Stolberger Hauptbahnhof wandelt sich zur neuen Visitenkarte

Von: ucg
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Visionen vom Wilden Westen weckt das Surren der Zugräder, während der Neubau des Parkhauses Visionen eines gelandeten Ufo hervorrufen: Der Hauptbahnhof wandelt sich zur neuen Visitenkarte. Foto: J. Lange

Stolberg. Wenn nur nicht die Bahnhöfe wären… Der Regionalzug aus Köln hält. Nein, stopp, noch nicht aussteigen! Das muss die falsche Station sein! Ein grün-weiß beplanktes Ufo ist neben dem Bahnsteig gelandet. Ockerfarben leuchtet ein schmuckes Gebäude im klassisch-wilhelminischen Stil herüber.

Aber da steht es Weiß auf Blau: Stolberg (Rheinland) Hbf. Staunen. Der Zug verschwindet und seine Räder summen eine Melodie, die Erinnerungen weckt…

Eine Ruine im Niemandsland. Die Fenster mit Brettern vernagelt, blinde Scheiben, weit und breit kein Mensch. Die Gleise verschwimmen am flimmernden Horizont. Jede Wette: Gleich treten Snaky, Knuckles und Stony aus der Kulisse – die drei Revolverhalunken aus der legendären Anfangs-Szene von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Die Räder des Zuges summen das klagende Mundharmonika-Thema dazu ...

Glücklicherweise warteten in Stolberg nicht die drei Killer sondern ein bestellter freundlicher Taxifahrer. „Jau, dat sieht hier aus wie nach’m Weltkrieg “, sagt er und lädt den Koffer ein.

„Es war einmal im Wilden Westen“ lautet der Original-Titel des Kultfilms. Jau. Im Westen sind wir hier und wild sieht es auch aus. Passt. Nur müsste es heißen „Es war einmal in Stolberg“…

Bahnhöfe – so lehrt uns die Touristik – sind Visitenkarten. Auf dieser stand: Hau bloß ab!

Die Visitenkarte wurde neu gedruckt „Verweile! Sieh Dir diese schöne kleine Stadt an. Wir haben sogar ein Schloss“, steht jetzt darauf. Eine Visitenkarte in Stahlstich auf Büttenpapier. Statt, wie früher, auf einen zerknitterten Fahrplan gekritzelt. Hier rechnest Du nicht mehr mit grashalmkauenden Pistoleros. Sondern mit Mädchen, die Blumensträußchen verteilen.

Es gibt sogar 44 Gleise! Nee, Moment. Gleis 1,2 … 43, 44…27?! Das sind summa nur fünf. Na ja. Wenn die schöne neue Anlage schon „Hauptbahnhof“ heißt, dann soll sie sich ruhig mit ein wenig Gleisnummern-Kosmetik aufhübschen dürfen. Gut, es verwirrt, weil der Reisende die fehlenden 39 Bahnsteige vergeblich sucht. Bei der Abreise zum Beispiel.

Baumaschinen rattern, Absperrbänder flattern, provisorische Wege führen hier- und dorthin. Keiner weiß so recht, an welchem der 44 Gleise denn nun heute der RE 10915 nach Köln hält.

Anruf bei der Bahn. „Stolbärsch?! Dat bei Aachen?“, tönt es in breitem Kölsch. Genau. „Ahaso, ja rischtisch, da iss ja watt am Bahnhof, ne?“ fragt der Unbekannte. Genau. Es hat sich also schon weit herumgesprochen. „De Zooch kütt füneff Minuten später, op Jleis zwoo. Freuen se sisch – jenießen se so lange den Anblick!“ Genau! Lohnt sich ja jetzt.

„Ich könnte jahrelang zu Hause sitzen und zufrieden sein“, schrieb der Schriftsteller Joseph Roth. „Wenn nur nicht die Bahnhöfe wären.“ Weil es manchmal einfach so schön ist, von zu Hause aufzubrechen um dort anzukommen.

Zum Beispiel in Stolberg. Dat bei Aachen? Genau! Jenießen se den Anblick…

Der Autor war lange Jahre Mitglied der Chefredaktionen von „Welt am Sonntag“ und „Bild“. Er arbeitet als Kommunikations-Unternehmer in seiner Heimatstadt Hamburg, von wo ihn die Reise immer wieder beruflich in die rheinische Voreifel führt.

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