Stolberg will „kein Pilgerort werden”

Von: Elke Silberer, dpa
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Neonazis
Rechtsextreme wollen künftig regelmäßig in Stolberg „aufmarschieren”. Foto: dpa

Stolberg. Es ist der Kampf von Ferdi Gatzweiler (53) und der Stolberg. „Ich möchte nicht, dass in meiner Bürgermeisterzeit der Grundstein gelegt wird, dass Stolberg zu einem Pilgerort für Rechte wird”, sagt der SPD-Politiker.

Bei einem Streit unter Jugendlichen war der 19-jährige Deutsche Kevin im vergangenen Frühjahr von einem Ausländer erstochen worden. Es ging um ein Mädchen. Aber Rechte, mit denen Kevin überhaupt nichts zu tun hatte, machten ihn zum Märtyrer. Sie rufen nun zu einem jährlichen Gedenken an Kevins Todestag auf - ein Alptraum für die Stadt.

Ein NPD-Funktionär aus dem Kreis Düren hat bei der Aachener Polizei für den ersten Todestag am 4. April und für die neun folgenden Todestage Trauermärsche in Stolberg angemeldet. „Wir werden klären müssen, ob das die rechtlich verbindliche Absicht ist”, sagt Polizeisprecher Paul Kemen.

Dessen ungeachtet formiert sich schon die linke Szene über das Internet. Die Stolberger wissen, was auf sie zukommt. Recep Kindam sieht dem nächsten Aufmarsch mit Verachtung entgegen. „Sollen die doch drei oder vier Stunden lang schreien”, sagt der Sprecher der türkischstämmigen mittelständischen Betriebe relativ gelassen.

Was für ihn zählt, sind Gesten wie diese: „Einmal ist der Bürgermeister persönlich von Geschäft zu Geschäft gegangen und hat gesagt ,Jungs, macht die Läden nicht zu. Das kriegen wir gemeinsam in den Griff. Das hat uns so aufgebaut”, erzählt der Mann, dessen Familie einen türkischen Supermarkt betreibt.

Ein Verkaufsleiter in einem Kaufhaus ließ ein Plakat über dem Eingang aufhängen: „Wir distanzieren uns von jeglicher rechtsradikaler Propaganda vor unserem Hause und in Stolberg.” Seit dem Tod von Kevin hatte die NPD immer wieder einen Infostand vor dem Kaufhaus aufgebaut, um die Kundschaft abzufangen.

Ein Nazi-Problem hat Stolberg schon länger. Die Stadt war Bundesstützpunkt der rechtsextremen und 1994 verbotenen Wiking- Jugend. 2005 hielt die NPD ihren Bundesparteitag in Stolberg ab. Im Rat sitzen drei Mitglieder von NPD und DVU. Das hat der 58.000- Einwohner-Stadt schon mehrfach die Bezeichnung „Hochburg der Rechtsextremisten” eingebracht. Für Bürgermeister Gatzweiler ist das Quatsch. Nur 1200 Stimmen haben den Rechten die Rathaustür geöffnet.

Viele Kreuzchen wurden in einem sozial schwachen Stadtteil gemacht, in dem fast jeder dritte Einwohner ausländische Wurzeln hat. Frust habe bei der Wahlentscheidung wahrscheinlich eine große Rolle gespielt und nicht politische Überzeugung, vermutet Gatzweiler. „Ein Verbot der NPD wäre nicht zielführend, weil es das Problem nicht löst”, sagt er. Das Übel müsse man an der Wurzel packen. Eine Million Euro stellen Bund und Land für die nächsten drei Jahre für gezielte Stadtteilarbeit in dem problematischen Viertel bereit.

In einem Jugendparlament diskutieren Schüler über Themen wie Neonazis, Radikalismus und Fremdenhass. Und es gibt ein Bündnis gegen Radikalismus, parteiübergreifend und auf breiter gesellschaftlicher Basis. Es setzt dem geplanten Aufmarsch der Rechten am 4. April ein politisches Volksfest entgegen. „Keinen Fußbreit für die Nazis”, gibt der Bürgermeister das Leitwort aus. Ihm ist klar, dass diese Rechnung nicht unbedingt aufgehen wird. Die Aachener waren unlängst zweimal gegen die Rechten vor Gericht gescheitert.
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