Stolberger CAE ist wieder im Steigflug

Von: Jürgen Lange
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Im Visier von Benjamin Zilkens (r.) beim Flug im Tornado-Simulator: Instrukteur Michael Sauer (3.v.r.) erklärt Tim Grüttemeier (2.v.r.) die Bedienung. Im Hintergrund diskutieren Nathalie Malekzadeh, Joachim Kramp, Marc-Olivier Sabourin und Daniel von Bernuth (v.l.). Foto: J. Lange
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Der Flugplatz Nordholz: Die Detailgetreue der Simulation bis zu einem halben Meter beeindruckt auch Wirtschaftsförderin Nathalie Malekzadeh. Spätestens alle 28 Tage gibt‘s ein Update.
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Mit knapp sechs Millionen Euro im Laufe von fünf Jahren wird der Stolberger Standort als Sitz des Europa- und Afrika-Geschäftes modernisiert.

Stolberg. Den heimlichen Angriff aufs Stolberger Rathaus bestreitet der Bürgermeister zwar, als er aus dem Cockpit klettert, aber nach einem ausgiebigen Tiefflug über dem Stolberger Stadtgebiet zieht er den Kampfjet steil nach oben gen Himmel.

Zwar sitzt Tim Grüttemeier lediglich in einem Simulator des Tornados auf dem Firmengelände in der Steinfurt, aber die deutsche CAE befindet sich nach ihrem Tiefflug vor sechs Jahren wieder im Höhenflug. Vom Standort Stolberg aus leitet Geschäftsführer Marc-Olivier Sabourin als Vizepräsident die militärischen Aktivitäten des kanadischen Konzerns – CAE blickt diesem Jahr auf sein 70-jähriges Bestehen – in Europa und Afrika auf Wachstumskurs.

Ein Blick zurück: Kurz nachdem die CAE Elektronik GmbH 2011 in der Steinfurt das 50. Jubiläum gefeiert hatte, musste der früherer Geschäftsführer Ulrich Aderhold den Sparkurs einleiten und seinen Hut nehmen. Ein Drittel der Belegschaft von 540 Beschäftigten, 440 davon in der Kupferstadt, stand vor dem Abbau. Zwölf Millionen Euro ließ sich der Konzern das kosten. Aufgrund rückläufiger Verteidigungsausgaben der europäischen Staaten bleiben die Aufträge aus. Zivile Auftraggeber sind kaum in Sicht und können das wegbrechende Geschäft nicht annährend kompensieren.

Unter der Leitung von Ian Bell – seit kurzem Vizepräsident für den australischen und Pacifik-Raum – vom englischen Burgess Hill aus wird sich die deutsche CAE neu strukturiert und intensiviert über die Produktion von Simulatoren ihre Serviceangebote. Sprich: Sie entwickelt nicht nur die Trainingseinrichtungen für Piloten, sondern betreibt sie auch als Dienstleister für das Militär. Drei Jahre später geht‘s wieder aufwärts. 2014 ist der 45 Jahre alte und aus Quebec stammende Wirtschaftsingenieur Marc-Olivier Sabourin als weiterer Geschäftsführer in Stolberg bestellt, die deutsche Tochtergesellschaft beschäftigt 368 Mitarbeiter, rund 250 in Stolberg, und stellt weiteres Personal ein.

Und heute „suchen wir händeringend qualifizierte Mitarbeiter“, sagt Personalchef Thies Sander. „Wir haben bereits in den vergangenen zwölf Monaten, bereinigt um Ein- und Austritte, das Personal in Stolberg um annähernd zehn Prozent aufgestockt“. Dabei decken die Absolventen der regionalen Hochschulen bei weitem noch nicht den Bedarf an Spezialisten ab, den CAE mittlerweile europaweit und auch unter Absolventen der Truppe sucht. Zehn Ingenieure aus Spanien wurden jüngst eingestellt.

