Steilster Friedhof: Mit dem Kleinlastwagen rauf zum Grab

Von: Lukas Franzen
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Nur mit dem Unimog lassen sich die schweren Säcke mit Blumenerde bis auf den höchstgelegenen Punkt des Friedhofes transportieren. Foto: L. Franzen
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Der Sturm diese Woche hat fast das ganze Laub von den Bäumen geweht. Anneliese Moll hat deshalb reichlich zu tun, um das Grab ihrer Familie wieder sauber zu bekommen. Foto: L. Franzen

Stolberg-Vicht. Friedhöfe, das sind Orte der Ruhe, Trauer und Erinnerung. 15 Friedhöfe gibt es im gesamten Stolberger Stadtgebiet. Jenseits des Vichtbachs und der Kriegsgräberstätte an der Eifelstraße gelegen, erstreckt sich eine der wohl idyllischsten und außergewöhnlichsten Ruhestätten Stolbergs.

„Teilweise sehr steil“, so lautet die Beschreibung des Vichter Friedhofs auf der Internetseite der Kupferstadt, während eine große Mehrheit von 80 Prozent ohne Einschränkungen mit einem „E“ für „ebenerdig“ gekennzeichnet ist. Ähnliche Steigungshinweise finden sich lediglich bei der Grabstätte an der Bergstraße – sehr zum Leidwesen der Grabbesitzer und Besucher, für die die Anstiege oftmals einen Berg voller Probleme bedeuten.

In Vicht sorgt ein Service der Friedhofsverwaltung seit einigen Jahren für Abhilfe. Zweimal im Jahr – im Frühjahr und im Herbst – rückt die Stadt mit schwerem Gerät an, um frische Erde, Kies, Grabschmuck und Werkzeug in die höheren Lagen des Vichter Waldfriedhofs zu befördern. Am Fuße der Ruhestätte geht es an diesem Morgen um 9 Uhr deswegen auch alles andere als ruhig zu. Bernhard Frey, Otto Essler und Peter Richter warten auf den grünen Unimog, der ihren Grabschmuck zu den schwer zugänglichen Gräbern transportieren soll. Bevor die bunten Herbstfarben dem winterlichen Frost weichen, wollen sie die Gräber ihrer Verstorbenen noch einmal auf Vordermann bringen.

„Der Service der Stadt ist sehr schön, aber auch angebracht“, sagt Peter Richter. Er fühlte sich lange alleine gelassen, so dass er sich noch vor wenigen Jahren unkonventioneller Methoden bedienen musste. „Da haben wir uns ein Seil vor eine Schubkarre gespannt, um das Material nach oben zu ziehen“, erinnert sich der Werther.

Viele Menschen, die man an diesem Vormittag trifft, pflegen gleich mehrere Gräber auf dem Friedhof an der Eichsdelle. So auch Magdalena Claßen, die regelmäßig mit ihrem Hund die steilen Hänge des Vichter Forstes hinaufkraxelt. „Ich komme fast jede Woche nach hier“, erzählt die ältere Dame, während sie das Grab ihrer Mutter pflegt. Den Fahrdienst der Stadt nimmt sie in diesem Jahr zum ersten Mal in Anspruch.

Mehrere Eimer Kies, der von der Friedhofsverwaltung zur Verfügung gestellt wird, hat sie befüllen und an ihre Gräber bringen lassen. „Mühselig ist es hier schon immer gewesen. Ich kenne es nicht anders. Und so hält man sich wenigstens noch fit“, kann die pragmatische Vichterin den steilen Anstiegen sogar noch etwas Positives abgewinnen. Ihr stößt hingegen ein anderer Umstand unangenehm auf: „Es müsste hier viel öfter gemäht werden. Die Grünflächen werden mittlerweile nur noch einmal im Jahr gestutzt“, lautet ihr Vorwurf, der an diesem Morgen von mehreren Friedhofsbesuchern erhoben wird.

