Unbesetzte Lehrstellen: Mangelhaft ist nicht nur das Interesse

Von: Robert Flader undDoris Kinkel-Schlachter
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Hochkonzentriert bei der Arbei
Hochkonzentriert bei der Arbeit: Betriebe stellten in diesem Jahr mehr junge Leute ein, um sich die Fachkräfte von morgen frühzeitig zu sichern. Nach dem doppelten Abitur-Jahrgang 2013 wird die Zahl der Schulabgänger voraussichtlich deutlich zurückgehen. Foto: imago/sepp spiegl

Stolberg. Wollen sie nicht? Können sie nicht? Die Lage von Auszubildenden wird oft deshalb als mittelmäßig dargestellt, weil zu wenig Stellen vorhanden sind. Aber stimmt das überhaupt? Eine Analyse zum Ausbildungsstart in Stolberg.

Beim Saint Gobain Sekurit-Werk wird viel Wert auf Qualität gelegt, das versteht sich für den Autoglashersteller von selbst. So viel, dass vor Vorstellungsgesprächen in theoretischen und praktischen Testrunden potenzielle Auszubildende auf ihre Fertigkeiten getestet werden.

„Wenn sich Bewerber oder wir dann immer noch nicht sicher sind, bieten wir auch Praktika an, um sich noch ein bisschen besser kennen zu lernen”, sagt Sandra Thomaßen, Assistentin der Werkleitung. In diesem Jahr wurden fünf neue Azubis, zwei Verfahrensmechaniker im Bereich Glastechnik, ein Industriemechaniker und zwei Elektroniker für die automatisierende Technik eingestellt.

Damit sind im Sekurit-Werk an der Nikolausstraße insgesamt 13 Auszubildende beschäftigt. Bei gutem Abschlusszeugnis werden die Nachwuchskräfte auch unbefristet übernommen, allein in diesem Jahr waren es bislang vier.

„Qualifikation reicht nicht immer”

Zusätzlich wurden bei Saint Gobain Glas zum 1. September sieben Verfahrensmechaniker für Glastechnik eingestellt, dazu zwei angehende Industriekaufleute. Und doch: „Es kommt schon vor, dass wir Stellen unbesetzt lassen, weil wir einfach nicht genug geeignete Bewerber finden”, sagt Thomaßen. „Die Qualifikation reicht in manchen Fällen einfach nicht aus.”

Davon kann auch Bernd Böhmer ein Lied singen. Der Ausbildungsleiter der Prym-Gruppe hat zwar aktuell bemerkenswerte 189 Auszubildende im gewerblich-technischen Bereich, darunter 153 aus Fremd-Firmen, unter seiner Regie, doch das Limit sei damit nicht unbedingt erreicht: „Wir kriegen nicht immer alle Stellen besetzt, die wir anbieten”, sagt er. „Wir suchen zum Beispiel händeringend Oberflächen-Beschichter.”

Im kaufmännischen Bereich gebe es ein solches Problem nicht: „Auf unsere neun Stellen kommen rund 100 gute Bewerbungen”, sagt Christel Desens von Prym. „Es ist dann schon schwierig, sich auf einige wenige für ein Vorstellungsgespräch zu einigen.” In diesem Monat hat das Traditionsunternehmen 46 neue Azubis angestellt, davon neun eigene. „Vor zehn Jahren hatten wir insgesamt noch 80 Lehrlinge und haben uns seitdem pro Jahr um etwa 15 Prozent gesteigert”, erklärt Böhmer. Prym bildet nach wie vor „bedarfsorientiert” aus, was auch die Chancen auf eine Übernahme nach der Lehre steigere.

Heinz Gehlen sieht die Unternehmen langfristig noch stärker in der Pflicht, wenn der vielzitierte Fachkräftemangel aufgehalten werden soll. „Es ist ein altes Problem: Firmen finden nicht mehr ausnahmslos die richtigen Leute für ihre Stellen”, sagt der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Aachen (IHK). „Man muss klar sagen, dass auch die Anforderungen der Arbeitgeber immer weiter steigen.” Anforderungen, denen die jungen Bewerber auch aufgrund ihrer schulischen Bildung nicht immer gerecht werden (können). Deshalb prognostiziert Gehlen: „Wenn die Leidensschwelle von Unternehmen größer wird, dann werden sie über kurz oder lang auch Leute mit einem schwächeren Leistungsstand einstellen und intern nach vorne bringen.”

Mit mangelndem Interesse oder Bewerber-Qualität hat die VR-Bank keine Probleme, wie Norbert Wefers betont. Neun Ausbildungsplätze hat die VolksbankRaiffeisenbank in der Region Aachen vergeben, acht davon gehen den klassischen Ausbildungsweg des Bankkaufmannes, einer hat sich für ein duales Studium entschieden. Damit seien alle Stellen besetzt, „bislang haben wir immer in der Größenordnung sechs bis acht eingestellt”, sagt der Leiter Personalwesen. Man sei guter Dinge, dass Nachfrage und Qualität groß bleiben, „auch hinsichtlich des doppelten Abi-Jahrgangs”.

Alle Wunschstellen besetzen konnte auch die Krankenkasse Actimonda (ehemals BKK Alp Plus). Zum 1. August haben fünf junge Menschen ihre Ausbildung zum „Sofa” gemacht, also zum Sozialversicherungsfachangestellten. „Wir hatten viel mehr Bewerbungen als Stellen, nämlich 123”, weiß Pressesprecher Ralf Steinbrecher. Die Krankenkasse schaltet Stellenanzeigen, auch online beim BKK-Bundesverband. Vier Azubis sind im zweiten, drei im dritten Ausbildungsjahr. Die Actimonda lädt ihre Bewerber zu klassischen Vorstellungsgesprächen ein.