Weitere 30 Stellen für hoch qualifizierte Mitarbeiter sind noch zu besetzen. Dies entspricht einem weiterem Belegschaftszuwachs in der Steinfurt von zehn Prozent. Rund 300 Mitarbeiter beschäftigt die CAE in Stolberg; mehr als 405 sind es deutschlandweit. Und im Geschäftsbereich der Konzerntochter werden an mehr als 25 Standorten etwa 600 Arbeitnehmer gezählt. Auch außerhalb Stolbergs wird das Mitarbeiterwachstum bei Tochter- und Schwerstfirmen mit zehn Prozent angegeben. Dabei ist die CAE Elektronik GmbH in sieben Ländern mit eigenen Standorten vertreten. Eine zusätzliche dritte Dependance neben Stolberg und Burgess Hill soll in Kürze in Italien – voraussichtlich im Umfeld von Mailand – basiert werden.

„So makaber sich das anhört“, sagt Thies Sander, „verlässliche Partner“ für das Wachstum seien auf der einen Seite Wladimir Putin und auf der anderen Donald Trump. Seit der Eroberung der Krim durch die Russen und der Forderung der Amerikaner nach einer Aufstockung der Verteidigungsausgaben boomt das Rüstungsgeschäft. Derzeit werden relevante Aufträge mit einem Volumen von 500 Millionen kanadische Dollar (rund 333 Millionen Euro) vergeben. „Für einen Teil dieser Aufträge bewerben auch wir uns“, so Sander weiter.

Awacs und Sea King

Eine Reihe Zuschläge haben die Stolberger in den vergangenen vier Jahren auch erhalten. „In diesem Zeitraum haben wir eine Umsatzsteigerung von rund 60 Prozent erreichen können“, erklärt Sabourin. Ein Auftrag darunter – mit einem Volumen von zehn Million Euro – verbirgt sich hinter dem Kürzel „MK 41“. Die Bundeswehr modernisiert ihre Helikopter-Flotte des Typs Sea King. Davon profitiert CAE, indem das Stolberger Unternehmen den Simulatoren für das Training der Piloten auf dem Marinefliegerhorst Nordholz ein modernes Upgrade verpasst. Dazu gehört etwa eine neue Vibrationssimulation, eine neue Station für die Instruktoren sowie Entwicklung, Installation und Pflege der sogenannten „Common Database“.

Dahinter verbirgt sich unter anderem eine detailgetreue Simulation der Landschaften der Einsatzgebiete, die in allen Simulationseinrichtungen der Luftwaffe Einzug hält, die Tobias Caesar Bprgermeister Tim Grüttemeier und Wirtschaftsförderin Natahlie Malekzadeh bei ihrem Firmenbesuch detailliert erläutert. So werden zum Beispiel im Bereich von Flughäfen alle Details bis zu einem halben Meter genau abgebildet. Und spätestens alle 28 Tage muss ein Update erfolgen.

„Aktuell laufen Projekte zur Vernetzung der Simulationsmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Waffensystemen“, erklärt Daniel von Bernuth. Damit soll realistischer der gemeinsame Einsatz von Aufklärungs- und Kampfeinheiten computergestützt trainiert werden, so der CAE-Manager für Trainingseinrichtungen. Weitere Vernetzungen der Simulationseinrichtungen sollen folgen, so dass übergreifende Einsätze der Waffengattungen – Luftwaffe, Heer und Marine – simuliert werden können. Und das gilt nicht nur für deutsche Truppenübungsplätze, sondern für alle Einsatzgebiet der Bundeswehr weltweit.

