Stolberger Kinderärzte sind zufrieden mit Impfverhalten

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Kleiner Piks mit großer Wirkung: Einige Mütter und Väter fragen sich allerdings, ob ihr Kind durch eine Impfung wirklich geschützt ist. Hier sind natürlich die Ärzte gefragt, die mit entsprechender Aufklärung Überzeugungsarbeit leisten. Foto: dpa
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Mindestens acht Jahre ist es her, dass Kinderarzt Dr. Matthias Kontny einen akuten Fall einer Masernerkrankung in seiner Praxis gesehen hat.

Stolberg. „Ich will Masern nicht verteufeln. Sicherlich geht die Krankheit auch vorbei, aber sie kann eben auch mit Komplikationen verbunden sein. Gefürchtet ist zum Beispiel die Maserngehirnentzündung, die zu Behinderung und Tod führen kann.“ Als Kinderarzt im Krankenhaus hat er genau solche Komplikationen kennengelernt. Dr. Matthias Kontny sollte also wissen, wovon er spricht.

Seit nunmehr 26 Jahren ist er Kinderarzt. Lediglich wenn „sein“ Berufsverband, also der Verband der Kinder- und Jugendärzte, den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr – er hat jüngst eine Impfpflicht für Kinder ins Gespräch gebracht – unterstützt, kommt der in Büsbach praktizierende Arzt etwas ins Schleudern.

„Da bin ich mir nicht so schlüssig, aber grundsätzlich bin ich gegen eine Pflicht in einer freien Gesellschaft wie der unseren. Ich will da auch nicht auf die Barrikaden“, sagt er. Muss er auch nicht, jedenfalls nicht für Stolberg. Denn die Bürger der Stadt sind nach Kontnys Meinung nicht impfmüde, „sondern manchmal einfach ein bisschen lasch“. Da gibt es zum Beispiel immer noch einige Eltern, die der Meinung sind, dass ihr Kind nicht geimpft werden kann, weil es gerade krank ist. Dabei spreche – nach entsprechender Untersuchung – nichts dagegen, trotz einfachem Infekt, also beispielsweise bei leichtem Durchfall oder Schnupfen, zu impfen.

Nur etwa jedes dritte Kleinkind in Deutschland wird einer Studie zufolge rechtzeitig und ausreichend gegen Masern geimpft. 37 Prozent der Kinder erhalten vor ihrem zweiten Geburtstag die empfohlene Doppel-Impfung, wie Wissenschaftler vom Versorgungsatlas der kassenärztlichen Vereinigungen mitteilten.

Die Weltgesundheitsorganisation will bis 2015 eine flächendeckende Impfquote von 95 Prozent erreichen. Warum eigentlich? „Weil man dann annehmen kann, dass keine Epidemie mehr ausbricht, der Virus läuft sich dann sozusagen tot“, erklärt Dr. Kontny. Die Masern könnten in Europa längst ausgerottet sein. Doch die Impfmüdigkeit der Deutschen hat diesen Plan der WHO schon öfter vereitelt. „Nord- und Südamerika sind masernfrei. Da sind die Behörden natürlich recht ungehalten, wenn wir Europäer das immer wieder einschleppen.“

Ein weiteres Problem, das der Büsbacher Arzt sieht, sei, dass viele Menschen die Krankheit einfach nicht mehr kennen und sie als harmloses Kinderleiden abstempeln, „sie denken, dass es dann nicht mehr wichtig ist zu impfen. Das ist natürlich falsch, denn gefährdet sind eben nicht nur Kinder. Eine Masernimpfung schützt alle“, so Kontny.

Impflücken bei Schulkindern

Impflücken sieht Dr. Michael Blatzheim, ebenfalls Kinderarzt in Stolberg, vor allem bei einer Gruppe: den Schulkindern. „Bei Kindern bis vier Jahre sehe ich überhaupt kein Problem, weil die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen ja auch gegeben ist. Die Lücken sind vor allem bei Schulkindern, und das betrifft alle Impfungen, denn im Schulalter wird der Schutz ja aufgefrischt“, so der in der Innenstadt praktizierende Arzt. Impfgegnern begegne er in seiner Praxis kaum, Vergesslichkeit sei eher das Stichwort. „Wir als Ärzte haben die Aufgabe Überzeugungsarbeit zu leisten und im positiven Sinne fürs Impfen zu werben“, so Blatzheim.

Der Gesprächsbedarf bei den Patienten ist groß, da sind sich die beiden Kinderärzte einig. „Viele Eltern fragen aufgrund der aktuellen Lage nach, ob noch was nachgeholt werden muss. Und ich hatte gestern noch tschechische Patienten hier, die ganz überrascht waren, dass es bei uns keine Impfpflicht gibt“, berichtet Matthias Kontny.

Vor jeder Impfung aufklären – das ist das A und O, und das sieht auch der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte so. Dr. Wolfram Hartmann: „Wir wissen heute durch viele Studien, dass die Impfraten besonders hoch sind, wenn sie an die Vorsorgen gekoppelt sind. Der Grund: Bei den Vorsorgeuntersuchungen klärt der Kinder- und Jugendarzt die Eltern über die jeweils anstehende Impfung auf und führt sie gleich durch.

Spätestens bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung, die in den meisten Bundesländern als verpflichtende Einladungen ausgewiesen sind und damit alle Kinder erreichen, können eventuell verpasste Impfungen nachgeholt werden. Aufgrund dieses sehr sicheren Systems der Impferreichbarkeit konnten wir es erreichen, dass zum Schuleingang 92 Prozent aller Kinder die empfohlene zweifache Masernimpfung erhalten haben. Wir müssen also noch mehr als heute die Vorsorgeuntersuchungen in allen Bundesländern verbindlich machen.“

Manche Menschen hätten schlichtweg Angst vor Impfungen, „auf solche Ängste und Sorgen müssen wir natürlich eingehen. Wir können sie nur ausräumen, indem wir vernünftig aufklären“, betont Michael Blatzheim. Ab und an komme es tatsächlich vor, dass Eltern Impfungen bei ihren Kindern partout nicht zulassen wollen, „da kann ich natürlich nichts gegen machen. Aber ich muss es dokumentieren und belegen“.

Kommt man nicht auch ohne Impfung gut durchs Leben? Dr. Kontny schmunzelt: „Das nennt man Herden-Immunität. Will heißen, dass die umgebende Masse, die geimpft ist, den Ungeimpften schützt. Aber das ist eine Pseudosicherheit.“

Der Büsbacher Arzt hat selbst vier Kinder, die er nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission geimpft hat. Das überzeugt viele Eltern im Gespräch. Und manchmal auch nur folgender simpler Satz, den Kontny gerne anwendet: „Man schnallt sich ja auch im Auto an, obwohl die Gefahr, dass man einen Unfall macht, recht gering ist.“

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