Durch ein Assessment Center - das ist eine Kombination aus verschiedenen Tests, Planspielen und Gesprächen - müssen dagegen die Bewerber, die darauf hoffen, bei der EWV anzufangen. Von 406 Bewerbern können sich zehn über eine Ausbildung beim örtlichen Energie- und Wasserversorger freuen. Vier haben sich für ein duales Studium (zwei BWL Plus, zwei Elektrotechnik Plus) entschieden, drei werden zu Industriekaufleuten ausgebildet, drei zu Elektrotechnikern für Betriebstechnik. „Damit sind alle Stellen besetzt”, sagt Yvonne Rollesbroich. Die Perspektiven sind laut der Pressereferentin sehr gut, „bei uns ist die Übernahme gesichert”, betont sie.

Machen sich die Auszubildenden bei Leoni Kerpen gut, sehen auch hier die Übernahmechancen gut aus. Zehn Lehrstellen hat das Werk an der Zweifaller Straße besetzt, und „natürlich gab es bei uns mehr Bewerbungen als Stellen”, weiß Andrea Müller aus der Personalabteilung. Bei den gewerblichen Berufen müssen die Anwärter durch einen Einstellungstest, wer eine kaufmännische Laufbahn einschlägt, geht ins Vorstellungsgespräch. Vier machen aktuell die Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer, zwei zum Industriemechaniker, zwei werden Energieelektroniker, einer strebt den „Bachelor of Engineering”, Fachrichtung Elektrotechnik, an, und ein Azubi macht die Lehre zum Industriekaufmann.

„Wir bilden für die eigenen Reihen aus”, weist Melanie Lehmann aus der Personalabteilung daraufhin, dass die Azubis bei Schwermetall in der Regel übernommen werden. Vier Auszubildende haben dort, nachdem sie im Vorstellungsgespräch überzeugen konnten, angefangen. Sie werden zu Verfahrensmechanikern und Industriemechanikern ausgebildet.

„Der frühe Vogel fängt den Azubi”: Nach diesem Motto hält Michael Braun intensiv Ausschau nach Bewerbern für 2013. Der Ausbilder und Mitarbeiter in der Personalabteilung von Berzelius weiß, „dass wir ja auch in Konkurrenz mit anderen Firmen stehen”. Drei Stellen gilt es zu besetzen: Elektroniker für Betriebstechnik, Industriemechaniker und Industriekaufmann, in der Bleihütte am Binsfeldhammer werden bereits eifrig Bewerbungen gesammelt. Zum Ausbildungsstart 2012 konnte Berzelius lediglich eine von zwei Stellen besetzen - die des Industriemechanikers. „Mangels geeigneter Bewerber konnten wir keinen Elektroniker einstellen”, sagt er. In einer mangelnden Ausbildungsreife sowie fehlender Qualifikation sieht der Ausbilder die Hauptprobleme. „Auch mit Hilfe der Agentur für Arbeit konnten wir keinen geeigneten Bewerber finden.”

Anstellung „auf Lebenszeit”

„Erhebliche Mühen, diese Stellen zu besetzen”, hatte Werner Wangerin, als es darum ging, zwei Auszubildende zum Verwaltungsfachangestellten zu finden. Allerdings nicht nur, weil es an der Qualifikation hapern würde, sondern auch schlichtweg aus „mangelndem Interesse”. Warum das so ist, weiß der Personalleiter der Stadt Stolberg nicht, „die Leute drängt es offensichtlich nicht mehr in den öffentlichen Dienst.”

Und das obwohl die Aussichten - im Vergleich zu so manch einem Posten in der Wirtschaft - geradezu rosig sind. Wer seinen Abschluss mit mindestens „gut” macht, „hat bei uns eine sichere Anstellung in Aussicht, sozusagen auf Lebenszeit”, betont Wangerin. Aber auch wer mit einem „befriedigend” abschließt, wird übernommen, wenn auch zunächst mit einem befristeten Vertrag. Ein „ausreichend” dagegen ist für den Personalleiter nicht ausreichend. Ein weiteres Problem sieht Werner Wangerin darin, dass die Behörden untereinander abwerben, „das wird immer schlimmer im öffentlichen Dienst. Wir haben mittlerweile wirklich Nachwuchsprobleme”, sagt er.

Zehn Auszubildende haben am 1. September bei Aurubis angefangen. „Wir haben in den vergangenen Jahren nahezu alle in ein Arbeitsverhältnis übernommen, die Perspektiven sind weiterhin positiv”, sagt Matthias Trott von der Konzernkommunikation in Hamburg.

700 Bewerbungen gingen auf die Stellenangebote von Dalli ein. Nach Einstellungstest, Assessment Center und persönlichem Gespräch sind 13 Auszubildende übriggeblieben, „damit sind alle Stellen besetzt”, sagt Heidi Hagen, Aus- und Weiterbildung.

23 Schüler in der Gesundheits- und Krankenpflege, zehn in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, zwei angehende Kaufleute im Gesundheitswesen, zwei Azubis zum medizinischen Fachangestellten, zwei zum operationstechnischen Assistenten und ab dem 1. Oktober noch 26 Physiotherapie-Schüler: Das sind die aktuellen Zahlen von Stolbergs größtem Arbeitgeber, dem Bethlehem Gesundheitszentrum.
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