Stolberger Künstler schreiben Krimis über Pflege-Missstände

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Haben ihren dritten Krimi veröffentlicht: Franz-Bernd und Susanne Becker. Foto: K. Jeschke, C. Reinhard

Stolberg. Mit dem Buch „Seele um Seele“ legen der Breiniger Franz-Bernd Becker und seine Frau Susanne Becker jetzt ihren dritten Kriminalroman vor, der mit spannender Handlung Einblicke in die Missstände in deutschen Pflegeheimen gibt.

Den Stolbergern ist Franz-Bernd Becker wohl eher aus anderen Zusammenhängen bekannt: Noch während er an der staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf studierte, gründete Becker 1976 mit dem Büsbacher Künstler Hartmut „Hacki“ Ritzerfeld die bis heute legendäre Vennakademie. Mit Ritzerfeld, Win Braun und Emil Sorge bildete Becker ab 1988 die Gruppe der „Eifelmaler“. Franz-Bernd Beckers Kunstwerke waren nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Portugal und den USA zu sehen. Dirk Müller sprach mit dem Breiniger über Kunst, Literatur, Pflegenotstand und den interessanten Werdegang von Franz-Bernd Becker.

Ihr beruflicher Werdegang begann mit der Ausbildung zum Schaufenstergestalter. Warum?

Becker: Viele Künstler waren in den 60er und 70er Jahren Schaufenstergestalter. Auch in Stolberg, wie die Beispiele Hartmut „Hacki“ Ritzerfeld oder Kurt Pilz zeigen. So habe auch ich mich für diese Berufsausbildung entschieden, um kreativ arbeiten zu können. Letztendlich haben Schaufenstergestalter aber nur Waren zum Verkauf ausgestellt, so dass es mich 1974 an die staatliche Kunstakademie in Düsseldorf zog.

Dort haben Sie Bühnenbild und Malerei studiert, wurden 1981 von Prof. „Rissa“ (Karin Götz) zum Meisterschüler ernannt und in der Folge ein angesehener Künstler. Warum haben Sie ab 1996 eine Schaffenspause eingelegt?

Becker: Nachdem es mir gelungen war, einige Jahre als freischaffender Künstler auch wirtschaftlich zu überleben, kam es in der Kunstszene zu einer Art Modediktat. Plötzlich waren andere Werke und Herangehensweisen gefragt. Ich konnte mich dem nicht angleichen und geriet in eine künstlerische Krise. Heute bin ich froh deswegen, denn jede überwundene Krise bringt einen im Leben weiter. Damals führte diese Entwicklung allerdings auch zu einer finanziellen Krise: Ich brauchte ganz profan Geld. Da ich auch examinierter Altenpfleger war, habe ich dann in diesem Beruf gearbeitet und mich weitergebildet, so dass ich Sozialbetriebswirt und Diakon wurde.

Und Sie haben bald Stolberg verlassen...

Becker: Ja, das war für mich ein herber Einschnitt, meiner Heimat den Rücken zu kehren, aber es war zugleich eine große Chance für meinen persönlichen Neuanfang, der geglückt ist. Auf Sylt hatte ich die Möglichkeit, in der Altenpflege zu arbeiten. Mein Freund Uwe Vollmar hat mich 1998 von Stolberg nach Sylt gefahren. In dem Glauben, es sei niemand in der Nähe, haben wir damals wohl recht lautstark meine neue Angestelltenwohnung auf der Insel eingeräumt und dabei dann doch schlafende Nachtwachen gestört. Prompt hat sich eine junge Dame bei uns beschwert, weil wir sie geweckt hatten. Doch alles, was schlecht beginnt, endet meistens gut, denn besagte Susanne durfte ich nicht nur bald näher kennenlernen, sondern 2002 sogar heiraten.

Inzwischen lebten Sie aber nicht mehr auf Sylt...

Becker: Stimmt, wir haben auf der Ostseeinsel Fehmarn geheiratet. Dort sind wir über einen kleinen Umweg angelangt, da wir ein halbes Jahr in Stuttgart in einem Pflegeheim gearbeitet haben. Als auf Fehmarn ein Heimleiterpaar gesucht wurde, haben wir diese Gelegenheit ergriffen, und meine Frau Susanne übernahm Pflegedienstleitung und Qualitätssicherung und ich die Leitung der Einrichtung.

Und wo blieb dabei die Kunst? Endgültig auf der Strecke?

Becker: Nein, ganz im Gegenteil: Sie meldete sich regelrecht brachial zurück. Die Insel mit den umgebenden Elementen hat mich enorm inspiriert, und ich habe wieder gemalt. Allerdings in völlig anderem Stil als zuvor: Auf Fehmarn sind surrealistische und informelle Bilder entstanden.

Und warum leben Sie jetzt im sächsischen Görlitz?

Becker: Zunächst weil es wunderschön ist. Wir wohnen in einem 500 Jahre alten Renaissance-Haus in der Görlitzer Altstadt. Hier stehen Häuser der Spätgotik, der Renaissance, des Barocks und der Gründerzeit. Wer noch nie in Görlitz war, kann es sich kaum vorstellen, aber hier gibt es mehr als 4000 alte Häuser, allesamt Kultur- und Baudenkmale, ohne einen einzigen Neubau dazwischen. Die Atmosphäre ist großartig und sehr anregend um zu schreiben. Und das bei äußerst günstigen Mieten. Dennoch spielen wir derzeit mit dem Gedanken umzuziehen. Vielleicht nach Schleswig-Holstein, weil wir wieder Sehnsucht nach dem Meer haben. Vielleicht aber auch in die Eifel, weil wir Sehnsucht nach der Eifel haben.

Wie kam es zu Ihren schriftstellerischen Ambitionen?

Becker: Meine Frau Susanne und ich wollten unsere Erfahrungen aus dem Pflegeberuf zu Papier bringen. Ein Pflegeheim ist quasi ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Es ist eine eigene kleine Welt, die viele interessante Geschichten in sich birgt. Und wir wollten auf die Probleme in der Pflege aufmerksam machen. In Zeiten von Gewinnmaximierung stehen menschliche Bedürfnisse und wirtschaftliche Interessen sich soweit gegenüber, dass sie scheinbar nicht mehr miteinander vereinbart werden können. In der Praxis kommen die Senioren in den Einrichtungen zu kurz, und die Angestellten sind völlig überlastet. Hinzu kommt, dass rund die Hälfte des Personals ungelernt ist. Außerdem arbeiten in Pflegeheimen auch immer wieder Menschen mit nur wenig Empathie – sie sind eigentlich vollkommen fehl am Platze.

Und warum verpacken Sie Ihre beruflichen Erfahrungen in Krimi-Handlungen?

Becker: Aus mehreren Gründen. Sprichwörtlich haben meine Frau und ich als Heimleitung immer „mit einem Bein im Knast gestanden“, was unsere Verantwortung in Relation zur traurigen Wirklichkeit mit ihren Missständen anging. Da haben wir uns gedacht, „warum sollen dort, wo ohnehin gestorben wird, nicht auch Morde verübt werden. So sind die Romane hoffentlich für die Leser auch interessanter weil spannender. Und als Autoren haben wir mit den Krimis einen guten Kanal gefunden, die Probleme in der Pflege ohne zu sehr erhobenen Zeigefinger zu vermitteln. Die Bücher sollen in erster Linie spannend sein und nur „nebenbei kritisch“.

Sowohl in Ihrem zweiten, als auch im aktuellen Buch, das im Jahr 2021 spielt, zeichnen Sie eine Zukunftsvision, in der die Altenpflege in Deutschland erschreckend ist. Wie realistisch ist es, dass schwerkranke Senioren in Spezialbetten am Leben erhalten werden, dass Roboter Senioren versorgen, und dass alte Menschen völlig computer- und videoüberwacht werden?

Becker: Noch sind solche Zustände keine Realität, aber wir steuern leider darauf zu. In Japan gibt es bereits ganze Dörfer mit alten Menschen. Dort kommen zum Beispiel Ganzkörperairbags zum Einsatz, die über Sensoren verfügen: Droht ein Senior umzufallen, bläst der Airbag sich auf. In den Niederlanden sind schon kleine Roboter im Einsatz, die alte Menschen unterhalten sollen. In Deutschland gibt es bereits jetzt viel zu wenig Personal im Pflegebereich, und diese Entwicklung wird noch wesentlich dramatischer werden. Wenn wir als Gesellschaft nicht gegensteuern, droht den kommenden Senioren zwangsläufig die Versorgung durch Androiden, computergesteuerte Überwachung und ähnliches.

Zurück in die nähere Zukunft: Ihr drittes Buch ist auf dem Markt – was haben Susanne und Franz-Bernd Becker als nächstes vor?

Becker: Wir schreiben das vierte Buch, dass wieder ein Heimkrimi wird. Die Handlung steht bereits, doch bevor wir in die Details gehen, stehe noch ein paar andere Sachen an. Beispielsweise eine Lesung im Radio, und es ist geplant, dass wir bei der Leipziger Buchmesse im März 2018 unsere Romane vorstellen. Dann soll bald der nächste Krimi erscheinen, der wieder in dem Stift am Niederrhein spielt.

Wie schreiben Sie in der Praxis zusammen an ein und demselben Buch?

Becker: Wir denken uns die Handlung gemeinsam aus und erarbeiten ein konkretes Exposé mit Kapiteleinteilung. Je nach Vorlieben suchen meine Frau und ich uns dann Kapitel aus, die jeder für sich schreibt. Die Übergänge gestalten wir wieder zusammen. Das funktioniert nicht immer reibungslos, aber doch sehr gut. Es ist halt von Vorteil, dass wir auch im Pflegebereich immer gerne und gut zusammengearbeitet haben.

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