Stolberg - Tasten, hören, blättern: Bücherei für Sehbehinderte

Tasten, hören, blättern: Bücherei für Sehbehinderte

Von: Sarah-Lena Gombert
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Für Kinder und auch Erwachsene geeignet: Die Stadtbücherei bietet jetzt eine spezielle Abteilung für Sehgeschädigte. Dort gibt es etwa Bücher, mit denen man Pflanzen ertasten oder Schritte im Schnee hörbar machen kann. Foto: S.-L. Gombert
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Bibliothekschefin Beate Klaas (v. l.), Erster Beigeordneter Robert Voigtsberger, Bürgermeister Tim Grüttemeier sowie Bernd Neuefeind und Herbert Sorge vom Blinden- und Sehbehindertenverein bei der Eröffnung der neuen Abteilung in der Stadtbücherei.

Stolberg. Liebevoll gestaltete Kinderbücher, mit denen man Pflanzen ertasten oder Schritte im Schnee hören kann. Eine Box, die mit Hilfe von kleinen Figuren Hörbücher abspielt. Audiodateien in einem besonderen Format, das ein Setzen von Lesezeichen und sogar das Umblättern von akustischen Seiten ermöglicht: Die Stadtbücherei Stolberg hat eine neue, kleine Abteilung mit Medien für Sehgeschädigte eingerichtet.

Zu finden sind die Bücher und anderen Medien im Untergeschoss der Bücherei. Nach der Stadt Aachen ist Stolberg die zweite Kommune in der Region, die über ein solches Angebot verfügt. Maßgeblich unterstützt wurde die Einrichtung vom Blinden- und Sehbehindertenverein der Städteregion Aachen.

„Wir haben als Verein eine größere Erbschaft erhalten und wollten mit diesen Mitteln die Büchereien in der Region unterstützen“, sagte Bernd Neuefeind, zweiter Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins. Er ist gemeinsam mit Herbert Sorge, Vorsitzender des Vereins, nach Stolberg gekommen, um sich ein Bild davon zu machen, wie das Geld eingesetzt worden ist. Beate Klaas, Leiterin der Stolberger Bibliothek, führt bei der offiziellen Eröffnung der kleinen Abteilung die Medien vor, die sie und ihr Team erworben haben.

„Wir haben unter anderem Reliefbücher angeschafft“, erklärt die Bibliothekarin. Diese sind in Punktschrift (Braille) verfasst und enthalten zum Teil auch noch weitere taktile Elemente, sind also Bücher zum Anfassen: Geht es beispielsweise um den Winter, dann sind in den Büchern kleine textile Kissen eingenäht, deren Inhalt bei Berührung so knirscht wie Fußspuren im Schnee. Manche der Bücher verfügen auch über Texte in besonders großer, deutlich lesbarer Schrift.

So ist das Medium auch für Kinder und Erwachsene geeignet, die zwar Schwierigkeiten beim Sehen oder beim Lesen haben, jedoch nicht völlig auf andere Sinne angewiesen sind. Durch solche Maßnahmen wird der Inhalt eines Buchs auch für diejenigen erfahrbar, die aufgrund einer Erkrankung als „normale“ Leser ausgeschlossen sind.

„Wir freuen uns sehr über die Spende des Blinden- und Sehbehindertenvereins“, sagte Stolbergs Bürgermeister Tim Grüttemeier bei der offiziellen Eröffnung der kleinen Abteilung, die Stadtbücherei werde immer mehr zu einer Bücherei für jedermann.

„Diese Bücher gibt es nur in einer kleinen Auflage, weil die Zielgruppe sehr speziell ist“, erklärt Beate Klaas, „teilweise handelt es sich auch um Unikate, die in Handarbeit hergestellt werden.“ Sprich: Ein Kinderbuch kann einen dreistelligen Betrag kosten. Gut zu wissen also, dass man es in der Stadtbücherei ausleihen und nicht unbedingt selbst kaufen muss.

Da bei den kostspieligen und auch teilweise empfindlichen Büchern auch von den Bibliotheksnutzern besondere Vorsicht gefragt ist, werden auch Kinderbücher nur dann verliehen, wenn Eltern dabei sind. „Wir haben besondere Taschen angeschafft, damit die Nutzer diese Bücher auch sicher nach Hause und wieder zurückbringen können“, sagt Beate Klaas.

Neben Büchern hat sich die Bibliothek auch weitere, besondere Medien durch die Spende des Blinden- und Sehbehindertenvereins kaufen können. Die sogenannte „Tonies-Box“ ist eine Art interaktives Hörspiel. Kleine, kindgerecht gestaltete Spielfiguren können auf einem Würfel platziert werden. Je nachdem, welche Figur man wählt, wird eine bestimmte Audiodatei abgespielt.

Kinder, die aufgrund einer Sehbehinderung eine Stereoanlage nicht ohne Schwierigkeiten bedienen können, sind hiermit in der Lage, ihr Hörspiel selbstbestimmt auszuwählen und abzuspielen. „Es gibt auch Figuren, die man noch selbst mit einer Audiodatei bespielen kann“, erklärt Beate Klaas. Die Stolberger Stadtbücherei hält derzeit in der Kinder- und Jugendbuch-Abteilung eine „Tonies-Box“ zum Testen vor, außerdem werden die Figuren, also die Hörspiele, ausleihbar sein. Lediglich die Box muss man als Nutzer selbst anschaffen.

„Mir gefällt der inklusive Gedanke hinter diesen Medien“, erklärt Robert Voigtsberger, Erster Beigeordneter der Stadt. Denn die Tonies-Box hat, wie auch die Reliefbücher, schließlich auch für andere Kinder ihren Reiz. „Wir werden die Box sicherlich in unser Programm für Kinder einbinden“, sagt Beate Klaas. Auch die aktive Nutzung der weiteren neuen Medien soll durch Kurse oder Veranstaltungen vorangetrieben werden. „Wie genau wir das machen, darüber denken wir gerade noch nach“, sagt die Bibliotheksleiterin.

Sie sehen von außen zwar wie normale DVDs oder CD-ROMs aus, es handelt sich aber um Audiobücher im speziellen Daisy-Format (Digital Accessible Information System). Im Vergleich zu normalen Audiobüchern lassen sich diese Daisy-Bücher strukturieren, so dass der Nutzer darin blättern kann, so als ob er ein gedrucktes Buch in den Händen hält.

Auch digitale Lesezeichen lassen sich setzen. Gewünschte Stellen lassen sich so schnell finden. „Das ist auch für unsere älteren Nutzer interessant, die nicht mehr so gut sehen können“, sagt Beate Klaas. Die Daisy-Hörbücher sollen auch über den mobilen Bücherdienst zu den Menschen in Stolberg finden, die aufgrund ihrer Sehschwäche kein gewöhnliches Buch mehr lesen können. „Da gab es auch schon Nachfragen von Nutzern“, erklärt Beate Klaas. Dass die neue Abteilung Anklang finden wird, dessen ist sie sich gewiss.

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