Verein Menschenskind entstand aus Protest und Kritik

Von: Dirk Müller
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Dr. Volker Siller, Vorsitzender des Vereins Menschenskind, mit Bildern der Ausstellung „ÜberLeben“. Foto: Dirk Müller

Stolberg/Eschweiler. Der Verein Menschenskind wird 20 Jahre alt. 1993 war Dr. Volker Siller Gründungsmitglied des Vereins zur Förderung der Betreuung und Beratung kranker Kinder und ihrer Familien, und seitdem stellvertretender Vorsitzender. 2009 übernahm Siller den Vorsitz des gemeinnützigen Vereins. Dirk Müller sprach mit ihm über seinen Werdegang und die zahlreichen Aktivitäten in zwei Jahrzehnten Menschenskind.

Wie sind Sie von Bonn in die Städteregion gekommen?

Siller: Über berufliche Umwege. Nach meiner Lehre habe ich in Bonn als Maschinenschlosser gearbeitet und parallel an der Abendschule die Fachhochschulreife gemacht. Dann habe ich in Lübeck das Ingenieursstudium für physikalische Technik begonnen und ab 1965 in meinem zweiten Beruf an der damaligen Kernforschungsanlage in Jülich im Institut für Medizin die Arbeit aufgenommen. 1971 durften erstmals fünf Prozent aller Medizinstudenten in Deutschland sich auch mit Fachhochschulreife, also ohne Abitur, für das Studium einschreiben. Ich habe mich an den Universitäten in Köln, Düsseldorf und Aachen beworben, und hätte tatsächlich an allen Dreien mein Medizinstudium absolvieren können. Aber da ich schon in Jülich war, lag Aachen natürlich nah.

Wann und wie begann Ihr Wirken in Stolberg?

Siller: Meine Ausbildung zum Kinderarzt begann 1978 an der Aachener Uni-Klinik, und Weiterbildung in Kinderkardiologie und Neonatologie folgten. 1986 kam ich dann als Oberarzt an die Stolberger Kinderklinik im heutigen Bethlehem Gesundheitszentrum. Dort war ich 17 Jahre lang in meinem letztendlich dritten Beruf tätig.

Aus welcher Motivation heraus wurde Menschenskind gegründet?

Siller: Ursprünglich aus Protest und Kritik an den damaligen Verhältnissen. Viele Eltern, Kinderkrankenschwestern und Ärzte haben sich zusammengeschlossen, um die Situation in der Kinderklinik zu verbessern. Es gab zu wenig Personal und zu wenige medizinische Geräte bei einer Belegung von zeitweise über 200 Prozent mit sehr vielen frühgeborenen Kindern – wir konnten schlichtweg nicht mehr so weiterarbeiten. Und beim Kind hört es ja nicht auf: Die Eltern blieben weitgehend auf der Strecke, denn die Kinderkrankenschwestern und wir Kinderärzte hatten kaum Zeit, uns um sie zu kümmern.

Konnte die Situation verbessert werden?

Siller: Ja, heute entscheiden viele Eltern, die eine Risikogeburt erwarten, sich bewusst für die Entbindung in dem Stolberger Gesundheitszentrum, wo nicht nur die Gerätemedizin, sondern auch das Menschliche im Vordergrund steht.

Was sind die heutigen Aufgaben von Menschenskind?

Siller: Wichtig ist uns, dass Angehörige und Betroffene mit ihren Ängsten und Nöten nicht alleine sind. Wir begleiten sie durch Beratung, Aufklärung, Vorträge sowie andere geeignete Mittel und ermöglichen den Erfahrungsaustausch. Ein gutes Beispiel dafür ist unser Frühchentreffen an jedem zweiten Mittwoch im ungeraden Monat um 19 Uhr in der Hebammen-Praxis auf der sechsten Etage im Bethlehem Gesundheitszentrum. Zu dem Gesprächskreis sind nicht nur Eltern, Großeltern, Verwandte und Freunde von Familien mit frühgeborenen Kindern eingeladen, sondern etwa auch Eltern reif geborener Kinder, die vorübergehende oder dauerhafte Behinderungen haben, sowie alle interessiertenBürger. Wir betreuen die Betroffenen und unterstützen sie im Falle besonderer Bedürftigkeit auch finanziell.

Wie sieht diese finanzielle Unterstützung aus?

Siller: Wir beteiligen uns an der Anschaffung behindertengerechter Fahrzeuge, damit Kinder zur Therapie gebracht werden können. Damit sind wir auch beim Thema Inklusion. Therapeutisches Reiten kann nicht mehr über die Eingliederungshilfe abgerechnet werden; Menschenskind zahlt diese tolle Therapieform derzeit für 15 Stolberger Kinder. Bei Klassenfahrten übernehmen wir die Fahrtkosten für Begleitpersonen von Kindern mit Behinderung. Die finanzielle Hilfe kann aber auch ein Taschengeld für eine Kur sein, oder Kindern einen Zoo-Besuch zu ermöglichen.