„Bevor die Truppe in Mali, Kroatien oder Afghanistan aktiv wurde, hat sie das Einsatzumfeld im Simulator trainiert“, erklärt Joachim Kramp, der für strategische und geschäftliche Entwicklung zuständige Manager. So sitzen die Stolberger auch in Geilenkirchen mit im Cockpit der Awacs-Flotte. Erst Ende März hat CAE einen weiteren Fünf-Jahres-Vertrag unterzeichnet, um Flugzeugcrews und Operationsoffiziere der Nato in Simulatoren zu schulen. Mit 18 Instrukteuren ist CAE im Nato-Auftrag in Geilenkirchen bei der Ausbildung engagiert. Ein Beispiel dafür, dass die Stolberger eines der Ziele realisieren, die sich im Rahmen der Neustrukturierung gegeben haben: verstärkt mit Dienstleistungen den Markt zu erobern.

Tornado im Kupferkäfig

In Stolberg selbst steht der neue Simulator zur Ausbildung der aktuellen Tornado-Version – in einem Hochsicherheitstrakt. „Wir haben eigens einen Käfig aus Kupfer dafür einbauen müssen“, verrät Joachim Kramp. Diesen Simulator darf nicht einmal der Bürgermeister sehen. Tim Grüttemeier darf für seine Flugmanöver Platz nehmen in einem deklassierten Modell, das die Bundeswehr mittlerweile in Drittländer vermarktet. Beeindruckend ist der „Flug“ über Stolberg und seine Umgebung offensichtlich nicht minder.

Gleichzeitig sind die Kanadier dabei, den überholten Charme der 60er und 70er Jahre am Stolberger Unternehmenssitz zu entstauben. Über fünf Jahre hinweg werden rund sechs Millionen Euro in eine Modernisierung der Gebäude investiert. Die Fertigstellung des ersten Ausbauabschnitts ist denn auch der eigentliche Anlass für den Besuch der städtischen Delegation.

„Wir sind ein modernes und aufstrebendes Unternehmen“, sagt Marc-Olivier Sabourin. „Und entsprechend zeitgemäß wollen wir uns auch unseren Besuchern und für unsere Mitarbeiter präsentieren“. Entsprechend der Arbeitsweise, die immer wieder die Bildung kleiner Teams oder eine projektorientierte Arbeit erfordert, sind die offenen Büroeinheiten flexibel aufgebaut, ermöglichen das Zusammenrücken von Tischen und Mitarbeitern in großen Bürobereichen ebenso wie viele kleine, in sich abgeschlossene Büros stille Rückzugsräume bieten. In den Komplex, der früher die Fertigung von Bauteilen beherbergte, sind mehrere Kommunikationsinseln entstanden: hoch technisierte Besprechungsräume mit geräuschschluckenden hochflorigen Teppichböden und einer Kommunikationstechnik, die internationalen Ansprüchen gerecht wird.

Dabei übt CAE den Spagat zwischen dem Google-Anspruch, immer und überall dort, wann und wo es gewünscht wird, zu arbeiten und andererseits den Wunsch der meisten Beschäftigten nach ihrem eigenen, festen Arbeitsplatz zu erfüllen. „Wir tasten uns vorsichtig heran“, sagt Thies Sander. Nicht nur strategisch, sondern auch organisatorisch und optisch will die Stolberger CAE optimistisch in die Zukunft blicken können.

18 Ausbildungsplätze

Dazu zählt auch ein verstärktes Engagement bei der Ausbildung. 18 Ausbildungsplätze am Standort sind besetzt. Mindestens sieben Ausbildungsstellen im kaufmännischen, technischen und mathematischen Bereichen sollen im kommenden Jahr wieder angeboten werden. Dazu beteiligt sich CAE auch aktiv an den städtischen Angeboten zum Rekruting, wie etwa der Nacht der Ausbildung oder der Ausbildungsbörse. Und trotz der sicherheitsrelevanten Arbeitsplätze möchte sich der Konzern zukünftig verstärkt öffentlich präsentieren. „Wir gewinnen oft den Eindruck, dass die CAE als Arbeitgeber in Stolberg und Umgebung zu wenig wahrgenommen wird“, gesteht Sander. Das soll sich auch vor dem Ziel der Gewinnung qualifizierten Personals ändern.

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