Unterwelt: Stolbergs dreckige Geheimnisse

Von: Naima Wolfsperger
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Mit dem Gesamtvolumen von etwa 4000 Kubikmeter befindet sich unter dem EWV Parkplatz eines der größten unterirdische Regenüberlaufbecken in Stolberg. Unter der Idylle der Kupferstadt verläuft ein katakombenartiges Netzwerk: Etwa 265 Kilometer Abwasserkanalrohre durch die über 5 Milliarden Liter Schmutzwasser fließen. Foto: N. Wolfsperger
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Die Reinigung kann beginnen: Oitmann und Ganser lassen den Spülschlauch in die Kanalisation ab.
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Immer dabei: Die Ratte, als Maskottchen der Kanalreiniger, hat ihren festen Platz im Spülwagen.
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Stolberg. Ein bisschen sieht es so aus, als wolle man auf dem Mond landen: Eingepackt in einen schneeweißen Overall, ausgestattet mit einem Atemschutz, für den Fall, dass der Geruch unerträglich wird, Gummistiefel, Arbeitshandschuhe, Kopf- und Sichtschutz. Sowie Sauerstoffselbstretter und ein Vierfach-Gaswarngerät, das die Konzentration von Sauerstoff, Kohlenstoffdioxid, Methan und Schwefelwasserstoff misst.

Die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) ist weitestgehend praktikabel und leicht, der Selbstretter hängt dabei vergleichsweise schwer am Hals. Fast so als wolle er daran erinnern, wie wichtig er ist, und daran, dass der bevorstehende Ausflug doch nicht ganz ungefährlich ist. Es geht in das unterirdische Regenüberlaufbecken (RÜB) unter dem EWV-Parkplatz in der Stolberger Altstadt: Ab in die Kanalisation.

René Laschet vom Kanal-Betriebshof hebelt schwungvoll den Schachtdeckel aus, er entfernt den darunter liegenden Schmutzfänger, in dem sich Blätter und Kaugummipapiere gesammelt haben, und ermöglicht damit den Blick in eine düstere Tiefe – in ein schwarzes Nichts. Das Licht in dem RÜB wird eingeschaltet, am Rande des Schachts führt eine stählerne Leiter nach unten. Ein paar alte Spinnennetze hängen schlaff an den Schachtwänden, sie schimmern weiß in dem Licht der explosionsgeschützten Leuchten, das die sonst blickdichte Dunkelheit in ein leichtes Grau verwandelt. Vorsichtig, Schritt für Schritt über die in Dunst genässten Stahlsprossen, geht es nach unten. An der letzten Sprosse muss ein Ausfallschritt gemacht werden, denn direkt unter der Leiter verläuft eine Ablaufrinne, die einen trotz leerem Becken bis zu den Waden unter Wasser setzen kann.

Danach erst traut man sich aufzublicken: Ein riesiger Raum, und doch nur eines der drei Abteile des RÜB am Hammer Bahnhof, eines der größten der Stadt Stolberg. „Die meisten Stolberger wissen nicht einmal, wenn sie über einem RÜB laufen“, sagt Karl-Heinz Weißhaupt, Leiter des Kanal-Betriebshofs (KBH), lächelnd, „den wenigsten ist bewusst, was wir mit unserer Arbeit leisten.“ Die drei Becken können mit einer Gesamtfläche von 1000 Quadratmetern und etwa vier Meter hohen Decken das stolze Volumen von etwa 4000 Kubikmeter, 4 Millionen Liter, fassen. Erst wenn die Überlaufbecken voll sind und die Ablassmenge in die Abwasserkanalisation nicht erhöht werden kann, läuft das Wasser über den Abschlag in den Vichtbach. Der Regen bringt Sand und Straßenschmutz mit sich. Über einen Düsenjet, der in jedem Becken angebracht ist, wird der Schmutz aufgewirbelt und kann größtenteils mit

dem Wasser abfließen. Dennoch lagert sich ein Rest in den Becken ab, überzieht den Beckenboden mit einer weichen Schlammdecke. Nicht nur in RÜBs, auch in Abwasserkanälen lassen sich Ablagerungen nicht ganz vermeiden.

