„Unser Dorf hat Zukunft“: Stolberger liegen gut im Rennen

Von: Dirk Müller
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Andrea Drossard erklärt, warum die Stolberger Teilnehmer „ganz sicher für eine Überraschung gut“ sind. Foto: D. Müller

Stolberg. Der Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ findet in diesem Jahr wieder auf städteregionaler Ebene statt, und unter den 24 Teilnehmern sind mit Breinig, Büsbach, Donnerberg und Vicht auch vier Stolberger Stadtteile mit von der Partie.

Bei der Städteregion Aachen ist Andrea Drossard unter anderem für Regionalentwicklung und den ländlichen Raum zuständig und damit auch für den Dorfwettbewerb. Dirk Müller sprach mit der Wirtschaftsgeografin über „Unser Dorf hat Zukunft“ und die Beteiligung aus der Kupferstadt.

Was ist der Unterschied zwischen dem alten Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“, der bis 1997 ausgetragen wurde, und der aktuellen Variante „Unser Dorf hat Zukunft“?

Drossard: Der alte Wettbewerb wurde ein wenig despektierlich „Blümchenwettbewerb“ genannt, da die optische Erscheinung des Dorfes im Vordergrund stand. Die Zukunft der Dörfer liegt aber nicht nur in ihrer Schönheit. Das neue Wettbewerbsmotto steht für einen ganzheitlichen Ansatz, der aktuelle Entwicklungen aufgreift und den Umgang der Dörfer und ländlich geprägten Ortsteile mit Herausforderungen wie dem demografischen und strukturellen Wandel bewertet.

Welche Aspekte werden bewertet und in welcher Gewichtung?

Drossard: Es gibt insgesamt sechs Bewertungsbereiche, von denen „Konzeption und Umsetzung“ sowie „Soziales und kulturelles Leben“ die höchst bepunkteten, weil wichtigsten sind. Weitere Bereiche sind „Wirtschaftliche Entwicklung“, „Baugestaltung“, „Grüngestaltung“ sowie „Dorf in der Landschaft“. Beim Besuch der Bewertungskommission wird jedes Dorf vor dem Hintergrund seiner individuellen Ausgangslage bewertet. Und das macht es spannend, weil es das perfekte Dorf nicht gibt. Jeder Ort hat seine Alleinstellungsmerkmale und Besonderheiten, die es zu zeigen gilt.

Etwa die Aspekte Baugestaltung und wirtschaftliche Entwicklung können allerdings kaum von den Einwohnern der Dörfer gesteuert werden. Werden zum Beispiel Büsbach und Breinig bevorteilt, weil diese Dörfer einen historischen Straßenzug und eine funktionierende Nahversorgung aufweisen?

Drossard: Nein, denn bei dem Wettbewerb geht es in erster Linie um das Bewusstsein für und den Umgang der Dorfgemeinschaften mit den besonderen Herausforderungen unserer Zeit. Nehmen wir die wirtschaftliche Entwicklung: Daseinsvorsorge ist ein großes Thema. Dazu gehört auch eine intakte Nahversorgung. Ist diese vor Ort nicht mehr gegeben, können die Dorfgemeinschaften dennoch Lösungen entwickeln, etwa indem sie Nachbarschaftshilfe für nicht mobile Einwohner anbieten oder gemeinsame Einkaufsfahrten organisieren. Auch ein rollender Supermarkt kann den Bedarf decken. Ein hervorragendes Beispiel für diesen Bereich ist gerade in Vicht auf den Weg gebracht worden: der Vichter Dorfladen. Übrigens eine Entwicklung, die aus der letzten Teilnahme an „Unser Dorf hat Zukunft“ resultiert. Beim Thema Baugestaltung geht es nicht nur um den Erhalt ortsbildprägender Baukultur, gleichfalls wird zum Beispiel geschaut, dass etwa Neubaugebiete städtebaulich integriert sind. Auch die Bepflanzung und Begrünung mit regionalen Gehölzen oder die Verwendung regionaler Baumaterialien prägt die dörfliche Identität. Dafür gilt es zu sensibilisieren, und das Bewusstsein für die Anpassung dieser Traditionen an moderne Erfordernisse zu stärken.

Welche Preise bekommen die Sieger auf Städteregionsebene?

Drossard: Der Wettbewerb ist in einen Nord- und einen Südraum unterteilt. Beide Sieger der Gruppen erhalten jeweils 1500 Euro, die Zweitplatzierten 1250 Euro und die Dritten 1000 Euro. Alle anderen Teilnehmer bekommen jeweils 500 Euro. Diese Prämierung können wir dank der großzügigen und langjährigen Unterstützung durch die Sparkasse Aachen leisten. Das punktbeste Dorf des Wettbewerbs qualifiziert sich automatisch für die Landesebene, sofern der Ort nicht mehr als 3000 Einwohner hat, denn das ist die Obergrenze im Landeswettbewerb.

Was ist mit Breinig, Büsbach und Donnerberg, die weit mehr als 3000 Einwohner haben?

Drossard: Die genannten Dörfer wissen um diese Regelung. Auf Ebene der Städteregion Aachen haben wir uns bewusst dazu entschieden, diese Grenze auszusetzen, um jegliches Engagement in den Dörfern aufzugreifen und zu würdigen. Für die meisten teilnehmenden Dörfer gilt ohnehin zunächst „dabei sein ist alles“. Das Abschneiden und die weitere Teilnahme am Landes- oder gar Bundeswettbewerb ist zweitrangig. Allein das Mitmachen bei dem Wettbewerb generiert einfach einen großen Mehrwert für die Dörfer.

Bitte beschreiben Sie diesen Mehrwert genauer.

Drossard: Der Mehrwert liegt vor allem in der Beschäftigung der Dorfgemeinschaften mit sich selbst und der Entwicklung vor Ort. Durch den Wettbewerb wird oftmals eine neue Dynamik angestoßen: Vereine untereinander vernetzen sich stärker, Bürger ohne Vereinsanbindung und Neubürger können sich engagieren und in die Dorfgemeinschaft einbringen. Es gibt ein aktives Miteinander der Generationen zugunsten des eigenen Lebensumfeldes. Gemeinsam werden Stärken und Schwächen identifiziert, und es entsteht ein besseres Bewusstsein für die Lebensqualität vor Ort. Oft sind die Dorfgemeinschaften überrascht, was ihr Dorf alles zu bieten hat oder entdecken, was noch fehlt, und wo es zu handeln gilt. Für viele Menschen wird aus dem Gedanken „man müsste“ der Impuls „wir machen, und ich bin aktiv dabei“.

Können Sie dafür konkrete Beispiele nennen?

Drossard: Sehr viele. Wenn wir etwa auf den Donnerberg schauen, sehen wir einen relativ großen Stadtteil mit rund 5600 Einwohnern. Dort gibt es struktur- und größenbedingt mehr Anonymität als in kleineren Dörfern, und es ist schwieriger, die Gemeinschaft zu mobilisieren, Interessen und Engagement zu bündeln. Den Donnerbergern ist dies im Vorfeld der Teilnahme an „Unser Dorf hat Zukunft“ jedoch bestens gelungen. Es gab verschiedene Planungstreffen und Informationsveranstaltungen, um die Gemeinschaft mitzunehmen und in die Aktivitäten einzubinden. Der Stadtteil verfügt jetzt über eine eigene Internetseite mit Informationen über die Geschäfte vor Ort, Gastronomieangebote, Rubriken wie Gesundheit, Bildung und mehr. Es gibt einen Terminkalender und ein Schwarzes Brett – die Internetseite steht für die Vernetzung des gesamten Donnerbergs.

Warum findet der Wettbewerb nur alle drei Jahre statt?

Drossard: Der Turnus gibt vor, dass auf die Kreis- beziehungsweise Städteregionsebene in den beiden darauffolgenden Jahren der Landes- und der Bundeswettbewerb folgen. Da durch den Wettbewerb langfristige Prozesse in den Dörfern in Gang gebracht werden, ist dieser Rhythmus durchaus sinnvoll. Im Nachgang der Bereisung durch die Kommission der Städteregion erhalten die Dörfer zudem ein ausführliches Bewertungsprotokoll mit wertvollen Anregungen und Handlungsempfehlungen für alle Bewertungsbereiche. Die Umsetzung dieser Anregungen nimmt natürlich auch Zeit in Anspruch. Aber wir begleiten die Dörfer kontinuierlich auf diesem Wege und bieten zusätzliche Unterstützung durch Planungswerkstätten oder thematische Workshops an.

Angesichts des Mehrwertes der Teilnahme und garantierten 500 Euro – warum machen nicht mehr Dörfer bei dem Wettbewerb mit?

Drossard: Voraussetzung für die qualifizierte Teilnahme ist, dass die Dörfer sich im Vorfeld mit den Bewertungskriterien in Anwendung auf ihre eigene Ausgangssituation beschäftigen. Das erfordert Zeit und vor allem Menschen und Mitstreiter, die sich mit Freude und Engagement zugunsten der Gemeinschaft einbringen wollen. Kümmerer also. Und die sind in der heutigen Zeit und mit Blick auf viele andere Aktivitäten manchmal schwer zu finden. Andere Dörfer wie Büsbach setzen ihre Teilnahme für einen Turnus aus, um die Anregungen und Erkenntnisse aus dem Wettbewerb zunächst umzusetzen. Büsbach hat 2008 den zweiten Platz belegt und im Nachgang eine Planungswerkstatt zur Umgestaltung und Aufwertung des Ortsmittelpunktes durchgeführt. Die Realisierung der von den Bürgern erarbeiteten Ergebnisse konnte aufgrund der Finanzlage der Kommune aber nicht sofort vollzogen werden. Trotzdem sind die Büsbacher am Ball geblieben, und jetzt gibt es die entsprechenden Finanzmittel im städtischen Haushalt, und die Maßnahme kann umgesetzt werden.

Der Wettbewerb und die teilnehmenden Dörfer werden seitens der Städteregion stark unterstützt. Was hat die Städteregion von diesem aufwendigen Engagement?

Drossard: Der ländliche Raum stellt das Potenzial der Städteregion ebenso dar wie der städtische. Beide können nicht ohne einander. Es gibt enge Verflechtungen und von den Initiativen der Menschen vor Ort, von aktiven Dorfgemeinschaften profitiert daher die gesamte Städteregion. Der Dorfwettbewerb trägt dazu bei, die eigene Heimat und den ländlichen Raum lebens- und liebenswert zu erhalten.

Bei allem Mehrwert der Teilnahme bleibt „Unser Dorf hat Zukunft“ dennoch ein Wettbewerb. Wie schätzen Sie die Chancen der Stolberger Dörfer ein?

Drossard: Ich glaube, es wird ein spannender Wettbewerb, und die Stolberger Orte sind ganz sicher für eine Überraschung gut, weil sie bestens aufgestellt sind und mit großer Motivation und Engagement an den Start gehen. Büsbach und Donnerberg liegen im Nordraum gut im Rennen und auch Breinig und Vicht, die im Südraum antreten, haben ein enormes Potenzial. Das zeigt sich auch darin, dass sie sich bei den bisherigen Teilnahmen sukzessive nach vorne gearbeitet haben: Beide müssen sich nicht vor unseren Eifel-Dörfern verstecken.

Was kann am Ende den Ausschlag für eine gute Platzierung geben?

Drossard: Neben der Tagesform und der Art der Präsentation, die durchaus kreativ sein darf, ist es auch wichtig zu dokumentieren, was sich seit der vorherigen Wettbewerbsteilnahme getan hat. So wird Vicht sicher mit dem Dorfladen und dem Lehmjöres-Wanderweg beeindrucken können, Büsbach mit der Öffnung der Interessengemeinschaft der Vereine zur Interessengemeinschaft Büsbach für alle Bürger sowie der bevorstehenden Umgestaltung des Dorfkerns. Breinig und Donnerberg können auf vielfältige Aktivitäten im sozialen und kulturellen Bereich verweisen. Vor dem Hintergrund der Schrumpfungs- und Alterungsprozesse auch im ländlichen Raum ist es eine anspruchsvolle Aufgabe, all diese Aktivitäten zu stemmen.

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