Trotz verstärkter Hilfsangebote gehört Kinderarmut zum Alltag

Von: Michael Grobusch
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Das ehrenamtlich getragene Projekt „Mittagessen im Kindergarten” (Mieki) verzeichnte einen enormen Zulauf. Weil die akquirierten Gelder aber begrenzt sind, müssen inzwischen zahlreiche Anträge auf Hilfe abgelehnt werden. Foto: dpa

Stolberg. Als vor sechseinhalb Jahren das Schweigen gebrochen wurde, bewegten sich die Reaktionen zwischen Zweifel und Empörung. Kaum vorstellbar war für viele Stolberger, was Vertreter von Jugendamt und sozialen Verbänden damals im Gespräch mit unserer Zeitung über die Lebenssituationen von Kindern in der Kupferstadt berichtet hatten.

Dabei war Kinderarmut bereits zu diesem Zeitpunkt ein erschreckend weit verbreitetes Phänomen. Seitdem hat sich vieles geändert. Heute ist das Thema allgegenwärtig, und die Hilfsmaßnahmen von öffentlicher und privater Seite sind erheblich verstärkt worden. Weil aber zugleich immer mehr Familien von Armut bedroht sind, ist eine echte Trendwende bislang nicht zu erkennen.

Ein Teufelskreis

Es ist nach wie vor ein Teufelskreis, in den viele Kinder geraten. „Mehr als 50 Prozent der Kinder in Deutschland wachsen in ungünstigen Familienverhältnissen auf”, weiß Willi Seyffarth. Und der städtische Fachbereichsleiter verweist auf einen weiteren statistischen Wert: „Rund 60 Prozent der Familien, die Hilfe zur Erziehung beantragen, beziehen auch öffentliche Transferleistungen.” Für Seyffarth ist offensichtlich: Soziale und ökonomische Probleme stehen vielfach in einem direkten Zusammenhang. Und nicht nur das: „Armut hat direkte Auswirkungen auf Gesundheit und Bildung.”

Wolfgang Joußen kann das nur unterstreichen. Und er kann aufgrund seiner langjährigen Erfahrung auch davon berichten, wie schwer es Kinder in ihrer Entwicklung unter solchen Bedingungen haben. „Armut, das bedeutet mangelnde Zugänge zu Bildung und Ausgrenzung vom sozialen und kulturellen Leben.”

Wie eine Gesellschaft solchen Entwicklungen entgegenwirken kann, haben Experten jetzt bei einer Fachtagung zum Thema Kinderarmut im Zinkhütter Hof diskutiert. Patentrezepte gab es auch in dieser Runde nicht, räumt Willi Seyffarth ein. „Es ging aber auch darum, Gedanken auszutauschen, Ideen zu sammeln und für das Thema zu sensibilisieren.”

Konkrete Resultate sollen nach der Auswertung durch die zuständige Lenkungsgruppe präsentiert werden. Schon jetzt steht für den Fachbereichsleiter aber fest: „Es reicht sicherlich nicht aus, Bildungsschecks auszuteilen.” Vielmehr sollen mehr noch als bisher kommunale Netzwerke gebildet werden, die auf die Situationen in den einzelnen Sozialräumen Stolbergs eingehen und dort auch ihre Hilfsangebote unterbreiten.

„Man kann vor Ort viel erreichen”, ist Willi Seyffarth überzeugt. Dabei stützt er sich auf Erfolge bereits vorhandener Aktionen. „Mittagessen im Kindergarten”, „Breakfast für Kids” und auch die Schularbeitshilfe seien in diesem Zusammenhang gute Beispiele. Aber auch der überdurchschnittliche Ausbau der U3-Betreuung in Stolberg sei von großer Bedeutung und trage dazu bei, Kinder schon in einem frühen Alter erreichen zu können und ihnen zu helfen.

„Frühe Hilfen” und Familienförderung sind dann auch Schwerpunkte bei den städtischen Bemühungen gegen Kinderarmut. Elternbesuchsdienst und Babybegrüßungspaket, Elterntraining, Familienpatenschaften und die Beratungsstelle für Alleinerziehende, nennt Wolfgang Joußen lobend als Beispiele und fordert: „In diesen Bereichen müssen wir kontinuierlich weiterarbeiten und die Kinder- und Jugendhilfe darauf abstimmen.”

Dabei macht der Soziologe allerdings keinen Hehl daraus, dass er zwar wie Seyffarth zahlreiche Handlungsmöglichkeiten vor Ort sieht, die erforderlichen Mittel zur effektiven Bekämpfung von Kinderarmut aber aus seiner Sicht bislang fehlen. „Stolberg ist weder instrumentell noch finanziell hinreichend ausgestattet. Und das gilt für die meisten anderen Kommunen auch.”

Das Land und vor allem den Bund sieht Joußen deshalb in der Pflicht - bei der Bereitstellung von Mitteln und bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen. „Armut und Kinderarmut sind als strukturelles Problem von einer Kommune nicht in den Griff zu bekommen.”

Beim Bund sei dies durchaus anders, in der Praxis aber würden viele gravierende Fehler begangen, beklagt Joußen und nennt ein Beispiel: „Der Umgang mit den HartzIV-Empfängern zeigt, wie es nicht gemacht werden darf.”

Erfahrungen gibt es viele, verlässliche Zahlen zur Kinderarmut in Stolberg aber gibt es bis dato nicht. Eine Analyse des Landes hat ergeben, dass in Nordrhein-Westfalen rund ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Bei derzeit rund 11500 Null- bis 18-Jährigen in Stolberg wären somit mehr als 2800 junge Menschen betroffen.

Fachleute in der Kupferstadt gehen allerdings davon aus, dass die tatsächliche Zahl in Stolberg noch (deutlich) höher liegt.

Immer mehr Hilfen zur Erziehung

Die Zahl der Fälle, in denen in Stolberg Hilfe zur Erziehung geleistet wurde, ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. 2004 wurden 431 Fälle gezählt, im vergangenen Jahr waren es 666. Die Maßnahmen für Kinder und Eltern reichen von Erziehungsberatung und Beistandsschaften über Erziehung der Kinder in Tagesgruppen und sozialpädagogische Familienhilfe bis hin zur stationären Vollzeitpflege in einem Kinderheim.

Besonders markant ist die Zunahme bei der sozialpädagogischen Familienhilfe. Gab es 2004 41 Hilfefälle, so waren es 2009 mit 179 mehr als vier Mal so viele.

Der Soziologe Wolfgang Joußen stellt in der aktuellen Fortschreibung seines Jugendhilfeplans allgemein einen „hohen Interventionsbedarf” fest. Zwar beschränke sich dieser nicht mehr - wie früher - auf einige wenige gesellschaftliche Gruppen. „Andererseits gibt es aber eine fortwirkende Relevanz der materiellen Bedingungen in den Familien für einen gelingenden Sozialisationsprozess”, so der Soziologe.

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