Stolberger Feuerwehr wird mit neuer Schutzkleidung ausgestattet

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
8686113.jpg
Sie stieß auf großes Interesse bei den Mitgliedern der Ehrenabteilung: die neue Schutzkleidung der Einsatzkräfte aus PBO (Polybenzobisoxazol).

Stolberg. „Die alte Jacke würde zerkrümeln wie Chips in einer zerdrückten Tüte“, sagt Markus Genter. Die gute, alte blaulichtblaue Schutzkleidung hält dem Fortschritt nicht mehr stand, erklärt der Brandoberinspektor der Stolberger Feuerwache: „Wenn‘s heute brennt, wird‘s immer heißer.“

Das liegt an den Stoffen moderner Technologie, die ihren Einzug gehalten haben beim Hausbau ebenso wie in den Autos. Wärmeisolierungen, Photovoltaikanlagen, Batterien, Klimaanlagen, Fahrgestelle aus Aluminium, das beim Verbrennen spritzt, und zunehmend aus Kunststoffen, die im Interieur längst Einzug gehalten haben, sorgen für extreme Temperaturen im Falle eines Feuers.

Brände werden immer heißer

Ein anderer Aspekt sind technische Hilfeleistungen, die einen immer größeren Anteil an den Einsätzen der Feuerwehr einnehmen. Airbags bilden ebenso eine Gefahr für die Retter wie spitze Gegenstände, die immer häufiger bei verunfallten Autos hervorstehen, oder spritzende Chemikalien. Und einen gehörigen Respekt haben Feuerwehrleute vor einem Flashover, einem schlagartigen Übergang eines kleinen schwelenden Feuers von der Entstehungsphase hin zur Vollbrandphase.

„Die Sicherheit unserer Einsatzkräfte muss an erster Stelle stehen“, betont Andreas Dovern. Immerhin riskieren die Feuerwehrleute Leib und Leben, um anderen zu helfen. Bei stetig wachsenden Anforderungen entspricht die bisherige Schutzkleidung aus Nomex zwar noch den Vorschriften, aber nicht mehr den realistischen Szenarien. „Wir müssen heute bei einem Brand mit Temperaturen von mehr als 1200 Grad Celsius rechnen“, sagt der Stadtbrandinspektor. Aber ab einer Hitzebelastung von 350 Grad verändert sich bereits die bislang genutzte Kunstfaser – bis hin zum Zerbröseln.

Truppführer testen als Models

„Glücklicherweise ist in Stolberg noch keine Kameradin und kein Kamerad zu Schaden gekommen“, sagt Genter. Aber Dovern weiß von Fällen zu berichten, in denen selbst abseits des Brandherdes stehende Einsatzleiter durch einen Flashover erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurden – auch weil die Einsatzkleidung nicht mehr heutigen Erfordernissen standhielt.

Erschwerend komme nicht nur hinzu, dass der Tragekomfort nicht sonderlich gut sei, beispielsweise mit der neuen Atemschutzausrüstung auf dem Rücken, der schweren „Blauen“ insbesondere bei technischen Hilfseinsätzen – dann greifen Feuerwehrleute schon einmal auf die bequemeren, aber wenig schützenden orangefarbenen Baumwolljacken aus Urzeiten zurück. Vor allem das Alter der „Blaumänner“ spiele auch eine Rolle. Sie waren 1998 auf einen Schlag für die komplette Stolberger Feuerwehr beschafft worden und entsprachen sicherlich dem seinerzeitigen Stand der Technik.

Aber mittlerweile hat auch der Zahn der Zeit so am Zustand der Schutzkleidung genagt, dass nach gut 15 Jahren Ersatz dringend erforderlich ist. „Das ist natürlich die beste Gelegenheit, die Sicherheitsausrüstung für die Kameraden auf den aktuellen Stand zu bringen“, sagt Dovern. Frühzeitig hat sich die Stolberger Wehr deshalb umgehört und umgeschaut – bei den Wehren in der Nachbarschaft ebenso wie in den einschlägigen Fachforen. „Da muss man einfach sagen, dass die Amerikaner Vorreiter sind“, verweist Markus Genter auf die schnellere Umsetzung von Innovationen aus der Raumfahrt und Militär in den Alltag.

