wir sie gerne anschließend bei einem Konzert in Stolberg präsentieren.

Wenn man sich Informationen über Theo Palm und Anna Fischer im Internet anschauen möchte, stößt man gleich auf eine Einladung zum Crowdfunding-Projekt für diese Schillings-CD. Erklären Sie bitte Otto-Normalverbraucher, was darunter zu verstehen ist!

Palm: „Visionbakery“ ist eine Plattform, die das Projekt für uns organisiert. Das Sammeln von Spenden im Internet für ein bestimmtes Projekt nennt man „Crowdfunding“. Wir bieten den Spendern bestimmte Gegenleistungen je nach Betrag an. Spendet jemand zum Beispiel 30 Euro, erhält er von uns die CD mit einem Dankeschön dazu, spendet jemand 100 Euro, erhält er eine CD und eine kostenlose Gesangs- oder Klavierstunde. Auch Hauskonzerte sind möglich. Kommt die benötigte Summe in einer bestimmten Zeit nicht zusammen, erhält jeder Spender sein Geld zurück, es gibt also kein Risiko! Wer spenden möchte, sollte sich folgende Seiten anschauen: www.visionbakery.com/schillings-cd oder www.fischer-palm.de.

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