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Peter Püttgen vor seiner Utensilien-Sammlung aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Marie-Luise Otten

Stolberg-Gressenich. Die Berichterstattung im Fernsehen über die vielen Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Serbien, Eritrea, Afghanistan, Irak, Somalia, Pakistan, usw. stimmt Peter Püttgen sehr traurig. Was es heißt, auf der Flucht zu sein und wie die Menschen sich dabei fühlen, kennt er aus eigener Erfahrung. Warum der Ur-Gressenicher seine heiß geliebte Heimat verlassen musste und doch wieder zurückkehren konnte, erzählte er unserer Mitarbeiterin Marie-Luise Otten.

 

Wie alt waren Sie und was war der Grund Ihrer Flucht?

Püttgen: Ich war gerade sieben Jahre alt und ein halbes Jahr in der ersten Schulklasse, als der 2. Weltkrieg uns in Gressenich zu überrollen drohte. Die Front rückte immer näher. Mein Vater, vom Militär durch die Luftschutzleitung der umliegenden Dörfer freigestellt, hörte zu dieser Zeit den Schwarzsender der Amerikaner ab, was eigentlich strengstens verboten war.

Wir Kinder standen oft draußen auf dem Hof und schauten in den Himmel, wo wir ganze Schwärme von Flugzeugen erblickten, die ihre tödliche Last bereit hielten. Wenn Fliegeralarm ausgelöst wurde, brachte man uns in der Schule wie auch zu Hause in die Keller, wo wir die notwendigen Luftschutzübungen durchführten. Türen und Fenster wurden selbstverständlich verdunkelt.

Wann genau haben Sie Ihre Heimat verlassen?

Püttgen: Es war Anfang September 1944, als die ersten Soldaten der deutschen Armee ihre Fahrzeuge unter dem Blätterdach der großen Obstwiese „Pastorsweide“ neben unserem Hof abgestellt hatten und in Stellung gingen. Das war für meinen Vater das Zeichen zur Flucht. Als erste Flüchtlinge verließen wir am 8. September 1944 unser geliebtes Gressenich.

Wussten Sie, wohin es ging und wie sind Sie dorthin gekommen?

Püttgen: Unser Ziel war der landwirtschaftliche Betrieb „Haus zur Mühlen“ (Klostergut) bei Siegburg mit angrenzendem Krankenhaus, auf dem von weitem schon das große rote Kreuz zu sehen war. Mein Vater spannte unsere Pferde „Olga“ und „Dora“ vor den Wagen und zu sieben Familien machten wir uns dann auf den Weg. Unsere Fahrt ging über Schevenhütte, Nideggen, Zülpich, Meckenheim, wo wir auf der heutigen Reitanlage „Gut Hohn“ übernachteten. Hier stießen dann auch mein Großvater und seine Familie mit Pferd und Wagen zu uns, und gemeinsam ging es am nächsten Tag dann bis Siegburg.

Wen oder was haben Sie zurückgelassen?

Püttgen: Zurücklassen mussten wir unseren polnischen Kriegsgefangenen Stanislaus Kowalski, der auf dem Hof meines Vaters arbeitete. Er weinte bitterlich. Mit zurück blieb unser ganzes Hab und Gut. Das Vieh wurde zunächst noch von unserem Arbeiter und einem Nachbarn versorgt. Als auch dies nicht mehr möglich war, haben sie alle Tiere losgemacht und sich selbst überlassen. Darunter war eine Sau mit neun kleinen Ferkeln.

Hat Ihr Vater nicht versucht, doch noch irgendwie an die Tiere zu kommen?

Püttgen: Er hat es versucht, ist aber nur bis Eschweiler-Hastenrath gekommen, da Gressenich mittlerweile wegen der Maul- und Klauenseuche Sperrgebiet war.

Wie haben die Menschen reagiert, denen Sie unterwegs begegnet sind?

Püttgen: Sie standen an der Straße und fragten, ob wir die ersten Flüchtlinge seien, woher wir kämen und wo die Front stände. Mit Tränen in den Augen reichten sie uns Essen und Getränke.

Auf welche Leute sind Sie dann in Ihrer neuen vorübergehenden Bleibe gestoßen?

