Stolberg benötigt mehr Pflegefamilien für Kinder

Von: Sonja Essers
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Pflegefamilien werden in Stolberg dringend gebraucht. Derzeit sind 145 Kinder in 95 Pflegestellen untergebracht. Der Bedarf steigt allerdings weiterhin an. Foto: Jens Kalaene/dpa

Stolberg. Jonas (Name von der Redaktion geändert) ist ein aufgewecktes Kerlchen. Fröhlich hüpft er durchs Zimmer, nimmt sich ein Spielzeugauto aus dem Regal und präsentiert es stolz seiner „Mama“. Nach wenigen Minuten ist das Bobbycar an der Reihe. Vergnügt fährt der Kleine damit den Flur auf und ab und präsentiert seinem „Papa“ seine Fahrkünste.

Die Menschen, die Jonas liebevoll „Mama“ und „Papa“ nennt, sind jedoch nicht seine leiblichen Eltern. Seit zwei Jahren lebt er in einer Pflegefamilie. So, wie 144 weitere Kinder in Stolberg – Tendenz steigend.

95 Pflegefamilien kümmern sich derzeit um Kinder und Jugendliche, die nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien bleiben können. „Der Bedarf ist kontinuierlich und leider auch sehr stark angestiegen. Mittlerweile müssen wir auch für kleine Kinder Unterbringungen suchen, die leider oft auf Dauer sind“, sagt Sebastian Heyn, Leiter der Sozialpädagogischen Sonderdienste der Stadt Stolberg.

Erziehungsfähigkeit nicht gegeben

Wer ein Pflegekind bei sich aufnimmt, wird von der Stadt unterstützt. Seit dem 1. Januar dieses Jahres gelten beispielsweise für die Vollzeitpflege folgende Tarife, die durch das Land Nordrhein-Westfalen festgelegt wurden: Wer ein Kind bis zum vollendeten siebten Lebensjahr aufnimmt, erhält 770 Euro im Monat. 522 Euro für materielle Aufwendungen und 248 Euro für die Erziehung. Letzteres ändert sich nicht.

Wer ein Kind zwischen dem siebten und 14. Lebensjahr aufnimmt, erhält materielle Aufwendungen in Höhe von 596 Euro und kommt monatlich auf einen Gesamtbetrag von 844 Euro. Bei Jugendlichen zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr betragen die materiellen Aufwendungen 726 Euro, so dass im Monat ein Gesamtbetrag von 974 Euro zustande kommt.

Bevor ein Kind in eine Pflegefamilie kommt, ist eine Menge passiert. „Unsere Aufgabe ist es, Familien zu stärken, damit sie ohne Hilfe leben können“, sagt Heyn. Er und seine Kollegen vom Pflegekinderdienst haben allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Erziehungsfähigkeit in den Herkunftsfamilien oft nicht gegeben ist. Die Gründe sind unterschiedlich. Weit verbreitet seien psychische und Suchterkrankungen. Das merke man auch am Verhalten der Kinder.

„Pflegefamilien, die schon seit 20 Jahren dabei sind, haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder auffälliger und traumatisierter sind. War es früher nur die Verwahrlosung, ist diese heute das i-Tüpfelchen“, sagt Heyn. Können die leiblichen Eltern das Wohl ihres Kindes nicht gewährleisten, suchen die Mitarbeiter des Kinderpflegedienstes nach einer Alternative. „Erst in letzter Konsequenz suchen wir nach einer alternativen Lebensform. Dafür schauen wir bei jedem Kind, welche Form der Unterbringung geeignet ist“, sagt Heyn.

In Stolberg gibt es verschiedene Pflegeformen, darunter die Pflege durch Verwandte oder die Aufnahme in stationären Einrichtungen, die man jedoch vermeiden will. „Für Kinder ist es besser, wenn sie in einem familienanalogen System groß werden und behütet aufwachsen“, sagt Heyn. In einem familiären Kontext hätten sie viel bessere Entwicklungschancen.

Auch die Unterbringung in einer Pflegefamilie kann auf verschiedene Weisen funktionieren. Zum einen gibt es die Bereitschaftspflege. Dabei werden Kinder aus Notsituationen aufgenommen. „Das ist eine große Herausforderung und auch eine große Leistung, weil für diese Kinder alles stehen und liegen gelassen wird“, sagt Heyn. Zudem gibt es die Vollzeitpflege, bei der nicht klar ist, wie lange die Kinder in einer Pflegefamilie bleiben.

