Städteregion - Telefonseelsorge: Traurigkeit und Schmerz kennen keine Uhrzeit

Telefonseelsorge: Traurigkeit und Schmerz kennen keine Uhrzeit

Von: Jessica Küppers
Letzte Aktualisierung:
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Traurigkeit und Schmerz kennen keine Uhrzeit: Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge in der Städteregion haben rund um die Uhr ein offenes Ohr für die Ratsuchenden. Foto: Imago/stock&people
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Kennt die Sorgen und Nöte, die an die Mitarbeiter der Telefonseelsorge heranhetragen werden: Pfarrer Frank Ertel.

Städteregion. Wer die kostenlose Nummer der Telefonseelsorge wählt, hat ein Problem und keinen zum Reden. Damit die Menschen in dieser Situation nicht alleine sind, gibt es auch in der Städteregion Aachen seit vielen Jahren den 24-Stunden-Telefondienst.

„Traurigkeit und Schmerz kennen keine Uhrzeit“, sagt Pfarrer Frank Ertel, der mit seiner Familie in Büsbach wohnt und seit 20 Jahren die Telefonseelsorge der Städteregion Aachen leitet. Auch wenn der 55-jährige Stolberger selbst nur noch selten am Telefon sitzt und mehr mit Ausbildung und Fortbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiter beschäftigt ist, weiß Ertel genau, was den Menschen gerade jetzt zum Jahresende unter den Nägeln brennt: „Ich bin allein und weiß nicht wohin und ich suche endlich Ruhe und finde keine“, sagt Ertel.

Beziehungen sind ein Problem

Zu Weihnachten war noch ein weiteres Thema wichtig: „Ich habe keine frohen Weihnachten, dieses Jahr ist meine Frau gestorben.“ Während der drei Weihnachtsfeiertage sind insgesamt 110 Anrufe bei der Telefonseelsorge in Aachen eingegangen. Zehn davon beschäftigten sich mit dem Thema Suizid.

Die meisten Anrufer – rund 75 Prozent – sind alleinstehend und haben sonst niemanden, mit dem sie über ihre Sorgen sprechen können. Ein durchschnittlicher Anruf dauert etwa 20 Minuten. In den meisten Gesprächen geht es um Beziehungsprobleme oder fehlende Beziehungen.

Die 85 ehrenamtlichen Helfer der Telefonseelsorge hören zu, geben Anregungen und versuchen, das Problem gemeinsam mit dem Anrufer aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Für viele Menschen ist der Anruf die erste Gelegenheit, außerhalb ihrer sozialen Gefüge frei äußern, was sie beschäftigt. Das ist zum Beispiel ein Familienvater, der plötzlich entdeckt, dass er homosexuell ist oder ein Mädchen, das missbraucht wird und sich nicht traut, mit jemandem darüber zu sprechen.

„Viele Anrufer haben keine positiven Erfahrungen gemacht, dass die selbst in ihrem Leben etwas bewirken, wenn sie etwas ändern“, sagt Ertel. Sie fühlen sich unfähig, etwas an ihrer Situation zu ändern, zumal ein Telefonat nicht ausreiche, um große Änderungsentwürfe zu machen. Um langfristig an sich und seiner Situation zu arbeiten, ist meist eine Therapie nötig. Jedoch könne die Telefonseelsorge dazu genutzt werden, Wartezeiten bei Ärzten und Therapeuten zu überbrücken. Es gehe vielmehr darum, die Anrufer zu unterstützen und ihnen in den nächsten Stunden beizustehen.

Ehrenamtliche Helfer fehlen

Ein solches Beispiel ist dem Stolberger besonders in Erinnerung geblieben. Am Telefon war ein Mann, der sich an Weihnachten das Leben nehmen wollte. Seine Situation schien ausweglos und auch die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge wusste irgendwann nicht mehr weiter, so dass sie sich mit den Worten „ich bete für sie“ von ihm verabschiedete. Um 23 Uhr klingelte das Telefon erneut. Wieder war der Mann am anderen Ende, der sich bedankte und sagte: „Ich lebe noch.“

Auch an den Helfern gehen solche Erlebnisse nicht spurlos vorbei. Trotz Supervision und intensiver Vorbereitung auf die Gespräche, komme es immer wieder vor, dass man das Erlebte mit nach Hause nehme. Umso dankbarer ist Ertel, dass sein Team auch nach so vielen Jahren noch hoch engagiert ist.

Durchschnittlich sind die Ehrenamtlichen etwa zwölf Jahre dabei. Doch 85 Mitarbeiter sind immer noch zu wenig. Wir sind ausgelastet und kämpfen immer mit der Erreichbarkeit“, sagt der Stolberger. Pro Tag sind es etwa 30 Gespräche, die die Mitarbeiter der Telefonseelsorge führen. Auch wenn die Anrufer anonymisiert sind und deshalb statistisch nicht genau erfasst werden können, rufen nach Erfahrung der Ehrenamtlichen mehr Menschen aus den urbanen Teilen der Städteregion, also aus Stolberg, Aachen und Würselen, an.

Dass weitere Mitarbeiter gebraucht werden, liegt auch daran, dass sich immer neue Formen der Kommunikation auftun. „Wir sind zum Beispiel die größte Mailseelsorgestelle“, sagt der Pfarrer, der das Angebot seit dem Jahr 2004 ins Repertoire der städteregionalen Telefonseelsorge aufgenommen hat. Pro Jahr seien es rund 3000 Mails, die von den Helfern beantwortet würden. Auch die Chatseelsorge gibt es seit zwölf Jahren in Aachen.

Bislang ist das nur ein kleines Angebot, obwohl der Bedarf höher ist und die Ehrenamtlichen gerne häufiger chatten würden. Das sei jedoch nicht so einfach, weil man dann auch über Spracheingabe und Chatprogramme auf dem Smartphone nachdenken müsse. Das seien Fragen, denen man sich nun stellen müsse, um den zahlreichen Hilfesuchenden auch in Zukunft in vollem Umfang gerecht zu werden.

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