Stolberg-Schevenhütte - Steinbruch in Schevenhütte verkommt immer mehr

Steinbruch in Schevenhütte verkommt immer mehr

Von: Robert Flader
Letzte Aktualisierung:
Still ruht der See: Der Wasser
Still ruht der See: Der Wasserstand im Steinbruch Schevenhütte ist wieder gestiegen. Die Gebäude sind verlassen und zerstört, am Ortsausgang weist ein Schild noch auf den Betrieb hin. Foto: R. Flader (2), J. Lange

Stolberg-Schevenhütte. Die Dämmerung ist hereingebrochen an diesem kühlen, unfreundlichen Herbstabend, aber was heißt hier schon kühl und unfreundlich in Bezug aufs Wetter? Die Fenster der alten Werkshallen liegen in Fragmenten auf dem Boden, Türen sind aus den Angeln gehoben.

Auf dem Dach bahnt sich die Natur unweigerlich ihren Weg zurück auf den Vorplatz, auf dem noch vor wenigen Jahren fast zwei Dutzend Leute Steine abtrugen.

Der einst so stolze „Steinbruch Kaspar Müller” jedenfalls liegt wie ein Relikt aus längst vergessenen Zeiten oberhalb des Schevenhütter Ortsrandes, und wenn man die verlassenen Baracken, die zerschlagenen Scheiben, die umgeworfenen, halbverwilderten Schilder und Werkzeuge am Wegrand betrachtet, könnte man fragen: Was ist hier eigentlich passiert, und wie konnte es so weit kommen?

Die Stadt Stolberg hat in der vergangenen Woche den Steinbruch zum offiziellen Bodendenkmal erklärt, Fossilienfunde und alte Gesteinsmassen machten das Areal wertvoll für Lehre und Forschung. Abbrucharbeiten sind damit jetzt ausgeschlossen, aber um Steine und deren Gewinnung geht es in Schevenhütte schon lange nicht mehr. Auch nicht bei der Stadt, Denkmal hin oder her.

Ein Rechtsstreit zwischen der Forstverwaltung Laufenburg, die den Steinbruch vor Jahren einmal kaufen wollte, und dem damaligen Besitzer, der Kaspar Müller KG, ist entbrannt, als sich beide Parteien nicht auf einen Kaufvertrag einigen konnten. Heute hüllen sich die Parteien in Schweigen, zu viele „unschöne Dinge” seien in der Zwischenzeit vorgefallen. Mit der Angelegenheit beschäftigen sich Rechtsanwälte. Auch die Stadt sitzt mit im Boot, irgendwie jedenfalls.

Gefahr im Frühjahr

Selbst die Natur hat zum aktuellen Zustand des alten Schieferbruchs entscheidend beigetragen: Im Frühjahr wäre der Steinbruch fast mit Wasser vollgelaufen, nachdem ein bis zu 8000 Kubikmeter umfassendes Stück vom Steilhang aufgrund von Rissen in den nahezu vollgelaufenen Steinbruchkessel zu stürzen drohte.

Die Stadt Stolberg - nicht die Eigentümerin - nahm sich der Herausforderung an, die Ordnungsbehörden, die Städteregion und verschiedene Gutachter wurden eingeschaltet. Schließlich gelang es mit Hilfe von Pumpen, den Wasserspiegel nach einigen Tagen zu senken, die Gesteinsmassen oberhalb der Steinbruchsteilwand wurden mit Baggern entfernt, nachdem man anfangs die Möglichkeit einer gezielten Sprengung in Erwägung gezogen hatte.

Das Geld für die eingeleiteten Maßnahmen hatte die Stadt zwangsläufig übernommen und nach wie vor nicht erstattet bekommen, aufgrund der damaligen Gefahr allerdings auch keine andere Möglichkeit, als aktiv zu werden. Auch sie liegt mit dem Eigentümer jetzt im Rechtsstreit. „Die Sache wird rechtlich immer noch geprüft”, sagt Fachbereichsleiter Andreas Pickhardt. Bei der Stadt und der Forstverwaltung, der immer noch die Gebäude auf dem Steinbruch-Vorplatz gehört, herrscht Vorsicht.

Und nun, sechs Monate nach dem eigens der überregionale Boulevard und das Fernsehen ins beschauliche Schevenhütte ausrückten und von einer sensationellen und bedrohlichen „Flutwelle” zu berichten wussten, die da auf den Stolberger Ortsrand zurasen könn­te, da steigt der Wasserpegel wieder an. Nicht viel, aber konstant geht es weiter nach oben, Zentimeter für Zentimeter. „Es hat 2012 faktisch noch nicht konstant durchgeregnet”, sagt Förster Burkhard Priese von der Forstverwaltung Laufenburg. „Wenn das mal passiert, läuft der Steinbruch ganz schnell voll.” Und genau diese Möglichkeit finden die Schevenhütter alles andere als lustig, wie ein Anwohner im Schatten des alten Bruchs sagt. „Was uns ärgert, ist, dass sich keiner kümmert, dass sich niemand zuständig fühlt. Wir haben einfach keinen Ansprechpartner für den Ernstfall.”

Den Eigentümer selbst kennt nur die Stadt, über das Handelsregister landet man bei einer Limited Gesellschaft in Birmingham, England. Und was die überhaupt mit dem inaktiven Steinbruch will, das weiß in Stolberg so recht niemand. Dass ihr Grundstück seit neuestem ein Bodendenkmal ist, darüber ist sie - beziehungsweise ein Anwalt der Gesellschaft - von der Stadt schriftlich informiert worden.

Die tatsächliche Gefahr eines Überlaufens des Sees wird als gering eingeschätzt, weitere Kontrollen vor Ort sollen zu gegebener Zeit Aufklärung bringen. „Wir halten uns an Fakten”, sagt Hans Maassen, der für das städtische Ordnungsamt im Frühjahr die Maßnahmen zur Gefahrenabwehr koordinierte. „Unsere Aufgabe ist es, eine Gefahr zu erkennen und darauf zu reagieren.”

Doch Rätsel bleiben: Im Steinbruch lag für die letzten Betriebsjahre weder eine Abbauerlaubnis noch eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsgesetz vor, bestätigt Thomas Pilgrim, Leiter des Umweltamtes der Städteregion. „Zum 30. Juni 2008 wurde der Abbruchbetrieb offiziell eingestellt.” Am 1. August 2011 schließlich ist das Gewerbe offiziell abgemeldet, der Naturstein nicht mehr verkauft worden.

Hinweise habe es „immer mal wieder” gegeben, dass Genehmigungen fehlten, heißt es aus dem Umweltamt.

Bis irgendwelche rechtlichen Fragen geklärt sind oder die Gefahr einer Überschwemmung so deutlich steigt, dass eine erneute Intervention nötig wird, werden die Schevenhütter unterhalb des Schieferbruchs weiter im Ungewissen leben. „Still ruht der See”, sagt eine Anwohnerin. „Die Frage ist: Wie lange noch?”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert