Stolbergs Altstadt hat noch einmal Glück

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
Entlastung unterhalb von Vicht
Entlastung unterhalb von Vicht Brücke. Mit seinem Bagger gelingt es Willi Kistermann die Schollen zu Foto: J. Lange

Stolberg-Vicht. Aufgeatmet hat Thomas Meurer am Freitag erst nach 19 Uhr. Zu dieser Zeit sind die Eisschollen längst durch das enge Bett der Vicht hindurch und schmelzen sich langsam die Inde herab. Aber die drohende Überschwemmung der Altstadt ist die größte Sorge des Gewässeringenieurs beim Wasserverband Eifel-Rur.

Die Anwohner der Vicht, am Vorabend noch gänzlich zugefroren, in Vicht sorgen sich derweil mehr um ihre Keller und Wohnungen. Am Vormittag hören die Bachanlieger einen Rums. Der Blick aus dem Fenster zeigt, zwischen Vicht Brücke und dem Kindergarten besteht der Bach auf 300 Meter Länge nur noch aus Eisschollen, gut zwölf Zentimeter dick, aufgeschoben wie in der Artkis.

Als kurz vor 13 Uhr die Feuerwehr alarmiert wird, hat sich die Eiswand schon gut einen Meter das Bachufer heraufgeschoben - mit steigender Tendenz. An der Eichsdelle steht die Masse an der Unterkante der Brücke zum Friedhof. Einsatzleiter Karl Wenn alarmiert weitere Kräfte. Gut 70 Mann sind im Einsatz. WVER, Landesbetrieb, Ordnungsamt, Fachbereichsleiter Bernd Kistermann, Wasserbehörden, Polizei und THW eilen nach Vicht und suchen nach Lösungen, wie das Eismeer gelöst, weitere Aufstockungen an Brücken und eine Überschwemmung der Altstadt verhindert werden kann.

Derweil verschärft sich die Lage; auch unterhalb der Vichter Brücke und vor der Brücke in der Kurt-Schumacher-Straße stauen sich Eisschollen auf. Beide Landesstraßen werden an den Brücken komplett gesperrt, Verkehr und Busse werden großräumig umgeleitet.

Bei drei Unternehmen werden Bagger geordert, die von den Brücken aus den Durchfluss der Vicht gewährleisten sollen. Die THW-Leiter Wolfgang Geicht und Thomas Johnen ordern Sprengstoff. Der muss per Einsatzfahrt von Recklinghausen aus herangeführt werden, seitdem das Stolberger Sprengunternehmen Werner geschlossen ist. Das hatte noch am 25. Januar 1985 einen vergleichbaren Eisstau gesprengt. Bernd Claßen, bis 2006 noch selbst Stadtbrandinspektor, zeigt Bilder davon; aber die Vichter, die interessiert die Arbeiten beobachten, sind sich einig, dass sie seitdem ein solches Naturphänomen nicht mehr erlebt haben. Während sie diskutieren, liefert die Feuerwehr Holzplatten und Balken, um Waschmaschinen aufzubocken und die Fenster der Bachhäuser zu verschließen. Als Schutz vor dem steigenden Wasser und vor der geplanten Sprengung.

Der neue Wechsellader der Wehr liefert einen Container voll Sandsäcke, ein zweiter kommt aus Eschweiler. Dämme werden an der Eichsdelle, an den Häusern und bachabwärts der Brücke an tief liegenden Grundstücken errichtet. Auf allen Brücken bis zur Inde setzt die Feuerwehr Beobachtungsposten ein. Die Zeit bis zum Eintreffen des Sprengstoffs will genutzt sein.

Vor Ort sind mittlerweile die Bagger. Unterhalb Vicht Brücke und vor ihren Pfeilern gelingt es Baggerführer Willi Kistermann für einen Abfluss der Eisschollen zu sorgen. Doch an den großen Berg lässt Thomas Meurer ihn noch nicht ran. Zuerst soll ein weiterer Bagger in Höhe Waldfriede zum Schutz der Altstadt postiert sein.

Um 17.30 Uhr wird der Sprengstoff minütlich erwartet. Das THW will schon auf der Eifelstraße seine Lichtmasten aufbauen, der Bagger an der Eichsdelle einen Baum aus dem Bach fischen. Doch ebenso plötzlich wie das Eis gekommen war, rumort es an Vicht Brücke um 17.33 Uhr. Die Schollen lösen sich. Mit einer 50 cm hohen Flutwelle rauscht der aufgestaute Bach innerhalb weniger Minuten talwärts ohne größeren Schaden anzurichten durch die enge Altstadt ins breite Tal der Inde hinter der Vegla. Nur einen Baum an Vicht Brücke hat der Druck so mitgenommen, dass er gekappt werden muss.

Es kann aufgeräumt und kontrolliert werden. Und das Eis, das noch auf dem Hasselbach bei Zweifall liegt, erscheint nicht mehr als Gefahr. Die Altstadt hat Glück gehabt. Und Thomas Meurer wird nach diesem Erlebnis die Hochwasserschutzmaßnahmen für den Vichtbach sicher weiter forcieren.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert