Stolberg - Stolberger sollen den Bus wieder neu entdecken

Stolberger sollen den Bus wieder neu entdecken

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Mit den neuen Tarifen ist der Busverkehr in Stolberg unattraktiver geworden. Die Koalition hat 60.000 Euro bereitgestellt, um die Fahrten wieder preiswerter zu machen. Foto: J. Lange
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Die Nutzungen der früheren Kurzstreckenregelung und des neuen Flugstickets.
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So teuer ist der gute Einstieg, wenn man mehr als vier Haltestellen mit dem Bus in Stolberg fahren will. Zu Zweit könnte man sich dann auch ein Taxi leisten. Foto: J. Lange

Stolberg. Mit gut drei Millionen Euro beteiligt sich die Kupferstadt bereits alljährlich über die städteregionale Umlage an den Kosten des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Für das kommende Jahr hat die große Koalition die Schatulle noch einmal zusätzlich geöffnet.

60.000 Euro haben CDU und SPD locker gemacht, um den Stolbergern das Busfahren wieder ein wenig schmackhafter zu machen: Ab Juni soll es ein Stolberg-Ticket geben, das die Fahrt mit dem Bus wieder bezahlbarer macht.

Versalzen hatte ihnen der Aachener Verkehrsverbund (AVV) die Lust auf den Bus vor zweieinhalb Jahren. Da führte er zum Fahrplanwechsel im Juni 2013 sein so genanntes „Flugs-Ticket“ ein – und flugs war die Busfahrt für den Gelegenheitskunden aus der Kupferstadt um 70 Prozent teurer.

Und noch immer nehmen viele Stolberger dem AVV seine Erklärungen übel. Es gebe immer Gewinner und Verlierer bei einer Tarifgestaltung, hatte der frühere Geschäftsführer Hans-Joachim Sistenich argumentiert. Und nun sei nach Jahren der Bevorzugung das Stolberger Kerngebiet einmal auf der Verlierer-Seite angekommen, während es sogar Dörfer gebe, die flugs vom neuen Ticket profitieren würden. Was war geschehen?

Bis Juni 2013 war die gesamt Kernstadt (Gebiet 29) – von Schwarzenbruch über Steinfurt bis zum Donnerberg hinauf, über den Derichsberg bis Vicht Brücke und weiter über Büsbach, Münsterbusch bis zum Sebastianusweg eine Tarifeinheit.

Weitere Kurzstreckenbereiche umfassten Breinig, Breinigerberg, Venwegen und Dorff (30); Werth, Gressenich, Schevenhütte und Mausbach (31) sowie Vicht und Zweifall (32). Innerhalb dieses Tarifbereiches kostet die Einzelfahrt 1,60 Euro. Dann wurde der Tarif für die Kurzstrecke zehn Cent günstiger, der Geltungsbereich drastisch reduziert, und der ÖPNV für alle Nicht-Zeitkarteninhaber dramatisch teurer.

Die Kurzstrecke zu 1,50 Euro gilt fortan nur für die nächsten vier Haltestellen, was allenfalls Vorteile dort brachte, wo alte Tarifgebiete überschritten wurden – zwischen den Dörfern. Aber für die Masse der Stolberger Gelegenheitsfahrer war der Tarifwechsel mit einer 70-prozentigen Preiserhöhung verbunden.

Wer von Atsch, Büsbach, Donnerberg oder Münsterbusch mal eben in den Stadtkern möchte oder zurück in den Ort, für den wurde Preisstufe 1 fällig: Vor drei Jahren waren das noch 2,55 Euro, mittlerweile kostet die Einzelfahrt satte 2,65 Euro. Wenn beispielsweise ein Pärchen abends nach Hause möchte, ist es mit Taxi oder Funkmietwagen bequemer und größtenteils günstiger unterwegs, sobald die Route weiter als vier Haltestellen ist.

Mit den Füßen abgestimmt

Es hagelte Kritik aus der Bevölkerung, die dem AVV vorhält, seine Politik auf die Verhältnisse in Aachener Innenstadt auszurichten, während gleichzeitig die schwierige Topographie in Stolberg nicht beachtet werde. Und angesichts von Fahrtkosten von 5,10 bzw. 5,30 Euro hin- und retour sieht sich der Verbund auch dem Vorhalt der sozialen Benachteiligung ausgesetzt.

Der Druck auf die Politik in Stolberg und in der Folge auf die städtischen Vertreter in den Gremien des AVV wuchs. Und in der Stadt Herzogenrath mit seinen Nebenzentren und ebenfalls schwieriger Topographie fand die Kupferstadt einen Mitstreiter. Doch eine Rückkehr zu alten Qualitäten konnte nicht erreicht werden. Mit einer Analyse mussten sich die Stolberger erst einmal begnügen.

Sie stimmten derweil mit den Füßen ab – und liefen dem AVV davon. Einen Verlust von 6,8 Prozent an Fahrgästen bilanzierte die Aachener Ingenieurgruppe IVV. Das bedeutet einen Verlust von 54.478 auf 742.079 Fahrten. Ein Verlust, den der AVV auf der finanziellen Seite noch nicht einmal zu spüren bekommen hat. Die in Stolberg erwirtschafteten Einnahmen stiegen leicht um 4099 auf 1,285 Millionen Euro.

Und das liegt wiederum daran, dass die Masse der Kunden nicht mehr mit dem Kurzstrecken-Tarif ans Ziel kommen. In der Modellrechnung reduzierten sich die Fahrten mit Kurzstreckentarif von 209.232 auf 63.260.

Ebenso deutlich absehbar ist zwangsweise der Trend zu den teueren Tickets der Preisstufen 1 und 2: von 63.668 auf 136.866 bzw. 118.974 auf 131.475 Fahrten.

Immerhin war bis vor drei Jahren der Kurzstreckentarif in der Stolberger Innenstadt ein Erfolgsmodell 92 Prozent aller Kurzstreckenfahrten erfolgten innerhalb der Tarifzone „29 Mitte“: 232.251 mit einer durchschnittlichen Reiseweite von 2,4 Kilometern. Im Vergleich dazu war der Kurzstreckenverkehr innerhalb der drei weiteren Tarifgebiete marginal: 10.852 Fahrten in Breinig, 7119 Fahrten in Gressenich/Schevenhütte und 1172 Fahrten im Vicht/Zweifall.

Ansätze zur Lösung

Mit lediglich 36.791 Fahrten im Zentrum kann das Angebot des neuen Flugs-Ticket in der Innenstadt der Nachfrage in Stolberg nicht gerecht werden. So sehr der AVV auch betont, dass die Stolberger Kernstadt von der früheren Kurzstrecken-Einteilung besonders profitiert hat, desto größer ist die Angst vor den Konsequenzen: Die Stolberger kommen seltener in ihre Innenstadt; und damit bleiben potenzielle Kunden aus, auf die der schwierige und im Wandel befindliche Einzelhandelsstandort um so mehr angewiesen ist.

Untersucht hat die IVV auch unterschiedliche Lösungsansätze. Mittelfristig wäre eine Differenzierung aller lokalen Preise im Verkehrsverbund zwischen Aachen und den übrigen Kommunen denkbar – aber wenig wahrscheinlich realisierbar. Interessanter sind aus Sicht der Kupferstadt zwei andere Ansätze, das Problem zu lösen.

Stolberg könnte ebenso wie die größere Nachbarstadt eine eigene City-XL-Zone in der Kernstadt erhalten. Alternativ könnte ein neues Ticket zu einem abgesenkten Preis als Kompromiss zwischen dem Kurzstreckentarif und der Preisstufe 1 entwickelt werden.

So sieht die IVV in einem City-XL-Ticket á la Aachen zwar einen gangbaren Weg, der „die in Stolberg eingetretene Situation abmildert“ und „nur in der Kernstadt umsetzbar ist“, aber auch recht teuer ist für die Kommune. Auf 70.000 bis 95.000 Euro werden die Mindereinnahmen des AVV beziffert, die die Kupferstadt ausgleichen müsste.

Zwischen 30.000 Euro im günstigsten und 90.000 Euro im ungünstigsten Fall liegt der Aufwand für einen abgesenkten Tarif für das Stolberger Stadtgebiet. Berechnet hat die IVV Stadtfahrten zum Preis von 1,80 Euro (zwischen 70.000 bis 90.000 Euro zusätzliche Subvention), 2,00 Euro (50.000 bis 70.000 Euro und 2,20 Euro (30.000 bis 40.000 Euro).

Aus Sicht der Verkehrsingenieure ist auch dies ein gangbarer Weg, der aber die Transparenz des AVV-Tarifs durch lokal abweichende Regelungen belaste und auch für andere Kommunen die „Frage nach der Preisgerechtigkeit des Tarifs für Stadtfahrten“ aufwerfe.

Der Rat hat mit dem Beschluss über den Haushalt das Volumen des Machbaren mit 60.000 Euro beziffert. Welche Variante damit „gezimmert“ werden kann, darüber wird Anfang nächsten Jahres sich erst einmal der Verkehrsausschuss Gedanken machen können, kündigt der Technische Beigeordnete Tobias Röhm an.

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