Stolberg möchte nun einen City-XL-Tarif

Von: Jürgen Lange
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Nur in Aachen verkehren mehr Buslinien mitten in der Innenstadt: 13 Bus- und Bahnlinien führen mitten in der Stolberger Zentrum. Mit einem neuen verbilligten Tarif möchte der Verkehrsausschuss durch das Flugs-Ticket verlorene Kunden zurück in die Innenstadt holen. Foto: J. Lange

Stolberg. „Es war eine gute Sitzung“, sagt Hans-Peter Geulen nach der Sitzung des Verkehrsausschusses: „Sehr konstruktiv!“ Den Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes (AVV) freut es natürlich, wenn ein Kommunalparlament sich Gedanken macht, wie verlorene Fahrgäste für den Öffentlichen Personennahverkehr zurückgewonnen werden können.

Noch mehr muss es einem Manager imponieren, wenn die Politik signalisiert, über das Investieren von Geld nachdenken zu wollen, damit das Busfahren in Stolberg wieder attraktiver wird.

Stadt muss Mehrkosten tragen

Immerhin ist die im Ausschuss einstimmig favorisierte mit weiteren jährlichen Kosten von 70.000 bis 95.000 Euro verbunden – zusätzlich zu den 2,2 Millionen Euro, die Stolberg aktuell für den ÖPNV über die Städteregionsumlage aufbringt. Aber für die große Koalition betonten Rolf Engels (SPD) und Siegfried Pietz (CDU): „Die Innenstadt darbt an dem neuen System“. Mit der Einführung des Flugs-Tickets im Juni 2012 verzeichnet der AVV für Stolberg ein Minus von 54.478 Fahrten; das entspricht 6,8 Prozent. „Wir müssen diese Kunden wieder gewinnen“, unterstreichen die Sprecher der Koalition. „Sie sind wichtig für die Innenstadt.“ Sogleich wagt Engels den Blick in die Zukunft: „Wir investieren in den nächsten Jahren kräftig in die Aufwertung unserer Innenstadt.“ Das allein schon lasse den Wunsch nach weiteren Fahrten in die Innenstadt wach werden. Nur alleine der Flugs-Tarif stehe dem im Weg.

Verluste durch Flugs-Ticket

Mit der 1,50 Euro kostenden Fahrkarte kommt der Buskunde vier Haltestellen weiter. Und damit kommen die meisten Stolberger aus den Innenstadt nahen Ortsteilen eben nicht bis in den Stadtkern. Sie müssen Fahrkarten der Preisstufe 1 für 2,65 Euro kaufen.

In der Tat zeigt die von der Aachener Ingenieurgruppe IVV im Auftrag des AVV vorgelegte Analyse für Stolberg eine sehr kundenorientierte Lösung bei der früheren Kurzstreckenregelung. In der damaligen Zone Stolberg Mitte mit den Eckpunkten Nachtigällchen im Süden, Gut Schwarzenbruch im Norden, Donnerberg im Osten und Büsbach im Westen kam der Fahrgast bis Juni 2012 für den Kurzstreckentarif von 1,60 Euro in den Stadtkern oder zurück in seinen Stadtteil. 232 251 Fahrten registrierte der AVV im Jahr 2011 für diese Zone; durchschnittlich 2,4 Kilometer legte ein Fahrgast dabei mit dem Bus zurück. In dieser Zone wurde die Masse aller kurzen Busfahrten abgewickelt. 10.852 Fahrten erfolgten innerhalb der Zone (30) Breinig, Venwegen und Dorff. 7119 waren es im Bereich (31) Mausbach, Gressenich, Werth und Schevenhütte sowie 1172 in der Zone (32) Vicht und Zweifall. Unter dem Strich machte das 251.393 Kurzstrecken-Fahrten.

Zu einer grundlegenden Veränderung führte die „wandernde Kurzstrecke“ über vier Haltestellen. 64 951 Flugs-Tickets brachte der AVV im Jahr 2013 an den Stolberger. 36 791 Fahrten entfielen davon auf das Stadtzentrum. Mit 28 160 Fahrten in den drei anderen ehemaligen Zonen stieg dort die Akzeptanz um 9017 Fahrten.

Modellhaft hat die IVV die Effekte des Flugs-Tickets für Stolberg berechnet. 209.232 Fahrscheine für Kurzstrecke, 63.668 der Preisstufe 1 und 118.974 der Preisstufe 2 stehen beim Flugs-Ticket 63.260 plus 136.866 P1- und 131.475 P2-Fahrscheine gegenüber – eine klare Verschiebung zu den teureren Preisstufen. Hinzu kommt aber der generelle Trend zu Zeitkarten und Mobilitäts-Tickets, so dass mit 1,281 zu 1,285 Millionen Euro die Einnahmen mehr als konstant blieben. Die Bilanz: Stolberg hat von der alten Kurzstrecken-Regelung besonders profitiert, oder anders gesagt mit dem Flugs-Ticket verloren.

Dirk Meinhard von der IVV und Hans-Peter Geulen werben aber auch für die Linie des AVV. Das Flugs-Ticket hat die Reiseweite bei kurzen Fahrten normiert und die Tarifgerechtigkeit und -transparenz gesteigert – und zumindest in fast allen anderen Kommunen die Tarifsituation verbessert. Lediglich Herzogenrath ist mit Stolberg auf der Seite der Beschwerdeführer.

Besondere Topographie

Die Botschaft hören die Stolberger Politiker wohl, aber sie werfen ein traditionelles, wenn auch gewichtiges Argument in die Waagschale: die Topographie, die wichtigen Beziehungen der Stadtteile auf den Höhen zur Innenstadt im Tal. „In Stolberg ist die Lage nun einmal anders als in der übrigen Städteregion“, sagt Rolf Engels. Und wenn auch nur fünf Prozent aller AVV-Kunden Barzahler sind, so würden die Einschnitte für die Busnutzer in Stolberg besonders schwer wiegen. Eine Alternative zum Flugs-Ticket soll her. „Ihre Argumente sind aus persönlicher Sicht sehr verständlich“, sagt Geulen, die „wandernde Kurzstrecke“ aber politisch gewollt und der „richtige Ansatz“. Gleichwohl haben sich der Geschäftsführer und die IVV Gedanken gemacht, wie Lösungen für Stolberg aussehen könnten:

E In der Einführung einer City-XL-Zone im Bereich der früheren Kurzstreckenzone 29 nach Aachener Vorbild zum Preis von 1,60 Euro für die Einzelfahrt sieht die IVV einen gangbaren Weg, um die Situation in der Kupferstadt abzumildern. Mit einem erwarteten Mindererlös von 70.000 bis 95.000 Euro, die die Stadt ausgleichen müsste, ist das nur in der Kernstadt umsetzbare Modell eine teuere Maßnahme.

Einstimmiger Beschluss

E Die Einführung einer abgesenkten Stadtpreisstufe im gesamten Stadtgebiet würde je nach Fahrpreis die Kosten für die Kupferstadt minimieren. Kostet die Stadtfahrt 2,20 Euro, wird mit einem geringeren Erlös zwischen 30.000 und 40.000 Euro gerechnet, bei 2 Euro liegt er zwischen 50.000 und 70.000 Euro und bei 1,80 Euro zwischen 70.000 und 90.000 Euro.

E Die dritte Variante wäre mittelfristig eine Differenzierung aller lokalen Preise analog der Zeitkarten. Dies erfordere aber noch erheblichen Untersuchungs- und Abstimmungsbedarf unter allen Kommunen in der Städteregion.

Für die Mitglieder des Stolberger Verkehrsausschusses ist die Lösung klar: „Wir möchten, dass sie gemeinsam mit dem AVV die Möglichkeiten zur Einführung einer City-XL-Zone und deren finanzielle Auswirkungen prüfen“, formulierte Siegfried Pietz den einstimmig beschlossenen Auftrag an die Verwaltung.

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