Taubenzucht: Der Urlaub richtet sich nach den Tieren

Von: Naima Wolfsperger
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Die Tauben sind seine Leidenschaft: Hans-Willi Braun ist Vorsitzender der Reisevereinigung Stolberg. Tauben züchtet er bereits seit mehr als 60 Jahren. Foto: Naima Wolfsperger
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hans-Willi Braun hat seinen Tauben sogar ein Haus gebaut. Foto: Naima Wolfsperger

Stolberg. Es ist Tradition, für Hans-Willi Braun ist es aber auch Leidenschaft: Als sein Vater früh verstarb übernahmen er und seine beiden Brüder die Taubenzucht des Vaters. Auch heute noch hat er 120 Tauben – etwa 40 alte und jährige und 80 Jungtauben.

Braun ist Vereinsvorsitzender der Reisevereinigung Stolberg, die seit 1927 besteht. Und obwohl es früher allein in Zweifall bis zu 32 reisende Züchter gegeben habe, so sei der Sport heutzutage vom Aussterben bedroht: „Wir haben jetzt insgesamt noch 77 Züchter, 44 Reiseschläge im Verein. Ein Mitglied ist eine 15-Jährige, die den Schlag ihres Großvaters mit betreut. Alles anderen sind in Rentner“, sagt Braun.

Der Verein versuche zwar, ehemalige Taubenzüchter, die ihr Hobby für den Beruf aufgegeben haben, in der Rente wieder zu reaktivieren. Das gelinge aber nur mit mäßigem Erfolg. „Und das, obwohl es ein sehr aufregendes Hobby ist.“ Auch in diesem Jahr wird er immer wieder mit Freunden und seiner Familie im Garten sitzen und auf die Heimkehr seiner Vögel warten. „Dabei sind die Tauben für den Virus nicht anfällig. Aber was soll’s, dann geht es eben ein paar Tage später los.“

Obwohl seine Frau meist mit ihm auf die Heimkehr der Tauben wartet, so sei dieses Hobby eher eines, das sie wohl eher dulde, als es zu unterstützen. „Früher habe ich auch noch Fußball gespielt. Da war sie immer dabei“, erinnert sich Braun. An den Tauben beteilige sie sich nicht. Bei den Brauns gehen täglich etwa fünf Anrufe ein, die irgendwas mit den Tauben zu tun haben.

In Zeiten, in denen die Heimkehr der Tiere erwartet wird seien es etwa 20 Anrufe am Tag. Dann fragen die Mitglieder ob der Vereinsvorsitzende denn schon etwas gehört habe, ob denn schon ein Vogel angekommen sei.... „Dann ist das hier wie eine Schatzentrale“, sagt Braun und lacht. „Meine Frau hat mich nicht anders kennengelernt. Die Tauben spielen seit 60 Jahren eine große Rolle in meinem Leben.“ So groß, dass es bei den Brauns seit 40 Jahren immer erst am zweiten Sonntag im August in den Urlaub geht. „Also wenn die Reisezeit der alten und jährigen Tauben vorbei ist – und natürlich, bevor jene der Jungtauben beginnt.“

Besonders wichtig ist dabei, dass sich jemand um die Tauben kümmert, dem Braun auch vertraut. Sein Bruder Manfred Braun betreut auch heute noch mit ihm den Schlag. Außerdem werden Gebrüder Braun von ihrem Schlagpartner Siegfried Sass unterstützt. „Ein sehr guter Mann!“

Dass die Tauben ihr Nest finden, obwohl sie mit einem Transporter mehr als 100 Kilometer entfernt davon ausgesetzt werden ist erstaunlich. Der natürliche Trieb der Vögel führt dazu, dass sie so schnell es geht zu ihren Weibchen oder Jungen zurückkehren möchten. „Wie sie diesen Weg finden ist bisher wissenschaftlich umstritten“, sagt Braun. „Einige sagen, es gebe markante natürliche Punkte, die den Tauben sozusagen als Wegbeschreibung dienen. Andere vermuten, die Vögel haben einen speziellen Geruchssinn.“ Fakt ist: Gibt man ihnen genug Anreiz, dann finden sie auch wieder nach Hause.

In Fachkreisen spricht man dabei vom Witwerschaftsspiel oder von der Nestmethode. Für das Witwerspiel werden die Tauben kurz vor der Reise mit den Weibchen zusammengebracht. Da die Vögel lebenslange Partnerschaften eingehen, wollen die, in der Ferne ausgesetzten, Männchen wieder zu ihren Partnerinnen. Das ist auch Brauns Taktik.

Im Jungtaubenspiel werden die Tauben früher zusammengebracht und die Geburt von Täubchen abgewartet. Tauben können bis zu 80 Kilometer in der Stunde fliegen. Weht der Wind in die Flugrichtung, können sie bis zu 120 Kilometer in der Stunde erreichen.

Heutzutage ist die Taubenzucht ein gut durchgeregelter und digitalisierter Sport. Die Tauben werden mit einem Ring am rechten versehen, auf dem die laufende Nummer des Tieres und das Geburtsdatum der Taube abzulesen ist. Der Ring am linken Fuß enthält einen Chip, über den das Tier bei der Ankunft im Heimatschlag automatische registriert und die Ankunftszeit festgehalten wird. „Früher musste immer jemand zu Hause sein, damit dem Vogel bei der Ankunft der Ring abgenommen wurde. Irgendwann mal hatten wir eine spezielle Uhr, in die der Ring dann eingefügt und damit die Zeit festgehalten werden konnte“, erinnert sich Braun.

Gehe man noch weiter zurück, sei es sogar noch aufregender gewesen: „Als ich klein war gab es in Zweifall nur eine Uhr für die Tauben. Diese war im Verein. Deshalb gab es für die Jungs sogenanntes Laufgeld. Wir warteten auf die Tauben, bekamen von den Züchtern den Ring in die Hand gedrückt und mussten dann so schnell wie möglich zu der Uhr rennen.“ Braun lacht. Trotz der Digitalisierung sei der Sport für ihn nicht weniger spektakulär. „Ich fiebere da richtig mit, überprüfe Wind und Wetter und berechne, wie schnell die Tauben dann unterwegs sein können.“

Aber alles läuft dann doch nicht von selbst. Um die zwei Stunden am Tag verbringt Braun bei den Tauben. „Eine am Vormittag und eine Abends, um die Zellen zu reinigen.“ Die Kosten des Sports belaufen sich auf etwa 100 Euro im Monat bei 50 bis 60 Tieren. „Und ein Taubenschlag lässt sich selten bei einem Vermieter durchsetzen“, sagt Braun. In der Regel brauche der Taubenliebhaber ein eigenes Haus und verständnisvolle Nachbarn.

Braun hat seinen Täubchen ein eigenes Haus in seinem Garten gebaut. Über die Jahre wurde es immer wieder erweitert. Und auch wenn die Konkurrenz dieser Tage sehr stark sei, so kann der 72-Jährige auf eine stolze Reihe an Preisen, Urkunden, Medaillen und Pokale zurückblicken.

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