Stolberger stolpern über ihre Geschichte

Von: Laura Beemelmanns
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Gunter Demnig hat das Projekt „Stolpersteine“ bereits im Jahr 1992 ins Leben gerufen. Weit über 56000 Steine wurden bislang in über 1000 europäischen Orten verlegt. Nun wurden auch in Stolberg zwölf Stolpersteine in den Boden eingelassen. Foto: L. Beemelmanns

Stolberg. Wenn man etwas über das Schicksal der Menschen erfahren möchte, für die am gestrigen Freitag Stolpersteine in der Stolberger Altstadt verlegt wurden, dann muss man sich nach unten beugen. Gunter Demnig, der die Steine in den Boden gesetzt hat, formuliert es griffiger.

Er sagt: „Wenn man etwas über die Menschen lesen möchte, muss man sich vor ihnen verbeugen.“ Die jüdischen Familien Zinader und Salomon lebten einst im Steinweg in der Altstadt. Und das soll nicht in Vergessenheit geraten. Daher wurden ihnen die Stolpersteine gewidmet – sechs je Familie, zwölf insgesamt.

Sie bewohnten die Häuser mit den Hausnummern 56 und 57 – sie waren Nachbarn. Die Zinaders hatten ein Schuhgeschäft, die Salomons waren Fabrikanten. Dann jedoch fielen sie, weil sie Juden waren, den Machenschaften der Nationalsozialisten zum Opfer und wurden deportiert, ermordet oder starben vor Erschöpfung. Von einigen Familienmitgliedern ist nicht einmal der Todesort bekannt.

„Man stolpert mit dem Herzen“

„Vielleicht wären die Kinder und Enkelkinder dieser Menschen heute unsere Freunde“, sagt Gunter Demnig. Der Kölner Künstler findet bewegende Worte, um zu beschreiben, warum das Verlegen dieser Stolpersteine eine so hohe Bedeutung hat. Und wenn das einer beurteilen kann, dann er. Schließlich hat er schon in rund 1000 europäischen Orten Stolpersteine verlegt – darunter auch viele in der Region wie beispielsweise Eschweiler und Geilenkirchen.

Wie bedeutsam dieser Anlass war, das konnte man allerdings auch an der großen Menschenansammlung im Steinweg sehen. Denn neben Demnig, vielen Mitgliedern der Gruppe Z und einigen Schülern und Lehrern des Goethe-Gymnasiums, der Sekundarschule, der Gesamtschule und der Hauptschule Kogelshäuserstraße hatten sich auch Bürgermeister Tim Grüttemeier und Vertreter der Stadt die Zeit genommen, um bei der Verlegung der ersten Steine dabei sein zu können.

Dass nun auch in Stolberg solche Stolpersteine in den Bürgersteig eingelassen wurden, stand lange Zeit auf der Kippe. Diskussionen der verantwortlichen Gruppe Z mit einigen Gegnern sorgten dafür, dass sich die Verlegung in die Länge zog. „Man würde die Menschen mit Füßen treten“, war eine Aussage der Gegner. „Man trampelt dadurch nicht auf den Menschen herum“, sagt Demnig. „Die Steine erinnern an sie und machen ihre Geschichte greifbar.“ Und auch stolpern würde man über sie nicht, wenngleich der Name das vermuten ließe. Denn die Steine werden so in den Boden integriert, dass keine Kante herausragt.

Wie Demnig allerdings auf den Namen Stolpersteine gekommen sei, das wisse er heute nicht mehr. Eine schöne Erklärung dafür lieferte jemand anderes: „Ein Junge, der einmal beim Verlegen der Stolpersteine dabei war, hat es treffend formuliert“, sagt Demnig, „er sagte: ‚Man stolpert über sie mit dem Kopf und mit dem Herzen‘“.

„Immer andere Schicksale“

Und Demnig muss es wissen. Er ist nicht nur Initiator des Projektes, das er 1992 ins Leben rief, er verlegt die Steine auch. Routine habe er deswegen nach all den Jahren nicht. „Es stecken immer andere Schicksale dahinter“, sagt er. Und so sehr er sich darüber freue, dass so viele Menschen ihr Interesse an der Verlegung der Steine zum Ausdruck brächten, der Anlass sei dennoch ein trauriger. „Das Schöne daran ist jedoch, dass es von Bürgern initiiert wurde und es auch von Bürgern getragen wird“, sagt Demnig. Denn ohne die Gruppe Z, private Sponsoren und die Stadt Stolberg wäre auch eine Verlegung im Jahr 2015 nicht möglich gewesen. „Wir möchten an die gemeinsame Verantwortung erinnern“, sagt auch Bürgermeister Tim Grüttemeier als er allen Verantwortlichen für den „Beitrag gegen das Vergessen“ dankte.

Rund eine Stunde haben sich die Initiatoren, die vielen Unterstützer und die neugierigen Passanten Zeit genommen, um das Einsetzen der Steine mit anzuschauen. Die Schüler hatten jeweils die Geschichte der einzelnen jüdischen Familienmitglieder vorgetragen, Johannes Schweiker aus der Klasse 8 des Goethe-Gymnasiums spielte nach jedem Beitrag ein bewegendes Lied auf seinem Cello und Udo Beitzel und Karen Lange-Rehberg von der Gruppe Z hatten es sich nicht nehmen lassen, auch noch ein paar Dankesworte auszusprechen. Dann griff Lange-Rehberg nach einem Blumenstrauß bestehend aus weißen Rosen. Diese verteilte sie an die Mitglieder der Gruppe Z, die sie wiederum neben die Stolpersteine vor den Häusern mit der Nummer 56 und 57 legten. Der Bauhof der Stadt Stolberg vervollständigte das Werk Demnigs, indem sie die fehlenden Steine um die Stolpersteine herum einsetzten. „Ich bin froh, dass das andere übernehmen. Denn mir geht das nach all den Jahren auf den Rücken und die Knie“, sagt Demnig. Dann packt er sein Werkzeug ein und fährt. Im Mittelpunkt stehen, das ist nichts für ihn. Denn im Mittelpunkt sollen die Menschen stehen, die hinter der Erinnerung durch die Stolpersteine stecken.

Die Stolpersteine erinnern an Siegmund, Ida, Ignatz, Isidor, Sala und Regina Zinader sowie an Aaron, Alfred, Walter, Jette, Horst und Hannelore Salomon.

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