VdK-Ortsverband: Neuer Vorsitzender im Interview

Von: Nina Lessenich
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Gemeinsam mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Carlheinz Nadeau (l.) und seiner Frau Brigitte als Schriftführerin will Hermann Josef Meurer für die Zukunft des VdK-Ortsverbands kämpfen. Foto: N. Lessenich

Stolberg. Personen im Rollstuhl, die nicht an Busreisen teilnehmen können oder wegen fehlender Zufahrtsrampen nur mit Hilfe Fremder in ihre Wohnung gelangen, Menschen mit Behinderung, denen die Krankenkasse den Zuschuss für einen Treppenlift verweigert: Hermann Josef Meurer kann viel über Situationen berichten, in denen der Umgang mit behinderten Menschen auch heute noch immer nicht stimmt.

Um sich für solche Menschen einzusetzen, wurde Meurer vor inzwischen 28 Jahren Mitglied im Sozialverband VdK – ein Engagement, das ihm bis heute am Herzen liegt. Als der Stolberger Ortsverband im Mai kurz vor dem Aus stand, sprang er deshalb gerne ein: Spontan übernahm er den Posten des Vorsitzenden, um die Auflösung des Verbands zu verhindern.

Im Mai war die Situation im Stolberger Ortsverband äußerst schwierig. Was war das Problem?

Meurer: Nach dem Tod von Heinz Göbbels stand der Verband zunächst ohne Vorsitzenden da und wurde deshalb aufgelöst. Im Mai gab es dann eine außerordentliche Mitgliederversammlung, bei der ein neuer Vorstand gesucht wurde. Und obwohl der Verband zum damaligen Zeitpunkt rund 850 Mitglieder zählte, wollte niemand diese Aufgabe übernehmen.

Woran lag das?

Meurer: Wahrscheinlich haben die meisten Mitglieder gedacht: „Bei so vielen Leuten meldet sich schon irgendwer“. Und sie haben deshalb nicht darüber nachgedacht, sich selbst für einen der freien Posten zu melden. Außerdem bringt so ein Ehrenamt viel Arbeit mit sich, das schreckt viele ab.

Was wäre die Konsequenz gewesen, wenn man keinen neuen Vorstand gefunden hätte?

Meurer: In diesem Fall wäre der Ortsverband Stolberg endgültig aufgelöst worden, und die inzwischen 900 Mitglieder wären nach Postleitzahl in die angrenzenden Ortsverbände aufgeteilt worden. Das wäre eine wahrhaftige Katastrophe gewesen!

Warum?

Meurer: Damit hätte man eine Gemeinschaft zerrissen, die seit vielen Jahren besteht. Es wäre eine Zumutung gewesen, unsere 900 Mitglieder in fremde Ortsverbände wandern zu lassen, in denen sie niemanden kennen und keine vertrauten Ansprechpartner haben. Das konnte ich nicht zulassen!

Also meldeten Sie sich spontan als neuer Vorsitzender?

Meurer: Genau. Ich habe so etwas vorher wirklich nie geplant, das war sehr spontan. Aber ich habe ein weiches Herz, und in diesem Moment habe ich einfach gedacht: Du musst die Zukunft dieses Ortsverbands jetzt retten!

Und bei der Gelegenheit haben Sie Ihre Frau gleich mit ins Boot geholt.

Meurer: Man kann einen Vorstand eben nicht alleine führen. Meine Frau hat sich sofort bereit erklärt, mich zu unterstützen, sie übernimmt nun die Funktion der Schriftführerin. Außerdem konnte ich Carlheinz Nadenau kommissarisch als stellvertretenden Vorsitzenden wählen.

Warum ist es wichtig, dass Stolberg einen eigenen Ortsverband hat?

Meurer: Dafür gibt es viele wichtige Gründe. Zum einen ist die Armut in Stolberg sehr verbreitet. Und zum anderen gibt es in der Gesellschaft immer noch sehr viele Schwierigkeiten und Probleme im Umgang mit behinderten Menschen. Es ist einfach wichtig, dass sich direkt vor Ort jemand um solche Menschen bemüht.

Ist das auch ihr persönlicher Beweggrund gewesen, sich im VdK zu engagieren?

Meurer: Ich wollte mich einfach sozial engagieren und Menschen helfen, die Hilfe benötigen. Wie wichtig das ist, habe ich schon in jungen Jahren verstanden. Inzwischen bin ich seit 28 Jahren dabei und kann mich wohl als treue Seele bezeichnen. Ich wollte einfach das Gefühl haben, für die Gemeinschaft etwas erreichen zu können, statt nur Einzelkämpfer zu sein.

Gibt es auch schwierige Momente?