„Oft ist es ein längerer Zeitraum, aber die Perspektive ist zu diesen Zeitpunkt noch offen“, sagt Anja Bühl vom Pflegekinderdienst. Eine weitere Form ist die Vollzeitpflege, die auf Dauer angelegt ist. Bei dieser kann das Kind langfristig in einer Pflegefamilie bleiben. Das bedeutet aber nicht, dass das Kind dort für einen unbegrenzten Zeitraum lebt. „Ein Pflegekind ist immer ein Kind auf Zeit. Per Gesetz besteht immer die Möglichkeit, dass es wieder zu seinen leiblichen Eltern zurückkommen kann“, sagt Bühl.

Wenn ein Kind in einer Pflegefamilie lebt, heißt das nicht, dass die leiblichen Eltern das Sorgerecht verlieren. „Solange sie im Interesse ihrer Kinder entscheiden, ist das nicht notwendig“, sagt Heyn. Kann die Herkunftsfamilie das Wohl des Kindes wieder gewährleisten, helfe das Jugendamt dabei das Kind wieder in diese zurückzuführen.

Für die Mitarbeiter des Pflegekinderdienstes sei es aufgrund dieser Option immer schwerer geworden, geeignete Pflegestellen zu finden. Schließlich haben die leiblichen Eltern meist auch das Recht, ihre Kinder zu besuchen. „Man muss mit der Herkunftsfamilie umgehen können. Wenn Kinder den Kontakt zu ihren leiblichen Eltern nicht haben, fehlt ihnen ein Stück Identität Man muss aber auch erst einmal Familien finden, die sich darauf einlassen“, sagt Bühl.

Das habe sich geändert. „Früher haben sich Paare gemeldet, deren eigene Kinder aus dem Haus waren. Heute sind es vermehrt Paare, deren eigener Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Das ist immer schwierig, weil wir ihnen keine Garantie geben können, dass die Kinder bei ihnen bleiben“, sagt Heyn und fügt hinzu: „Es ist nicht unsere Aufgabe, das passende Kind für eine Familie zu finden, sondern für das Kind eine passende Pflegefamilie zu finden. Im besten Fall können wir zwischen mehreren Familien auswählen.“ Das ist immer seltener.

Aus diesem Grund veranstaltet der Pflegekinderdienst einen Informationsabend, bei dem die Mitarbeiter aufklären, wie man eine Pflegefamilie wird. Interessierte – egal ob Familien, Alleinstehende, Paare und Eheleute (auch gleichgeschlechtlich) – durchlaufen ein standardisiertes Bewerbungsverfahren.

Dazu gehören Erstberatungsgespräch, schriftliche Bewerbung, Haushaltsprüfung sowie ein mehrwöchiges Seminar, in dem die Teilnehmer sich mit pädagogischen Hintergründen und Selbsterfahrungseinheiten beschäftigen. Zu den Grundvoraussetzungen gehört, dass die Bewerber wirtschaftlich unabhängig sind und nicht von staatlichen Leistungen leben sowie Platz und Zeit für ein Kind haben.

Letzteres sei oft ein Problem. „Ideal wäre, wenn eine Betreuungsperson in den ersten zwei Jahren zuhause bleibt. Pflegekinder kann man nicht mit leiblichen Kindern vergleichen. Wenn sie in eine Pflegefamilie kommen, wurden sie vorher mindestens ein Mal von einer Bezugsperson getrennt“, sagt Bühl.

Mehr als eine Verpflichtung

Sind die Voraussetzungen erfüllt, wird ein Belegungsprofil erstellt. Darin werden Form der Pflege, Alter der Kinder und Zahl an Pflegestellen festgelegt. So war es auch bei den Pflegeeltern von Jonas, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten.

Seit zweieinhalb Jahren geben sie Kindern ein zu Hause und bieten alle Pflegeformen an. Sie haben vier leibliche Kinder, dass sie auch anderen Kindern helfen wollen, war für sie schon immer klar, sagen sie. Mit einigen halten sie bis heute Kontakt. „Das ist mehr als nur eine Verpflichtung“, sind sie sich sicher.

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