Über 1000 Trauungen: Roland Gilleßen im Interview

Von: Annika Thee
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Am „Arbeitsplatz“: Roland Gilleßen hat als Leiter des Stolberger Standesamtes im Trausaal schon mehr als 1000 Paaren das „Ja-Wort“ abgenommen. Foto: Annika Thee

Stolberg. Die Zahl der geschlossenen Ehen liegt mit ca. 300 pro Jahr deutlich höher als in vergleichbaren Nachbarstädten. Was das Heiraten in Stolberg so besonders macht, erklärt Roland Gilleßen, Leiter des Standesamtes der Kupferstadt, im Interview.

Wie kann man sich Ihren typischen Arbeitstag vorstellen?

Roland Gilleßen: Stolberg ist nicht nur „Hochzeitsstadt“, sondern auch „Geburtenstadt“. Pro Jahr gibt es circa 1800 Geburten, 300 Hochzeiten und 600 Sterbefälle. Sie alle müssen im System erfasst und bearbeitet werden. Die Hochzeiten nehmen ungefähr ein Drittel meiner Arbeitszeit in Anspruch. Außerdem arbeite ich gleichzeitig als Leiter der Steuerabteilung. Wenn eine Trauung ansteht, unterbreche ich die Arbeit am Schreibtisch. Nach der Trauung geht es dann wieder zurück ins Büro.

Der Trend geht deutlich dahin, dass Hochzeiten an den Wochenenden stattfinden. Wir sind ein Team von fünf Standesbeamten und jeder führt durchschnittlich an einem Samstag im Monat Trauungen durch. Da beim Standesamt immer viel zu tun ist, können wir die Arbeitszeit an den Samstagen leider nicht abbauen, sie kommt zusätzlich auf das Arbeitspensum drauf.

Wie viele Ehen haben Sie schon begleitet?

Gilleßen: Ich bin seit 2009 Leiter des Standesamtes. Für die Stadt arbeite ich aber schon seit 29 Jahren. Eheschließungen begleite ich seit acht Jahren. Inzwischen dürfte ich also schon mehr als 1000 Paare verheiratet haben. Früher habe ich fast die Hälfte aller Trauungen begleitet. Heute sind es deutlich weniger, da wir inzwischen ein Team von fünf Standesbeamten sind.

Was ist das schönste an Ihrer Arbeit?

Gilleßen: Die Trauungen sind natürlich das Highlight des Arbeitstages. Am schönsten sind für mich tatsächlich die jungen Brautpaare, die frisch verliebt sind, zum ersten Mal heiraten und auch fest davon überzeugt sind, dass ihre Liebe ewig hält.

Was ist für Sie der größte Aufwand bei einer Eheschließung?

Gilleßen: Besonders aufwendig wird es, wenn ausländische Rechte und internationale Abkommen beachtet werden müssen. Dies ist häufig der Fall, wenn beide oder einer der Partner einen Migrationshintergrund hat. Inzwischen ist dies bei fast jeder zweiten Eheschließung der Fall. Auf der Akademie für Standesbeamte lernt man, wie die Abläufe in solchen Fällen sind.

Die Dokumente aus dem Herkunftsland müssen angefordert, auf Echtheit geprüft und übersetzt werden. Für die zukünftigen Eheleute bedeutet dies viel Zeit, Mühe und auch einen großen finanziellen Aufwand. Bei Menschen aus Ländern mit unsicherem Urkundenwesen, müssen auch die deutschen Botschaften und Anwälte vor Ort eingeschaltet werden.

Jedes Jahr haben wir mit zehn bis 20 Fällen zu tun, bei der die Prozedur vor der eigentlichen Eheschließung ein bis zwei Jahre in Anspruch nimmt. Manchmal können sich Paare diesen Aufwand nicht leisten, sodass leider keine Hochzeit stattfinden kann.

Ist die Scheidungsrate für Sie demotivierend?

Gilleßen: Da wir die Scheidungen nicht selbst aussprechen, haben wir keine genaue Statistik darüber, wie viele Ehen in Stolberg geschieden werden. Ich denke, dass der Anteil im deutschen Durchschnitt liegt. Wir bekommen lediglich die Scheidungsurteile und vermerken sie im System. Es wird zurzeit überlegt, ob das Standesamt in einzelnen und unkomplizierten Fällen auch autorisiert wird, Scheidungen zu veranlassen, um Prozesse zu verschlanken und beschleunigen.

Auf mich persönlich wirken Scheidungen nicht demotivierend. Ich weiß ja, dass es nicht meine Schuld ist, dass sich Paare trennen. Man wünscht natürlich jedem Paar, dass sie zusammen bleiben und man kann vorher auch nicht absehen, welche Ehen halten und welche nicht. Allerdings ist es so, dass auf besonders pompöse Hochzeiten schonmal eine baldige Scheidung folgt. Auch Partner, die sich erst seit sehr kurzer Zeit kennen und direkt heiraten, haben ein höheres Risiko, sich bald wieder scheiden zu lassen. Generalisieren kann man das natürlich nicht, ich sage nur, wo die Liebe hinfällt.

