Stolberg - Über Sri Lanka und den Kosovo bis in die Velau

Über Sri Lanka und den Kosovo bis in die Velau

Von: Robert Flader
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Stolbergerinnen mit den unterschiedlichsten Wurzeln: Die Teilnehmerinnen von „Stärken vor Ort” mit ihren Zertifikaten, die sie von Bürgermeister Ferdi Gatzweiler (l.) überreicht bekamen. Julide Davran (2. v.l.) und Khairunnissa Mazeena Ismail (4. v.r.) wollen als Sprach- und Kulturmittler Foto: R. Flader

Stolberg. Stolberg ist nicht Sri Lanka. Und auch nicht die Türkei. Selbst im globalisierten Zeitalter liegen noch ein paar Welten zwischen dem deutsch-niederländisch-belgischen Grenzgebiet und dem südöstlichsten Rand Europas. Vom indischen Subkontinent ganz zu schweigen.

Aber gerade diese Unterschiede sind es, finden Julide Davran und Khairunnissa Mazeena Ismail, die faszinieren. Die auch im digitalisierten Zeitalter, die das Leben nicht nur in sozialen Netzwerken in großen Teilen transparent und darüber hinaus raum- und zeitlos erscheinen lassen, interkulturell ihre Reize ausüben. „Weil man selbst nach vielen Jahren immer noch etwas Neues über seine Heimatstadt kennenlernt”, sagt Julide Davran. Ihre Heimat ist Stolberg. Genauer gesagt: die Velau.

Die 39-Jährige lebt seit ihrem vierten Lebensjahr in der Kupferstadt. Mit nahezu der gesamten Familie wohnt die Hausfrau in der Velau, in dem Stadtteil, in dem sie groß wurde, wohin ihre Eltern Mitte der 1970er Jahre zogen, um Arbeit zu finden. „Und doch”, sagt Julide, „wollte ich etwas tun, um meine Umgebung noch besser kennenzulernen.”

EU und Bund fördern mit

Gesagt, getan: Julide Davran besuchte drei Monate lang einen Sprach- und Kulturkurs im Rahmen von „Stärken vor Ort”, einem Projekt, unterstützt vom Bundesfamilienministerium und der Europäischen Union, bei dem Frauen mit und ohne Migrationshintergrund in ihren kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten schrittweise gefördert werden.

Insgesamt 15 Frauen unterschiedlichstem Alter, unterschiedlichster Herkunft aus der Velau nahmen in den vergangenen Wochen und Monaten an dem Kurs teil, bei dem in der Grundschule Hermannstraße und dem Familienzentrum an der Franziskusstraße zweimal wöchentlich grammatikalische Feinheiten gelehrt wurden, gleichzeitig auch, bei kleineren und größeren Exkursionen, etwa zum Zinkhütter Hof, der Geschichte der Kupferstadt auf den Grund gegangen wurde.

Auch das Thema Gesundheit spielte eine tragende Rolle: So besuchten die Frauen Arztpraxen und Krankenkassen. Alles zusammen, alles auf Deutsch, versteht sich.

Und weil das auch in der Verwaltungsspitze der Stadt gut ankam, haben nun alle Teilnehmerinnen aus den Händen von Ferdi Gatzweiler eigene Zertifikate erhalten. „Migration muss gelebt werden”, sagt der Bürgermeister sichtlich erfreut über die wissbegierigen Mit-, oder besser gesagt Weltbürgerinnen. „Dieses Engagement ist ein gutes Beispiel, um Vorurteilen entgegen zu treten, dass sich viele Mitbürger nicht integrieren würden.”

Vom Kosovo nach Sri Lanka, von Pakistan bis nach Russland: Insgesamt sieben verschiedene Nationen sind an dem Projekt, zu dessen Trägern auch die Evangelische Kirche, die Low-tec GmbH und das Stadtteilmanagement „Soziale Stadt” gehört, beteiligt. „Das ist vorbildlich”, unterstreicht der Bürgermeister.

Khairunnissa Mazeena Ismail kann dem nur beipflichten. Das Leben der 39-Jährigen besteht streng genommen aus zwei Hälften. „Den ersten Teil war ich in Sri Lanka, den zweiten verbringe ich hier”, sagt die gelernte Bürokrauffrau. Seit mittlerweile 18 Jahren ist Stolberg ihr Zuhause, „damals hatte mein Mann hier seine Ausbildungsstelle gefunden”. Aus zwei wurden später fünf, drei Söhne haben die Ismails mittlerweile. Der Familie geht es gut, sie fühlt sich sehr wohl in Stolberg.

Regelmäßig in die alte Heimat

Julide Davran und Khairunnissa Mazeena Ismail kennen sich gut - und das nicht erst seit den Sprachkursen. „Unsere Kinder gehen zusammen in den Kindergarten”, sagt Julide, die alle ein bis zwei Jahre in die alte Heimat reist. „Mein Vorteil ist, dass meine gesamte Familie in Stolberg wohnt.”

Bei Khairunnissa Mazeena Ismail ist das nicht der Fall, „bei mir wohnen noch fast alle in Indonesien.” Deshalb setzt auch sie sich in regelmäßigen Abständen ins Flugzeug und jettet Richtung Indischer Ozean. Komplett will sie ihre Herkunft schließlich nicht aufgeben.

Es sind Beispiele wie die von Julide Davran und Khairunnissa Mazeena Ismail, an denen sich erkennen lässt, was das Pilotprojekt „Stärken vor Ort” erreichen will: Nicht nur die Verständigung zwischen Deutschen und ausländischen Mitbürgern fördern, sondern auch von Migranten untereinander. „Das Wörterbuch”, lacht Änne Bigge, die gemeinsam mit Maria Wiede die Sprach- und Kulturkurse leitete, „wanderte hin und her.” Vielleicht wird das Projekt fortgesetzt. Wie, das könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden, so Bigge.

„Wissen jetzt einiges mehr”

Khairunnissa Mazeena Ismail und Julide Davran wissen sehr wohl, wie es weitergeht: Als Sprach- und Kulturmittler werden sie ihre neu erworbenen Kenntnisse im Rahmen von niedrigschwelligen Aktionen und Projekten an andere Frauen weitergeben. „Wir wissen ja jetzt einiges mehr”, sagt Julide Davran. Über ihre Heimat. Stolberg.
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