Püttgen: Hier waren zwischen 35 und 40 russische und polnische Kriegsgefangene zwangsverpflichtet. Des weiteren lebte hier eine Witwe mit ihrem 15 Jahre alten Sohn. Sie waren in Köln ausgebombt worden. Der ältere Bruder und sein Vater waren schon im Krieg gefallen. Da der jüngere Sohn in der Hitlerjugend war und seinen Führer über alles liebte, meldete er sich gegen den Willen seiner Mutter freiwillig zum Schanzen (Anmerkung: Die Soldaten verschanzen sich, sie bauen sich mit dem Spaten Löcher und Wälle gegen Beschuss.). Er trat in Hürtgenwald in den Dienst und verstarb da schon nach drei Tagen. Das ist uns allen sehr nahe gegangen.

Welche negativen Erfahrungen haben Sie sonst noch gemacht?

Püttgen: Ich habe miterlebt, wie auf der Autobahn amerikanische Jabos (=Jagdbomber) Lkw abgeschossen haben und wie die Menschen in den Laufgräben zwischen den Autobahnen Schutz suchten, soweit sie überlebt hatten. Auch Menschen in einem Tunnel unter der A 4 und der Innenhof des Klostergutes sowie das Krankenhaus, das mit dem Roten Kreuz auf dem Dach laut UNO-Charta nicht hätte angegriffen werden dürfen, wurden von den amerikanischen Fliegern beschossen.

Wie lange mussten Sie in Siegburg ausharren?

Püttgen: Wir waren hier vom 10. September 1944 bis zum 1. Mai 1945.

Was geschah, als Sie erfuhren, dass der Krieg beendet war?

Püttgen: Auf der Kommandantur der Amerikaner bekam mein Vater die freudige Nachricht, dass wir mit den nötigen Papieren ausgestattet, unsere Heimreise nach Gressenich antreten durften. So überquerten wir am 1. Mai 1945 den Rhein auf einer Pontonbrücke. Diese bestand aus einer Reihe verschlossener Metallfässer, auf die ein geländerloser Steg montiert war. Die Pferde trugen Strümpfe und Lappen um die Hufe, da sie sonst auf der Eisenbrücke gescheut hätten. Während wir zu Fuß gingen, lenkte mein Vater den Wagen sicher über die schwankende Brücke.

In Sindorf hatten wir eine Zwischenübernachtung. Ich erinnere mich, dass die Amerikaner uns in die dortige Zementfabrik einwiesen, um uns auch zu entlausen. Anschließend versorgten sie uns mit Terrinen voller Suppen und ließen uns dann am nächsten Tag weiterfahren. Unterwegs trafen wir auf einen umgestürzten amerikanischen Lastwagen, der mit 20 Liter großen Weißblecheimern beladen war und von zwei farbigen Soldaten bewacht wurde. Viele Flüchtlinge fuhren achtlos vorbei. Als unser Wagen den Lkw passierte, winkten die Soldaten uns heran und überreichten uns einen der Eimer, dessen Inhalt wir erst zu Hause zu Gesicht bekamen.

Was fanden Sie in der Heimat vor?

Püttgen: Als wir in Gressenich ankamen, begrüßte uns am Ortseingang der spätere Dechant und Monsignore Peter Josef Hubert Willms. Unser Haus in der Römerfeldstraße 14 war nicht mehr bewohnbar. Von der Straßenseite hatte eine Granate die Vorderseite des Hauses aufgerissen, und der hintere Teil war von deutschen Landsern (Soldaten) gesprengt worden, um Unterlagen des als Befehlsstandes genutzten Kellers zu zerstören.

Wir fanden Unterkunft bei einem Landwirt in der alten Schulstraße. Ich wurde gleich krank und musste das Bett hüten. Hätten wir nicht den mit Keksen gefüllten Eimer unseres „Feindes“ gehabt sowie die Milch der einzigen Kuh unseres Freundes, ich glaube, ich hätte nicht überlebt. Nach 14 Tagen hatten meine Eltern in unserem Haus drei Zimmer notdürftig bewohnbar gemacht, so dass wir wieder in unseren eigenen Wänden leben konnten.

