Stolberg - Unterlagen zeigen: 1898 leben viele Familien unter ärmsten Verhältnissen

Unterlagen zeigen: 1898 leben viele Familien unter ärmsten Verhältnissen

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Kinder im Planschbecken in Steinbachs-Hochwald 1930, Lütters/Stadtarchiv Stolberg, Akte ST 981.
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Annonce des Stolberger Generalanzeigers 1898 „Auf zur Atsch!“, Stadtarchiv Stolberg, Zeitungssammlung.

Stolberg. Zum 900. Jubiläum Stolbergs präsentiert das Stadtarchiv monatlich ein Archivale aus einem Stadtteil der Kupferstadt. Von A wie Atsch bis Z wie Zweifall werden in dreizehn Folgen Stadtteilgeschichten erzählt und illustriert mit Annoncen aus dem „Stolberger Generalanzeiger“ von 1898.

Im nördlichsten Zipfel des Stadtgebiets liegt bei Atsch das städtische Gut Steinbachs-Hochwald. Seit Generationen ist das Terrain nicht nur als landwirtschaftlicher Betrieb, sondern auch als Naherholungsgebiet bekannt.

Als Bauernhof wurde die Anlage im 19. Jahrhundert gegründet und wurde seit 1898 um ein Restaurant im Grünen erweitert. Bis 1925 war das Gut im Besitz der in Atsch ansässigen und prägenden Chemischen Fabrik Rhenania, oft nur kurz als „Kalichemie“ bezeichnet. Die Akten ST 839 und 981 des Stadtarchivs beinhalten die Vorgänge „betreffend örtlicher Erholungsfürsorge“ und „Ferienspiele der Kinder“ der Jahre 1927 bis 1936.

Die Ortsgruppe Stolberg des „Reichsbunds der Kinderreichen“ wandte sich 1927 an die Stadtverwaltung. „Unserer Jugend fehlt es besonders in Stolberg an Luft und Licht“, schreibt der Vorsitzende. „Die Ferien [würden] manchmal zur Plage“ und „bei dem zunehmenden Autoverkehr wird aber die freie Betätigung der Kinder auf der Straße zu einer großen Gefahr“.

Das Jugendamt nahm die Anregung gerne auf und ging sofort an die Planung. Eine erste Erhebung ergab 496 Jungen und 554 Mädchen, die teilnehmen wollten. Eintausend Kinder konnten jedoch weder betreut noch versorgt und auch nicht mit der Straßenbahn dorthin transportiert werden. Man verständigte sich auf maximal einhundert Kinder des 2. und 3. Schuljahres, die auf den Wiesen des Gutes an je drei Nachmittagen von den Lehrkräften mit Spielen betreut werden sollten.

Das als Versuch avisierte Programm war ein Erfolg und wurde so in den nächsten Sommerferien 1928 fortgeführt und auch für ältere Kinder geöffnet. Tatkräftig unterstützt wurde die Maßnahme durch den Pächter Wilhelm Rombach. Ein Planschbecken wurde angelegt, eine Liegehalle sollte für Erholung und Schutz vor Regen sorgen, und die Ausgabe von ¼ Liter Milch für fünf Reichspfennig war inbegriffen. Pausenbrote waren mitzubringen.

Die Stolberger Zeitung berichtete am 7. September 1928, dass „ein wahres Wettrennen entsteht, wenn es heißt: Auf zum Planschbecken!“ Schließlich waren Angebote für Kinder sonst im Stadtgebiet nicht zu finden und die Lebenswelt von trister Geschäftigkeit, Industrie und – für uns heute vergleichbar ruhigen – Verkehr geprägt. Von den Problemen mit der Hygiene des Planschbeckens und der Qualität des Trinkwassers bekamen die Kinder fast nichts mit.

Ein Fall ist dokumentiert, als ein Junge im Becken in eine zerbrochene Flasche trat. In der Zeitung berichteten die Kinder von ausgelassenen Fuß- und Handballspielen, Tauziehen, Eselreiten, Wanderungen im Atscher Wald sowie „Räuber und Schandit“-Spiel. Die Ferienspiele unter Leitung des Lehrers Gottfried Coenen wurden in den Folgejahren fortgeführt, auch wenn Probleme der Infrastruktur anhielten und 1931 „die Stadtkasse vor dem Kassenzusammenbruch steht“, wie vermerkt wurde.

1935 übernahm das „Amt für Volkswohlfahrt“ der NSDAP die Organisation der Erholungsmaßnahmen und die Dokumentation der Archivakten enden. Für etwa zehn Jahre hatten Kinder der Ober- und Unterstolberger Schulen die Wald- und Wiesengebiete rund um Steinbachs-Hochwald in Atsch die Gelegenheit, Spiel, Spaß und Ausflüge im Grünen zu genießen, bis der Krieg dieses Kapitel schloss. Das Stadtarchiv beherbergt und sammelt als Historisches Kompetenzzentrum und „Gedächtnis der Stadt“ Akten, Urkunden, Bilder, Bücher, Zeitungen, Nachlässe und andere Sammlungen der Stadtgeschichte. Historische Unterlagen aus allen Stadtteilen stehen dort interessierten Bürgern für Forschung, Wissenschaft und Bildungsarbeit zur Verfügung.

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