Telekom verpasst Altstadt ungeliebtes Tor

Von: Jürgen Lange
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Ali Aga hat fast die Tränen in den Augen stehen. Den wochenlangen Bauarbeiten vor seinem Kiosk am Steinweg folgte ein Multifunktionsschrank des Breitbandnetzes, der den Blick auf die Altstadt ebenso verdeckt wie auf das Geschäft und die Außengastronomie beeinträchtigt. Foto: J. Lange
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Informativer Überzug über einen Stromkasten: So sah es früher an dieser Stelle im kanadischen Kelowna in British Columbia aus. Foto: R. Müller

Stolberg. Trotz aller Einsprüche des Denkmalschutzes: Nun hat die Stolberger Altstadt doch ihr Tor bekommen, das vielleicht eher als Schwelle verstanden werden könnte, aber in der Tat mehr als ein optischer Stolperstein ist.

Nach wochenlangen Arbeiten haben Mitarbeiter eines Tiefbauunternehmens im Auftrag der Telekom ein Multifunktionsgehäuse zur Breitbandversorgung installiert. Genau am Straßenrand der Bushaltestelle im Steinweg am Übergang zur Burgstraße. Und genau vor der Front des „Altstadt-Kiosk“, den Halime und Ali Aga bereits seit sechs Jahren dort betreiben.

Der Schaltkasten steht zwar an der Stelle, an der schon seit Ewigkeiten ein Telekom-Kasten stand, aber die Dimensionen sind dramatisch anders: Mit 80 cm Breite, 120 cm Höhe und 40 cm Tiefe hatte der Vorgänger ein Maß, das man verkraften oder als Abstellfläche für ein Getränk nutzen konnte. Die neue Technik ist um ein Vielfaches größer: 200 cm Breite, 160 cm Höhe und 50 cm Tiefe misst das moderne Multifunktionsgehäuse. Das treibt Betrachtern, Historikern sowie den Kiosk-Betreibern und -Gästen gleichermaßen die Tränen in die Augen.

„Wir haben grade erst mehrere Hundert Euro in eine neue Bestuhlung für unsere Außengastronomie investiert“, sagt Ali Aga. Der Altstadt-Kiosk hat sich über die Jahre zu einem beliebten Anlaufpunkt entwickelt. „Jetzt habe ich die meisten Tische und Stühle im benachbarten Ladenlokal unterstellen müssen“, klagt Aga. Angesichts der anhalten Baustelle und des Multifunktionsgehäuses fehlt der Platz auf dem überbreiten Gehweg.

Von dort hatten Gäste bislang – trotz des Vorgängers – einen feinen Ausblick auf Steinweg, Burg- und Klatterstraße. Nun schauen sie gegen eine graue Plastikwand. „Und wer hier vorbeikommt, kann noch nicht einmal mehr unser Geschäft erkennen“, moniert Ali Aga und weiß seine Kundschaft hinter sich. Warum wurde der Kasten nicht einfach weniger störend an die Wand des Nachbarhauses, in den Durchgang zum Offermann-Platz oder vor die gegenüberliegende Mauer versetzt?, fragen sich die Altstadt-Freunde.

„Das ist in der Tat eine sehr unglückliche Geschichte“, erklärt Robert Walz, eine komplizierte ist es zudem. Denn die Telekom hat die Standorte für die neuen Multifunktionsgehäuse im Stadtgebiet beantragen müssen, bestätigte der städtische Pressesprecher. Dem Kasten am Steinweg erging es dabei ähnlich wie dem beantragten Altstadt-Tor: „Der Denkmalschutz hat den Standort abgelehnt.“

Aber im Falle des Betreibers der Telekommunikationsnetze liegt der Fall dennoch anders. Einerseits genießen bestehende Standorte, also auch in diesem Fall, Bestandsschutz. Andererseits liegen die wahren Werte hier unter der Erde: Die technischen Rahmenbedingungen geben nun einmal vor, wo solche Schalteinheiten unverzichtbar für die technische Qualität erforderlich sind. Somit dürfe prinzipiell der Netzbetreiber auch den Aufstellort festlegen.

Dennoch ist dieses Multifunktionsgehäuse mit seinen Dimensionen an diesem Standort auch der Rathaus-Führung ein Dorn im Bild der historischen Stolberger Altstadt. „Es ist schwierig, aber wir versuchen einen weniger auffallenden und gleichzeitig technisch machbaren Platz zu finden“, lässt Walz durchblicken. Verhandlungen mit Telekom und Grundeigentümern seien bereits im Gange.

Gleichzeitig machen sich Stolberger bereits Gedanken, wie die grauen Wände der Multifunktionsgehäuse optisch besser dem Stadtbild angepasst werden könnten. Sie könnten Stolberger Künstlern zur Gestaltung zur Verfügung gestellt werden, wird in sozialen Netzwerken diskutiert. Einen anderen Vorschlag brachte der Stolberger Rudi Müller aus einem Kanada-Besuch mit in die Heimat. Dort werden Schaltkästen und Mülleimer verkleidet mit historischen Motiven. Diese zeigen dann das jeweilige Stadtbild, wie es in früheren Jahren einmal ausgesehen hat. Das wäre ein Vorschlag, der auch an vielen weiteren Stellen im Stadtgebiet umgesetzt werden könnte. Denn neben der Telekom betreiben auch die Regionetz, Enwor und der WVER solch wenig attraktive Schalteinheiten, die optisch aufgewertet und informativ für Besucher genutzt werden könnten. Halime und Ali Aga können jedenfalls hoffen.

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