Wie viele Lebenspartnerschaften wurden in den letzten Jahren geschlossen?

Gilleßen: Im letzten Jahr wurden fünf Lebenspartnerschaften geschlossen, im Jahr 2015 nur zwei und im Jahr 2014 ebenfalls fünf. Da wir aber zwei bis drei Lebenspartnerschaften pro Jahr wieder auflösen, scheint die Scheidungsrate bei gleichgeschlechtlichen Paaren hier deutlich höher, als bei heterosexuellen Paaren. Es gibt keine großen Unterschiede zwischen Eheschließungen und Verpartnerungen.

Es fällt allerdings auf, dass die Atmosphäre bei gleichgeschlechtlichen Paaren besonders locker und angenehm ist. Sie kommen genau wie alle anderen Ehepaare aus allen Gesellschaftsschichten. Irritationen bei Familien, Freunden oder anderen Gästen habe ich noch nie festgestellt. Alle sind meist besonders glücklich.

Welche Kuriositäten sind Ihnen bereits untergekommen?

Gilleßen: Ich bin ein Hundefreund und da fand ich eine Trauung von einem Pärchen aus einem Dobermann-Verein toll. Drei riesige Dobermänner lagen da kostümiert aber ganz brav neben dem Brautpaar. Außerdem wurde mal ein Paar auf dem Kaiser-Platz von circa dreißig Männern auf großen Motorrädern in Empfang genommen. Als Motorsport-Fan hat mir das besonders gut gefallen.

Es ist auch schon vorgekommen, dass sich ein Paar, das ich verheiratet habe, geschieden hat. Einige Jahre später durfte ich sie nochmals verheiraten. Und dann gibt es da noch Menschen, die bei mir schon mit drei verschiedenen Verlobten standen und die ich dreimal wieder mit wechselnden Partnern verheiratet habe. Einige Paare sind gerade einmal ein paar Wochen zusammen und heiraten direkt. Andere Paare sind schon länger zusammen, als ich verheiratet bin (18 Jahre). Da sehe ich mich dann natürlich nicht in der Lage, Ratschläge für eine glückliche Ehe zu geben.

Wie bereitet sich die Standesamt auf den besonderen Andrang an Tagen wie dem 7. Juli 2017 vor?

Gilleßen: Natürlich finden an diesen Tagen besonders viele Trauungen statt. Deshalb bieten wir am 7. Juli 2017 parallel Trauungen im historischen Rathaus und auf der Burg an. Bisher gibt es für diesen Tag schon zehn Reservierungen.

Da ist es wichtig, dass es nicht zur Fließbandarbeit wird, sondern man sich für jedes Paar die angemessene Zeit nimmt, denn es ist ja ihr ganz besonderer Tag. Schwierig wird es aber an solchen Tagen, wenn die Hochzeitsgesellschaften mit großer Verspätung eintreffen. Dann verschieben sich sofort alle nachstehenden Termine und es kann schnell stressig werden.

Wie viele Paare geben sich 2017 das Ja-Wort?

Gilleßen: Auch dieses Jahr rechnen wir wieder mit circa 300 Eheschließungen. Allerdings haben wir versucht das Profil der Stadt diesbezüglich zu schärfen, um Stolberg als „Hochzeitsstadt“ noch attraktiver zu machen. Die Strategie scheint zu funktionieren, denn die Spättermine an Samstagen im kommenden Sommer sind zum größten Teil bereits ausgebucht.

Was macht Stolberg zur „Hochzeitsstadt“?

Gilleßen: In der Region haben wir schon lange eine Vorreiter-Rolle inne. Das bedeutet, dass wir seit langem Trauungen an Sonderterminen anbieten, es gibt besonders viele Termine und die Standesbeamten halten Eheschließungen auch gerne an Orten außerhalb des Standesamtes ab, damit die Hochzeit garantiert zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.

Von Mai bis September kann an zwei Samstagen im Monat auf der Burg geheiratet werden. Pro Tag gibt es dann bis zu sechs Termine. Hinzu kommen noch das historische Rathaus am Kaiserplatz – ab April auch mit dem neuen Kupfervaillon –, das Industriemuseum Zinkhütterhof und der Kupferhof Rosenthal. Die anderen Städte in der Region folgen unserem Beispiel, aber wir sind erfolgreich dabei unser Profil weiter zu schärfen und den angehenden Brautpaaren eine unvergessliche standesamtliche Trauung zu gestalten.

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