Sterbenotgemeinschaft Gressenich: Höherer Beitrag soll die Zukunft sichern

Von: Christoph Hahn
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Hilfe in der Not: Die Sterbenotgemeinschaft Gressenich muss mit finanziellen Nöten kämpfen. Bei ihrer außerordentlichen Versammlung stimmten die Mitglieder daher über die Erhöhung der Beiträge ab. Foto: dpa
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Wollen vor allem neue Mitglieder gewinnen: Elfriede und Wolfgang Dovern bilden den Vorstand der Notgemeinschaft. Foto: C. Hahn

Stolberg. Wolfgang Dovern bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Der Mittfünfziger, im Zivilberuf Schichtführer im RWE-Kraftwerk Weisweiler, kennt sich im Leben aus – nicht nur, aber auch, weil er in seinem Heimatdorf Gressenich vom Karneval fast überall aktiv ist, wo sich das Leben im Ort eben abspielt. Ein Gleiches gilt für Frau Elfriede.

Freilich gibt es auch für sie Sorgen – und die haben mit der Sterbenotgemeinschaft zu tun. Diese Gruppe ohne Rechtsform springt besonders Not leidenden Mitgliedern bei, wenn es darum geht, nicht nur den Tod eines lieben Menschen, sondern auch und vor allem die horrenden Bestattungskosten zu bewältigen. Leid und Freud liegen für die Doverns und die 354 weiteren Mitglieder der Notgemeinschaft oft ganz nahe bei einander. 2015 allerdings war für alle Mitstreiter besonders kritisch.

„Das war ein schwarzes Jahr“, resümierte der Mann an der Spitze die zurückliegenden zwölf Monate. 8550 Euro wurden in jenem Zeitraum ausgeschüttet oder werden demnächst den Angehörigen zugehen, wenn denn nun mal die Erbfrage geklärt ist – viel Geld, da bei den Mitgliedern der Reichtum nicht gerade Stammgast ist. Einzige Möglichkeit: Der Beitrag muss erhöht und das Eintrittsalter neu festgesetzt werden. Deshalb gab es am Donnerstagabend eine außerordentliche Versammlung, die im Pfarrheim an der Römerstraße stattfand.

Nur 30 Minuten brauchten die Gressenicher, um die neuen Regelungen unter Dach und Fach zu bringen. 20 statt 16 Euro sind nun zwischen dem 1. Januar und dem 31. März fällig, wenn die Kassiererin (Elfriede Dovern) bei den Mitgliedern schellt, um den schuldigen Betrag einzustreichen. Denn bei der Notgemeinschaft gilt: „Nur Bares ist Wahres“, was – ganz nebenbei – auch den Kontakt zwischen Vorstand und Basis geschmeidiger macht. Einzugsermächtigung und Lastschriftverfahren sind hier noch Fremdwörter: Euro für Euro bringen die Doverns auf ein Sparbuch, wo das Geld dann bis zum nächsten Sterbefall ruhen.

Mit dem angehoben Beitrag und dem maximalen Beitrittsalter von 50 (das statische Sterbealter minus jener 25 Jahre, in denen sich die eingezahlten Euros durch Zinsen et cetera vermehren sollen) sehen sich die in der Notgemeinschaft Zusammengeschlossenen für die Zukunft gestärkt, aber nicht vor Problemen gefeit.

Denn Wolfgang Dovern hat mit spitzem Stift berechnet, was passieren darf, ohne dass der Gemeinschaft finanzielle Probleme drohen: „Nur 16 dürfen in diesem Jahr sterben.“ Wer übrigens älter als 50 ist, muss einmal extra zahlen, und zwar 100 Euro.

Damit die Gressenicher Notgemeinschaft tragfähig und solidarisch bleiben kann, wollen die Doverns möglichst viele und möglichst junge Mitglieder werben, was im Endeffekt die Kapitaldecke optimieren soll.

Denn die Gressenicher werden nicht nur dadurch gebeutelt, dass zu viele Menschen aus ihren Reihen sterben – es treten auch zu viele junge aus und sagen dann: „Wir haben doch Versicherungen; uns ist das zu teuer“. Die Doverns waren da noch ganz anders: Sie ist über ihre Mutter mit 21 eingetreten, er über sie dann wenig später auch. Die Unterstützung der Mitglieder trägt sie: „Das Vertrauen ist sehr groß.“

Und warum die Notgemeinschaft gerade heute noch sein muss, wissen sie natürlich: „Es gibt so viele Menschen, die es schwer haben“, sagen Elfriede und Wolfgang Dovern im Einklang und denken dabei an Formen von Armut, deren Opfer sich im Dorf nicht gerade offen, sondern eher verschämt dazu stellen.

Mit dem materiellen Aspekt ist es übrigens noch nicht getan: „Wir sind oft auch Seelentröster.“ Denn im Grunde geht es bei der Notgemeinschaft Gressenich nicht nur um happige Beisetzungskosten, sondern auch um das, was kein Euro wieder aufwiegen kann.

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