Haben Sie Ihren polnischen Kriegsgefangenen noch einmal getroffen?

Püttgen: Ja, nach drei weiteren Wochen stand unser Stanislaus plötzlich auf dem Hof vor mir. Er fragte nach meiner Mutter, die gerade beim Kartoffelschälen war, nahm ihr das Schälmesser aus der Hand und schälte weiter. Seinen dankenswerten Augenaufschlag sehe ich heute noch vor mir. Nachdem er mit meiner Mutter über die schrecklichen Kriegsgeschehnisse gesprochen hatte, verließ er mit einem Essenpaket unser Haus. Wir haben nie mehr etwas von ihm gehört.

Von wem oder was mussten Sie sich noch verabschieden?

Püttgen: Eines unserer Pferde, „Dora“, verendete kurze Zeit später an einer Phosphorvergiftung, weil es das vergiftete Gras gefressen hatte, auf dem die Phosphor-Bomben abgeworfen worden waren.

Wie viele Personen lebten Anfang Mai 1945 in Gressenich und wovon lebten sie?

Püttgen: Es lebten rund 40 Personen in Gressenich von dem, was der Krieg übrig gelassen hatte: Eingemachtes und Kartoffeln aus dem Keller, amerikanische Lebensmitteldosen aus Häusern, Unterständen und sogar aus dem Wald. Zudem wurden Lebensmittelkarten ausgeteilt, die zwar halfen, aber nur spärlich die Not linderten. Da die aufgerufenen Lebensmittel sehr schnell vergriffen waren, blühten Tauschgeschäfte (z. B. Messingkartuschen), Schwarzhandel und Schmuggel. Unsere Kleidung war zum Teil aus alten Wehrmachtsbeständen hergerichtet, an den Füßen trugen wir amerikanisches Schuhwerk. Es gab keinen Strom, und daher bastelten wir aus den herumliegenden Geschossen Karbidlampen, die uns ein wenig Licht spendeten. Not macht erfinderisch!

Wie sind Sie danach wieder auf die Beine gekommen?

Püttgen: Da Gressenich zu 90 Prozenz in Schutt und Asche lag und es noch keinen Schulunterricht gab, haben alle mit angepackt. Die Bauern wurden durch die von Amerikanern eingesetzte Gemeindeverwaltung verpflichtet, die Straßen von dem Dreck zu befreien, damit diese einigermaßen befahrbar waren. Ich half im Feld mit, Granatlöcher und Panzerspuren einzuebnen. Geldspenden, wie sie heute üblich sind, gab es keine. Es ging ums reine Überleben. Jeder half dem anderen, so gut er konnte. Die Feldprodukte wurden geteilt, und auch das Obst am Wegesrand wurde gepflückt.

Was war dann mit dem Gang zur Schule?

Püttgen: Der Jahrgang 1937 wurde im Herbst 1945 neu eingeschult. Das vorhergehende Schuljahr wurde einfach gestrichen. Die Kinder teilten sich vom 1. bis 8. Schuljahr einen Klassenraum. Statt Tafel und Kreide gab es jetzt Tinte und Papier. Das Wiederaufbauprogramm der USA half mit dem so genannten Marshallplan, dass es in der Schule für die Kinder zu Mittag eine Suppe gab.

Mit welchen Augen sehen Sie die Flüchtlinge heutzutage und besonders in Deutschland?

Püttgen: Ich bin sehr traurig, wenn ich höre, dass Heimatvertriebene auf Menschen treffen, die kein Mitgefühl zeigen. Sie sind wohl durch den Wohlstand und durch eine gewisse Egozentrik abgebrüht und kalt geworden. Mitmenschlichkeit geht alle an! Keiner verlässt seine Heimat freiwillig, es sei denn, es herrschen dort Krieg und unzumutbare Zustände. Wie schwer es ist, nichts zu essen zu haben und den Schrecken des Krieges unter menschenunwürdigen Strapazen zu entkommen, kann nur der ermessen, der es selbst erlebt hat. Deshalb gilt es, Kriegsflüchtlinge unbedingt zu unterstützen und ihnen neue Chancen zu bieten.

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