Meurer: Sicherlich. Neulich zum Beispiel haben wir eine eintägige Busreise nach Holland organisiert. Eine an Multipler Sklerose erkrankte Dame, die Mitglied in unserem Ortsverband ist und im Rollstuhl sitzt, wollte auch unbedingt teilnehmen. Allerdings konnte ihr Rollstuhl in dem Reisebus nicht mitgenommen werden. Und es gab auch kein Pflegepersonal, das sie hätte betreuen können. Deshalb konnte die Dame leider nicht an dem Ausflug teilnehmen. Das hat mir wirklich von Herzen leid getan. Allerdings halten wir jetzt auch Rücksprache mit den Behindertenbeauftragten der Stadt, um zukünftig eine Verbesserung ihrer Situation zu erzielen. Wir kämpfen für das Wohl unsere Mitglieder.

Sehen Sie darin Ihre Hauptfunktion?

Meurer: Wir sind in erster Linie dafür da, uns bei Schwierigkeiten jeglicher Art hinter unsere Mitglieder zu stellen: Seien es Ablehnungen beim Amt oder bei Krankenkassen oder eben Fälle wie der gerade beschriebene. Wir als Ortsverband kämpfen dafür, dass Dinge durchgesetzt und Probleme unserer Mitglieder gelöst werden.

Konnten Sie bereits Erfolge erzielen, seitdem Sie im Amt sind?

Meurer: Durchaus. Ab dem 8. Januar haben wir endlich ein kleines Büro im Rathaus, in dem wir regelmäßige Sprechstunden. Für dieses Büro haben wir lange gekämpft und sind natürlich sehr froh, dass der Raum uns jetzt zugesagt wurde. Das ist ein wichtiger Schritt.

Wie geht es in den kommenden Wochen und Monaten für den Stolberger Ortsverband weiter?

Meurer: In der nächsten Woche, am 16. Oktober, steht unsere Jahreshauptversammlung an. Da müssen einige Vorstandsmitglieder noch offiziell gewählt werden: Stellvertretender Vorsitzender und Kassierer sind erst kommissarisch von mir bestimmt und noch nicht offiziell von den Mitgliedern bestätigt. Außerdem müssen wir noch Kassenwarte und Beisitzer bestimmen und über zukunftsorientierte Maßnahmen sprechen.

Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Zukunft?

Meurer: Meine Frau und ich wollen vor allem die Aktivitäten des Ortsverbandes weiter fördern und ausbauen. Dazu gehören zum Beispiel gemeinsame Tagesfahrten oder Kaffeetreffen. Wir wollen einfach mehr gemeinschaftliche Nachmittage planen und so den Zusammenhalt im Verband stärken.

Was werden für Sie als Vorsitzenden die größten Herausforderungen sein?

Meurer: Eine große Baustelle ist die Jugend. Leider Gottes gibt es im VdK nur wenige junge Leute. Wenn Sie sich umsehen, stellen Sie schnell fest: Die Menschen in den Vorständen sind fast alle zwischen 70 und 80 Jahren alt. Das ist nicht nur hier so, sondern in den meisten Ortsverbänden des VdK. Da muss man sich natürlich die Frage stellen: Wer übernimmt die Arbeit nach diesen Leuten? Vermehrt junge Leute zu engagieren, ist also eine wichtige Aufgabe für die Zukunft. Außerdem ist es eine große Herausforderung, die Bekanntheit unseres Ortsverbands und unserer Arbeit auszubauen.

Was ist daran so schwierig?

Meurer: Viele Leute wissen einfach gar nicht, was der VdK leistet und wo er helfen kann. Wir wollen, dass auch die jungen Leute schon ein Verständnis dafür bekommen, wofür wir da sind. Wir kümmern uns eben nicht nur um die Kriegshinterbliebenen des Zweiten Weltkriegs, sondern auch um Behinderte oder zum Beispiel um traumatisierte Soldaten, die aus Krisengebieten zurückkommen. Der VdK ist kein Verein für alte Leute.

Was erhoffen Sie sich von mehr Verständnis für Ihre Arbeit?

Meurer: Wir hoffen, dass wir zukünftig noch mehr Mitglieder werben können, um unseren Ortsverband weiter zu stärken. Je größer der Verband ist, desto mehr Durchsetzungsvermögen hat er natürlich, um sich für die Belange seiner Mitglieder einzusetzen.

Bereuen Sie Ihre spontane Entscheidung, einen so wichtigen Posten zu übernehmen?

Meurer: Nachdem meine Frau mit in den Vorstand eingestiegen ist und ich unseren stellvertretenden Vorsitzenden Carlheinz Nadenau kennen gelernt habe, bin ich voll zufrieden mit meinem Posten (lacht). Mit diesem motivierten Vorstand blicke ich wirklich mit sehr positiver Stimmung in die Zukunft. Wir sind uns zwar nicht immer in allen Punkten einig, aber ich hoffe auf eine lange und sehr produktive Zusammenarbeit. Es ist immer ein tolles Gefühl, wenn andere Menschen sich über unsere Arbeit freuen.

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