Stolberg hat Vorreiterrolle bei klimagerechter Mobilität

Von: Jürgen Lange
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Parkhaus
Das neue Angebot von 284 kostenfreien Parkplätzen im neuen P+R-Parkhaus (Bild) direkt an den Gleisen muss sich wohl noch herumsprechen: Am ersten Morgen nach der Eröffnung waren lediglich 26 Autos dort zu zählen, während der bisherige provisorische Ersatzparkplatz noch intensiv genutzt wurde. Foto: J. Lange
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Das neue Angebot von 284 kostenfreien Parkplätzen im neuen P+R-Parkhaus direkt an den Gleisen muss sich wohl noch herumsprechen: Am ersten Morgen nach der Eröffnung waren lediglich 26 Autos dort zu zählen, während der bisherige provisorische Ersatzparkplatz (Bild) noch intensiv genutzt wurde. Foto: J. Lange
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HeikoSedlaczek (l.) überreichte den Förderbescheid an Tim Grüttemeier und Tobias Röhm (r.).
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Bedauert wurde, dass die DB ihren ursprünglichen Zeitplan nicht einhält und das Provisorium noch bis Herbst 2018 andauert.

Stolberg. Der Mensch scheint wirklich ein Gewohnheitstier zu sein. Zumindest der Autofahrer. Am ersten Morgen nach der Eröffnung des neuen Parkhauses am Hauptbahnhof kann man auf den sieben Etagen 26 Autos und zwei Motorroller zählen. Der Ersatzparkplatz an der Probsteistraße ist dagegen ausgenutzt wie man es seit den vergangenen elf Monaten gewohnt ist.

Aber Anfang Okotober letzten Jahres dauerte es auch ein paar Tage, bis die Autofahrer diesen Stellplatz verinnerlicht hatten. So wird sich sicherlich dieses neue Parkhaus in den nächsten Tagen zunehmend füllen.

Zumal es auch den Vorteil eines wesentlich kürzeren Fußweges zum „filigranen Laufsteg“ bietet, mit dem die Deutsche Bahn provisorisch ihre Kunden zum Mittelbahnsteig leitet. Kaum ein Teilnehmer bei der Einweihung des neuen kostenfreien P+R-Angebotes ließ es sich nehmen, mit einem kleinen Seitenhieb die Verzögerung der Arbeiten seitens der DB zu würdigen.

Denn ursprünglich war geplant, dass der „Skywalk“ inklusive seiner beiden Aufzüge als Überführung der Gleise zwischen dem Mittelbahnsteig und dem neuen Parkhaus zeitgleich fertiggestellt wird. Nach den jüngsten Planungen ist mit einer Vollendung durch die DB erst im Oktober nächsten Jahres zu rechnen.

Von dieser Verzögerung ließ sich aber die Kupferstadt nicht abhalten, ihr Projekt der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Dazu erhielt sie unüberhörbares Lob vom Zweckverband Nahverkehr Rheinland (NVR): „Was Stolberg hier gewagt hat, ist mutig und einzigartig“, würdigt Heiko Sedlaczek. Denn Stolberg hat das ganze Projekt vorfinanziert – in der Ungewissheit, wann und in welchem Umfang der NVR diese Investition in die Verbesserung des Öffentlichen Personennahverkehrs und des Klimaschutzes bezuschussen kann.

Als der Bau des Parkhauses auf die Schiene gesetzt wurde, kalkulierte die Stadt damit, frühestens 2020 Geld erstattet zu bekommen. „Notfalls hätten wir das auch alleine gestemmt“, sagt Tim Grüttemeier. Die Verbesserung der unzureichenden Situation am Hauptbahnhof ist für den Bürgermeister ein unverzichtbarer Schritt zur Optimierung der Mobilität und Wirtschaftsförderung.

Dass Heiko Sedlaczek zur Einweihung den Förderbescheid mitbringen würde, „wusste ich bis gestern selbst noch nicht“, sagt der NVR-Geschäftsführer und erklärt die Hintergründe. Die Bundesregierung hat die Fördermittel für das Land deutlich erhöht. Der NVR profitiert davon wiederum überdurchschnittlich. Nachdem er jahrelang etwas steifmütterlich bedacht worden war, ist der Nachholbedarf hoch. Zudem „haben wir die höchsten Fahrgastzahlen“, betont Sedlaczek: „nicht das Ruhrgebiet“.

So kann er Tim Grüttemeier und Tobias Röhm den Förderbescheid über 3,443 Millionen Euro früher als erwartet überreichen. Er deckt 90 Prozent der Kosten für den Bau des Parkhauses, der Fahrradabstellmöglichkeiten sowie der Zufahrt: Der derzeit im Bau befindliche zweite Abschnitt der Rhenaniastraße zwischen Probsteistraße und Bahnhofsgebäude.