Längst sind die „Firefighter“ jenseits des Atlantiks mit dem Material ausgestattet, dessen Fortentwicklung nun auch die Stolberger Feuerwehrleute besser schützen soll. Aus PBO (Polybenzobisoxazol), das noch einen Deut besser sei als Polybenzimidazol (PBI), mit dem die rund 5000 Wehrleute in Berlin ausgestattet wurden, wird das neue „Tuch“ der Kupferstädter Wehr bestehen. Aber Doverns Truppe wollte natürlich nicht die „Katze im Sack“ beschaffen, sondern hat erst einmal die neuen Modelle auf ihre Funktionalität getestet. Peu à peu wurde seit dem vergangenen Jahr für die Truppführer die neue Schutzkleidung beschafft. Sie ließen sich im harten Alltag von den Vorzügen überzeugen. Das Material für die neuen Schützanzüge ist extrem hitzebeständig und formstabil, hat eine hohe Chemikalienbeständigkeit und bietet gute Reinigungsmöglichkeiten sowie einen geringen Verschleiß. Zudem ist das Material mit Kevlarfasern unterstützt, so dass eine extreme Reiß- und Schnittfestigkeit bescheinigt wird.

Und was bei einer Berufsbekleidung nicht minder schwer wiegt: Die Schutzkleidung überzeugt mit einem hohen Tragekomfort und verbesserten Rettungsmitteln. So sind beispielsweise vorne und im hinteren Kragen Schlaufen in die Jacke integriert, mit der Feuerwehrleute gerettet werden oder die sie bei der Rettung von Opfern einsetzen können. Praktisch sind Schlaufen für Positionslampen, die nicht nur stehend, sondern auch bei einem Einsatz auf allen Vieren das Licht des Scheinwerfers auf den Ort des Geschehens richten. Griffbereit untergebracht sein will das Funkgerät, und jede Menge Taschen bieten Platz für die kleineren Utensilien, die ein Feuerwehrmann so bei sich tragen muss.

Bei alledem soll letztlich auch die Atemschutzausrüstung funktional und auch in extremen Lagen bequem am Körper getragen werden können. „Bei der neuen Schutzausrüstung ist auch an so praktische Dinge geachtet worden wie der Schutz von Knie und Ellenbogen“, freut sich Markus Genter, dass die Polsterung umfassend genug ist, um sich Bewegungsabläufen auch anpassen zu können.

„Die Polster sind übrigens aufgenäht“, sagt der Brandoberinspektor und verweist auf farbliche Feinheiten. In Schwarz hebt sich das Polster deutlich ab vom hellen Sandbeige der Schutzkleidung. „Die neuen Fasern lassen sich nicht einfärben“, erklärt Genter. Das Sandbeige ist der originäre Ton der Spezialfaser. „Was durchaus von Vorteil ist“, bescheinigt Andreas Dovern. Denn dank der leuchtenden Farbe sind seine Einsatzkräfte auch bei schlechten Lichtverhältnissen besser sichtbar. Dazu tragen auch zahlreiche Reflexstreifen an allen Seiten der Uniform bei, wie sie bei einer Flughafen-Feuerwehr gang und gäbe sind. „Das ist wichtig“, berichtet Sascha Meder aus der Praxis. Wer nachts im Einsatz auf der Straße unterwegs ist, wird auch mal von einem Autofahrer übersehen. „Jetzt sind wir wirklich gut erkennbar“, so Meder, der als einer der ersten Stolberger „die wichtigsten zwei Quadratmeter deines Lebens“ ausprobierte.

Die erhalten nach den ersten „Test-Models“ der Hauptwache alle weiteren 270 aktiven Mitglieder der Stolberger Wehr. Anders als die Stadt Aachen, die ihre gesamte Wehr für 920.000 Euro auf einen Schlag mit der neuen Schutzausrüstung bestückt, wird sie für Stolberg etappenweise bis ins Jahr 2020 beschafft. Insgesamt 405.000 Euro stellte der Stadtrat dafür bereit. Zuerst wird die Einsatzausrüstung der Hauptwache sowie der Rathauswache mit den wichtigen Atemschutzträgern komplettiert, dann folgen die übrigen Züge.

„Von außen nach innen“

„Vom Außenbereich in die Innenstadt hin“, begründet Andreas Doveren. Denn die Löschgruppen in den äußeren Stadtteilen sind bei einem dortigen Brand zumeist eher an der Einsatzstelle als die Hauptwache. Und mit Blick auf die Finanzen der Stadt bietet die etappenweise Beschaffung gleich zwei Vorteile. Die Kosten für die Erstbeschaffung verteilen sich ebenso auf mehrere Jahre wie die des Ersatzes, wenn der Fortschritt wieder einmal Antworten durch neue Technologie erfordert.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert