Soziologe: Stadt bei der Wohnungs- und Sozialraumplanung in der Pflicht

Von: Michael Grobusch
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Im Zuge des Entwicklungskonzeptes Talachse soll der Bereich des Bastinsweihers neu gestaltet werden. „Das macht durchaus Sinn“, findet Wolfgang Joußen, wenn denn die Maßnahme in ein Gesamtkonzept gebettet ist. Foto: M. Grobusch
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Sieht mit Blick auf den Wohnungsbestand – nicht nur in Stolberg – ein „massives Datenproblem“: Wolfgang Joußen.

Stolberg. Am kommenden Samstag soll die Zukunft der Innenstadt in den Mittelpunkt gerückt werden. Stolberg wird sich dann am ersten bundesweiten „Tag der Städterbauförderung“ beteiligen. „Bei uns können sich die Bürger aktiv in die Zukunftsprojekte der Stadt einbringen“, sagt Tobias Röhm. Der ist Technischer Beigeordneter und damit der Fachmann der Verwaltung in Sachen Stadtentwicklung.

Ein Fachmann ist auch Dr. Wolfgang Joußen. Allerdings auf einem anderen Gebiet. Der Soziologe hat sich bereit erklärt, gegenüber unserer Zeitung seine Ansichten zur weiteren Entwicklung Stolbergs zu erläutern. Im Gespräch haben wir ihn mit den folgenden Fragen und Aussagen konfrontiert.

Reicht das Entwicklungskonzept Talachse mit seinen städtebaulichen Maßnahmen aus, um Stolberg für die Zukunft gut aufzustellen?

Nein, sagt Wolfgang Joußen, aber es ist durchaus sinnvoll, sich zunächst auf einen Teilbereich zu beschränken. Das darf allerdings nicht isoliert geschehen: „Zur städtebaulichen Entwicklung gehört auch die Wohnentwicklung in einer Stadt. Und dazu wiederum eine Vision, ein Gesamtkonzept“, betont der Soziologe.

Die Erstellung eines Konzeptes beginnt in der Regel mit der Erfassung des Ist-Zustandes. Wie weit ist Stolberg in diesem Punkt?

„Wir haben, nicht nur in Stolberg hinsichtlich des aktuellen Wohnungsbestandes ein massives Datenproblem.“ Demografisch sei bekannt, was in Stolberg ist und sein wird. „Aber wie es um die Häuser und Wohnungen bestellt ist, um deren Größe, Aufteilung und Ausstattung, darüber weiß man bis dato wenig.“ Zwar könne Stolberg auf die Daten aus dem jüngsten Zensus zurückgreifen. „Aber auch diese sagen mir nichts über die Wohnungsstrukturen.“

Wohnen ist in erster Linie Privatsache, die meisten Immobilien sind in privatem Eigentum. Welchen Einfluss kann die Stadt nehmen?

Sie kann eine wichtige Moderationsaufgabe übernehmen, mit Hilfe der Politik die Rahmenbedingungen festlegen und im Verbund mit Dritten Fördermöglichkeiten auftun, die Privatpersonen nicht zugänglich sind. „Wohnraum- und Sozialraum-Management wird immer mehr zu einer kommunalen Aufgabe“, meint Wolfgang Joußen.

Was bringt es, den Kaiserplatz und den Bereich Bastinsweiher umzugestalten?

Die Attraktivität der Innenstadt als Wohn- und Lebensraum ist nicht auf den Zustand der Wohnungen begrenzt, so der Soziologe. „Sie hängt auch erheblich vom Wohnumfeld ab. Insofern macht es durchaus Sinn, das Umfeld des Bastinsweihers und den Kaiserplatz neu zu gestalten.“

Für wen kann die Innenstadt in Zukunft interessant sein?

„In Deutschland ist ein Trend zu erkennen, dass es ältere Menschen, das heißt Menschen ab 50 Jahre, wieder zunehmend in die Innenstädte zieht“, berichtet Joußen. Allerdings ist deren Zuzug an bestimmte Bedingungen geknüpft: Barrierefreiheit, eine gute Verkehrsinfrastruktur, schön gestaltete Plätze als öffentliche Kommunikationsräume und eine gesicherte Versorgung für den täglichen Bedarf.

Eine gesicherte Nahversorgung setzt einen intakten Einzelhandel voraus. Der aber liegt in Stolbergs Innenstadt in weiten Teilen am Boden.

In der Aufwertung der Innenstadt als Wohnraum sieht Wolfgang Joußen eine neue Chance für den Einzelhandel. „Der Einzelhändler ist Amazon überlegen, er ist näher, schneller und persönlicher.“ Und: „Eine funktionierende Nahversorgung heißt nicht unbedingt, dass der Kunde in das Geschäft gehen muss.“ Joußen denkt an „Komfort-Lieferdienste“, an einen „modernen Hol- und Bringservice“.

Doch was muss zuerst da sein: Attraktiver Wohnraum oder eine gesicherte Nahversorgung?

„Das sind Prozesse, die synchron laufen. Denn das eine bedingt das andere“, sagt Joußen und unterstreicht: „Hier ist Geduld gefragt.“

Wird nicht durch die Schaffung von neuem Wohnraum die alte Klientel verdrängt?

Das muss nicht sein, findet der Soziologe. Denn zum einen könnten nicht genutzte Wohnungen und leer liegende Ladenlokale saniert werden. Dadurch würde zusätzlicher Wohnraum geschaffen. „Außerdem ist eine Sanierung auch möglich, ohne dass ein Verdrängungsprozess stattfindet. Die Dürener Straße in Eschweiler-Ost liefert dafür ein gutes Beispiel.“ Die Veränderungen dürften aber in keinem Fall alleine dem freien Markt überlassen werden, so Joußen. „Und damit sind wir wieder bei der Moderation und Steuerung durch die Stadt und der Notwendigkeit eines Gesamtkonzeptes.“

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