Bernhard Frey hat indes die oberen Regionen des Friedhofs erreicht, auf dem seine Mutter seit 1984 ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Frische Erde, Kränze und Blumen hat er sich von dem Transporter an ihr Grab bringen lassen. Knapp anderthalb Stunden nimmt sich Frey für den Rundumschlag vor Allerheiligen Zeit. Der Herbst präsentiert sich dabei von seiner schönsten Seite. Sonnenstrahlen blinzeln durch das Geäst und sorgen für angenehme Temperaturen. Auf den Friedhofswegen und Grabstätten hat sich nach dem zurückliegenden Sturm viel Laub angesammelt. Doch das herbstliche Farbenspiel der Blätter macht gleichzeitig auf einen weiteren Missstand aufmerksam, den viele Grabbesitzer in Vicht anprangern. Denn wer die Gräber von altem Gewächs, Unkraut und dem Laub befreit hat, muss anschließend feststellen, dass viele Kübel „für verrottbare Abfälle“ bereits völlig übergequollen sind.

Noch gefährlicher für die älteren Menschen, die unter den Friedhofsbesuchern den größten Anteil ausmachen, ist das nasse Laub auf den Wegen und die teils unbefestigten Stufen der Aufgänge. Therese Oebel aus Vicht musste dies schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Schon zweimal sei sie auf dem Friedhof gestürzt und habe sich dabei ernsthaft verletzt, erzählt die Vichterin. Trotzdem nimmt sie das Risiko regelmäßig in Kauf und sei es nur, um wie an diesem Tag eine Kerze in der zweitobersten Grabreihe des Hangs zu entzünden.

Stets gemeinsam meistern Christel Seiler und ihre alte Schulfreundin Anneliese Moll hingegen ihre „Bergetappe“ auf dem Vichter Friedhof. Alleine geht es nicht mehr, da sind sich die Freundinnen einig. Enkel Christoph begleitet sie an diesem Morgen, um ihnen beim Verteilen von Erde und Kies zur Hand zu gehen. „Wir sind froh, dass die Stadt uns heute hilft, aber sonst wird nichts gemacht“, klagt Christel Seiler ebenfalls über lose Treppen, volle Kübel und Laub auf den Wegen. Auch die örtlichen Vertreter der Politik habe man schon darauf aufmerksam gemacht, ergänzt Anneliese Moll. „Einmal wurde danach das Laub gekehrt, und das war’s.“

Es scheint, als sei der sonst so stille Ort an diesem Tag zu einem Platz des Aufruhrs und der Kritik mutiert. Nur eine verantwortliche Person bleibt dabei ausdrücklich außen vor: Jürgen Vohns hat in einer guten Stunde schon mindestens neun Fahrten mit seinem Unimog von ganz unten nach ganz oben gemeistert und damit mehr als zehn Grabbesitzern das Leben und die Arbeit erleichtert. Die schwere Blumenerde und den Kies bringt er persönlich zu den Gräbern. Das kommt gut bei den Grabbesitzern an, die sein Engagement als „sehr zuvorkommend“ bezeichnen. Der Friedhof in Vicht sei schon „sehr speziell“, weiß auch Vohns, der seit 1999 auf Stolbergs Friedhöfen tätig ist und den Unmut durchaus nachvollziehen kann.

Viel Zeit hat Vohns nicht, denn im Eingangsbereich des Waldfriedhofs haben weitere Grabbesitzer ihre Autos geparkt, um ihr Material auf den Transporter umzuladen. Dem erst kürzlich dort montierten Hinweis, doch bitte den zirka 200 Meter entfernten und auf der anderen Straßenseite gelegenen Kirchenparkplatz an der Rumpenstraße zu nutzen, sind die wenigsten Friedhofsgäste an diesem Tag gefolgt. Eine entsprechende Erklärung, wie dies mit den schweren Grabutensilien zu bewältigen sein soll, ist man ihnen bisher auch schuldig geblieben.

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