Wer bei der Abwasserkanalisation an ein riesiges katakombenartiges Netzwerk begehbarer Schächte denkt, wie man es vielleicht aus amerikanischen Krimis kennt, liegt nicht zwingend verkehrt – aber eben auch nicht ganz richtig. Die Innendurchmesser der Abwasserkanäle variieren zwischen zwanzig Zentimetern und drei Metern, vergleichbar mit dem Unterschied der Länge einer Suppenkelle und der Deckenhöhe einer Altbauwohnung. Durch diese Rohre verlaufen unter der Idylle der Kupferstadt etwa 265 Kilometer Abwasserkanal, durch die Dreck und Fäkalien gespült werden. Eine Gesamtlänge, die sich fast mit der Autostrecke von Stolberg bis nach Oostende, an die belgische Nordseeküste, deckt.

Knapp 58.000 Stolberger nutzen täglich das Wasser aus der Leitung, am Waschbecken, in der Dusche, für die Toilettenspülung. Kaum vorstellbar bleibt bei dieser Personenzahl, was da durch die Kanalisation fließt. „Einige Abwasserkanäle verschmutzen öfter als andere“, erklärt Weißhaupt, „besonders bei ungünstigen Stellen im Kanal, in Kurven oder wenn das Gefälle nicht stark genug ist. Aber auch die Spartaste an Toiletten führt dazu, dass weniger Wasser in den Kanal kommt, dann müssen wir die Reinigungsfrequenz erhöhen.“

Bei älteren Rohren kommt es auch mal vor, dass Wurzeln sich durch die Muffen drücken. In zu großen Mengen hätten Ablagerungen und Wurzeln in so manchem Rohr den selben Effekt wie im Privathaushalt – wenn ein matschiger Wust aus Staub, Haaren und Seifenresten das Rohr verstopft, das Wasser zurück staut und im Waschbecken mit einem mühseligen Glucksen und Gluckern die unerwünschte Brühe wieder nach oben kommt. Um den reibungslosen Abfluss zu gewährleisten, werden die Kanäle regelmäßig gereinigt. Darum kümmern sich in der Kupferstadt Karl-Heinz Weißhaupt und sein Team vom Kanal-Betriebshof.

2009 wurde in Stolberg noch eine Schmutzwassermenge von rund 6 Milliarden Liter verzeichnet, 2012 belief sich das Schmutzwasser nur noch auf 5,7 Milliarden. Ein Absinken von knapp 5 Prozent. „Man merkt schon, dass allgemein am Trinkwasser gespart wird,“ erläutert Bernd Kistermann von der Stadt, „das hat auch mit den Wasserkosten zu tun.“ In die verzeichnete Schmutzwassermenge fließt, in geringen Mengen, auch so genanntes Fremdwasser aus Grundschichten und illegalen Drainagen mit ein. Dies lässt sich nicht vermeiden.

Unter der Koordination von Weißhaupt sind Fritz Oitmann (63) und Norbert Ganser (58) zwei der elf Personen, die unauffällig, geradezu versteckt, das Leben der Stolberger erleichtern. Sie reinigen die 265 Kilometer Rohr. Der Verbraucher braucht schließlich nur noch an den eigenen Abfluss denken.

Dennoch mache sich der ein oder andere die Mühe, die schweren Kanaldeckel aufzuhebeln, finde er oft die verrücktesten Dinge in den Schachtbauwerken, erzählt Oitmann und erinnert sich an „Schmuck, Besteck, ein Gebiss... Sogar eine Spüle und einen ganzen Mülleimer.“ In solchen Fällen muss die Reinigung, wie in den RÜBs, von Hand geleistet werden. Durch Abwasserkanäle erfolgt sie weitgehend maschinell, mit Hilfe eines Spülwagens, der über die Kombination von Hochdruck- und Vakuumpumpe verfügt.

Die Hochdruckpumpe ist mit einem 160 Meter langen Schlauch verbunden, an dessen Ende mit einem Restdruck von 150 bar 205 Liter Wasser durch die Öffnungen einer Düse gejagt werden. Dahinter wird ein Saugschlauch in die Kanalisation eingelassen, dieser ist über die Verbindung mit der Vakuumpumpe in der Lage, das Wasser samt Ablagerungen aufzusaugen. Anschließend wird es durch einen Zyklonfilter im Spülwagen gereinigt und kann als Betriebswasser für weitere Spülvorgänge verwendet werden. Zwischen 600 und 1000 Meter Rohr können so an einem Tag gereinigt werden.

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