Was macht Menschenskind noch?

Siller: Wir engagieren uns in der Unfallprophylaxe bei Kindern und bieten den kleinen Patienten der Kinderklinik Aktionen und Veranstaltungen. Unser Ehrenmitglied Max der Clown besucht einmal im Monat – übrigens ehrenamtlich – die Kinderklinik, und Menschenskind hat auch eine professionelle Märchenerzählerin zu diesem Zweckengagiert. Momentan ist Enoch-Manu aus dem indischen Kerala für ein halbes Jahr in Stolberg. Der vierjährige gelähmte Junge ist kostenlos im Schwesternwohnheim untergebracht, wird im Bethlehem Gesundheitszentrum therapiert und in der Petö-Einrichtung im Rolandshaus konduktiv gefördert. In Indien gibt es für ihn keine Fördermöglichkeiten, aber hier zeigt er wirklich Fortschritte.

Wie ist Menschenskind mit der Petö-Einrichtung vernetzt?

Siller: Wir sind mit mehreren Vereinen befreundet, gut vernetzt und arbeiten hervorragend zusammen. Etwa mit dem Förderkreis schwerkranke Kinder, dem Bunten Kreis und auch mit dem Verein Fortschritt Städteregion Aachen, der die Petö-Einrichtung betreibt. Das besondere in diesem Fall ist, dass Menschenskind zweimal konduktive Förderwochen in der Regenbogenschule organisiert hat, was eine Art Initialzündung war. Es folgte die Gründung des Vereins Fortschritt Städteregion Aachen, dem es in kurzer Zeit gelungen ist, die erste Petö-Einrichtung in unserer Region zu etablieren.

Was war aus Ihrer Sicht rückblickend der größte Erfolg vom Verein Menschenskind?

Siller: Jedes einzelne Kind, dem wir helfen konnten. Eine echte Stolberger Erfolgsgeschichte ist mit Sicherheit die von „Sindbad“. Mit enormem Engagement haben seinerzeit Stolberger Bürger, Vereine, Initiativen und Unternehmen in nur zwei Jahren mit unglaublichen 760 Einzelspenden 250 000 D-Mark aufgebracht, damit wir den Kinder-Notfallbehandlungswagen mit spezieller Federung und medizinischer Ausstattung anschaffen und 1997 der Stadt übergeben konnten. Allen daran Beteiligten gebührt doppelter Dank, denn heute hilft „Sindbad“ dem gemeinnützigen Verein „Tajik Aid“ bei der Behandlung kranker Kinder in Tadschikistan, so dass die Stolberger mit ihrer Hilfe ein zweites gutes Werk getan haben.

Warum fährt „Sindbad“ jetzt in Tadschikistan?

Siller: In Stolberg hatte „Sindbad“ aus zwei Gründen ausgedient: Während er im ersten Jahr noch mehr als 300 Einsätze hatte, sind heute keine 50 Fahrten mehr nötig, da immer mehr Mütter von vorneherein in der Stolberger Kinderklinik im Bethlehem-Gesundheitszentrumentbinden. Hinzu kommt, dass moderne Rettungswagen inzwischen den „Sindbad-Standard“ aufweisen, also über entsprechende Federung und Ausrüstung verfügen, was in den 90er Jahren noch nicht der Fall war. Da „Sindbad“ aber noch voll funktionsfähig ist, kann er jetzt Kindern in Zentralasien helfen. Das entspricht auch der humanitären Hilfe in In- und Ausland, die Menschenskind leistet. Mit dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ in Aachen konnten wir zum Beispiel 2009 den Transport von zwei großen Containern mit ausrangierten Kinderrollstühlen, Krücken, Orthesen und gut erhaltenen Schulbänken nach Bolivien mitfinanzieren.

Wie gestaltet Menschenskind sein 20-jähriges Bestehen?

Siller: In unserem Jubiläumsjahr haben wir einen würdigen Verabschiedungsraum für trauernde Familien im Bethlehem-Gesundheitszentrum einrichten können. Zurzeit zeigen wir die Fotodokumentation „Überleben“ des bekannten Hamburger Fotografen Walter Schels in der „Essbar“ des Bethlehem-Gesundheitszentrums. Er thematisiert eindrucksvoll das Leben von zu früh geborenen Kindern während der Akutphase auf einer neonatologischen Intensivstation. Und am Mittwoch, 4. September, feiern wir ab 16 Uhr in der „Essbar“ offiziell Geburtstag.

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