Der NVR setzt unter Sedlaczeks Führung auf den Ausbau der Gesamtmobilität. Die Verkehrsverbände werden zu Mobilitätsverbänden weiter entwickelt, um mit „Wegeketten“ und einem deutlich verbesserten Service immer mehr Menschen zum Umsteigen auf den Öffentlichen Personennahverkehr zu bewegen.

Digitaler Tarif im Aufbau

Konkrete Projekte dazu hat Heiko Sedlaczek zur Hand. Ab Mitte 2020 wird in Stolberg auf der Route des RE 1 der Rhein-Ruhr-Express (RRX) halten – mit barrierefreiem Einstieg und einem erhöhten Komfortangebot. Verbessern möchte der NVR die Verknüpfung von Bus und Bahn insbesondere auch am Abend und Wochenenden. Ausgebaut werden soll das virtuelle Angebot in Form einer Verkehrsplattform mit digitalen Tarif und Abrechnung. Zudem sollen Tarifgrenzen abgebaut werden – auch in Richtung Niederlande und Belgien.

Ausgebaut wird das Angebot der Euregiobahn in Richtung Breinig zuerst in Form einer preiswerteren Befahrbarmachung der Strecke. Wenn die bereits eingeplanten Mittel fließen, ist noch nicht gewiss. Aber angedacht ist zunächst ein Pendelverkehr zwischen Breinig und Hauptbahnhof.

„Wie es dann weitergehen soll, müssen wir mit allen Partnern noch diskutieren“, sagt Sedlaczek und peilt an, das zeitaufwendige Koppeln und Flügeln der Euregiobahn im Stolberger Hauptbahnhof durch veränderte Linienführungen vermeiden zu wollen. Zudem arbeitet der NVR bereits an Eckpunkten für die Ausschreibung der Zugleistungen ab 2021. Ein Ziel dabei ist eine Elektrifizierung der Strecken.

„Stolberg ist heute als einer der wichtigsten Umsteigebahnhöfe in der Region“, betont Tim Grüttemeier und erinnert an die Anfänge der Eisenbahn, als Bahnhöfe die „Kathedralen des Fortschritts“ galten. „Obwohl unser Bahnhof für die Bezeichnung ,Kathedrale‘ etwas zu klein ist, so steht der doch sinnbildlich für die Entwicklung des Bahnverkehrs“, sagt der Bürgermeister.

Die Züge, die hier verkehren, waren und sind Impulsgeber für den wirtschaftlichen Aufschwung Stolbergs. Den Startschuss für die Entwicklung, die konsequent weitergeführt werde, legte die EVS mit dem Aufbau der Euregiobahn und der Sanierung des Gebäudes. Land und Stadt investieren weiter“, sagt Grüttemeier mit Blick auf die beiden anwesenden Landtagsabgeordneten Stefan Kämmerling (SPD) und Werner Pfeil (FDP). Das Gewerbegebiet Camp Astrid profitiere von der Prosperität des Hauptbahnhofs, und der perspektivische Anschluss Stolbergs an die A 44 und die Bemühungen um den Bau des Euregio-Rail-Ports „werden zusätzlich dazu beitragen, die Weichen in Richtung einer dynamischen Zukunft zu stellen“.

Grüttemeier blickt in die Zukunft: „Wir wollen Mobilität im 21. Jahrhundert neu denken, neue Konzepte für einen modernen Personen- und Gütertransport entwickeln und die Vorteile des schienengebundenen Nah-, Regional- und Fernverkehrs mit denen des Individualverkehrs zusammenführen.“ Die Kathedrale des Fortschritts werde so zu einem Laboratorium der Moderne, bei der das Parkhaus eine Art Herzkammer darstelle.

Dynamik und Energie

Tobias Röhm ging als Technischer Beigeordneter noch einmal auf Details ein und dankt allen Beteiligten für den reibungslosen Ablauf. 166 Stellplätze hatte der alte Parkplatz. 284 Plätze sind neu im Parkhaus entstanden. Mit den verbleibenden 73 Plätzen auf dem Platz stehen direkt am Gleis 377 Parkplätze bereit. Mit dem Bau weiterer 80 P+R-Plätze am Haltepunkte Schneidmühle soll noch in diesem Jahr begonnen werden.

Zudem werden am Hauptbahnhof – sobald die Arbeiten am Umfeld des Parkhauses angeschlossen sind – drei Ladestationen für die Elektromobilität, 16 Fahrradboxen und erst einmal weitere 30 Fahrradunterstände entstehen.

„Gut Ding will Weile haben“, sagt Architekt Reinhard Gerlach. Fünf Jahre dauerte die (Vor-)Planungsphase. Ziel war die Schaffung eines zeitgemäßen Parkhauses, funktional, werthaltig, solide, und städtebaulich qualitativ. „Das Gebäude hat ein Kleid in Grün“, erklärte Gerlach. Es ist die Farbe patinierten Kupfers, die in ihrer horizontalen Schichtung die Dynamik und Energie der passierenden Züge symbolisiert.

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