Stolberg - Sozialkaufhaus: Stadt appelliert an Regierung

Sozialkaufhaus: Stadt appelliert an Regierung

Von: Kolja Linden
Letzte Aktualisierung:
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Das Sozialkaufhaus an der Ellermühlenstraße: Die Mitarbeiter wurden entlassen, weil Fördergelder gestrichen wurden.

Stolberg. Für Einige war es der erste direkte Kontakt mit realer Politik in ihrem Leben: Rund ein Dutzend Mitarbeiter des Stolberger Sozialkaufhauses verfolgten am Dienstag die Sondersitzung des Sozialausschusses und machten die Sorgen um ihre Arbeitsplätze deutlich.

Und sie kamen nicht mit leeren Händen: Mehr als 1300 Unterschriften überreichte Alois Poquett, Geschäftsführer des Trägervereins Wabe, dem Ausschussvorsitzenden Axel Wirtz. Gesammelt hatten diese die Mitarbeiter des Kaufhauses in der Stadt und vor allem bei ihren Kunden.

Alois Poquett war es auch, der den den Ausschussmitgliedern Einblicke in die Arbeit und die aktuelle Situation des Sozialkaufhauses gab und für Fragen Rede und Antwort stand.

Wie berichtet, haben Poquett und die Leiter der Einrichtung, Manfred Werner und Andreas Wallek, keine Planungssicherheit mehr, seit die Bundesregierung Mitte März durch eine Haushaltssperre Fördermittel zurückgehalten und eine Neuausrichtung der Arbeitsmarktmaßnahmen angekündigt hatte. Weil das Projekt durch Mittel der Arge gefördert wird, die nun in Frage gestellt waren und sind, mussten seit April bereits 13 im Rahmen des Projekts „Jobperspektive” beschäftigte Mitarbeiter entlassen werden, erklärte Poquett auf Nachfrage im Ausschuss.

Zwar wurde die Förderung vor der Landtagswahl zumindest bis zum 30. Juni verlängert, und auch für die Zeit danach stellte die Politik dem Projekt eine Zukunft in Aussicht, konkrete Zusagen gibt es aber nicht. „Wir waren darauf eingerichtet, bis mindestens Ende 2010 die Förderung zu bekommen”, sagte Poquett, denn bis dahin habe es eine Vereinbarung mit der Arge gegeben. „Gehofft hatten wir aber, dass es eine Lösung für eine dauerhafte Förderung gibt.”

Seit 20 Jahren ist Poquett in der Qualifizierung für Arbeit zu Hause. „Ein so erfolgreiches Projekt wie die Jobperspektive habe ich in dieser Zeit nicht kennengelernt”, so der Wabe-Geschäftsführer über das von der vorherigen, schwarz-roten Bundesregierung initiierte Programm, in dessen Umsetzung die Städteregion bundesweit führend sei. Deshalb sei die Region auch besonders betroffen, wenn dies nicht mehr wie bisher gefördert würde.

Die Einnahmen des Sozialkaufhauses von 8000 Euro monatlich reichten bei weitem nicht aus, um die operativen Kosten zu decken, die Poquett auf rund 20.000 Euro schätzt - bei Minimalbesetzung.

Dabei sei das Sozialkaufhaus nicht nur für das Team der Mitarbeiter wichtig: „Wir sind in Stolberg auf ein Rieseninteresse bei Kunden gestoßen”, erklärt Poquett, warum das Angebot mittlerweile über das eines normalen Kaufhauses weit hinaus gehe.

„Das Sozialkaufhaus ist ein richtiger Treff geworden, wo es Kaffee und etwas zu Essen gibt. Es wird deutlich, dass Menschen durch Arbeitslosigkeit unter sozialer Einsamkeit leiden.”

219 Teilnehmer haben die „Produktionswerkstatt” bereits durchlaufen - Menschen, die bereits zahlreiche erfolglose Versuche hinter sich hatten, eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle zu finden. 43 von ihnen sei dies nun gelungen, 47 weitere wären in das Folgeprogramm „Jobperspektive” aufgenommen worden, so Poquett.

Der Wabe-Geschäftsführer wertet dies als Erfolg, auch wenn 129 Teilnehmer das Projekt vorzeitig beendet hätten, 53 davon wegen Krankheit oder gesundheitlicher Probleme, 68 wegen eigenem Fehlverhalten. Letztere müssten nun, so Poquett auf Nachfrage, mit Sanktionen durch die Arge rechnen.

Einstimmig hat sich der Sozialausschuss im Anschluss dafür ausgesprochen, dem Sozialkaufhaus Unterstützung zu erteilen. Diese soll jedoch nicht nur symbolisch erfolgen - seine nächste reguläre Sitzung hält der Ausschuss in dem Haus an der Ellermühlenstraße ab - sondern auch konkret.

Einstimmig beschloss der Ausschuss deshalb, die Stadt möge einen Appell an die Bundesrtegierung richten, die erforderlichen Mittel so zur Verfügung zu stellen, dass die Einrichtung über den 30. Juni hinaus fortgeführt werden kann. Formuliert werden soll der Appell gemeinsam mit Vertretern der Einrichtungsträger, unterzeichnen sollen ihn Bürgermeister Ferdi Gatzweiler und der Ausschussvorsitzende Axel Wirtz.

Die Mitarbeiter des Sozialkaufhauses nahmen es mit Wohlwollen zur Kenntnis, ihr erstes Ziel haben sie erreicht.

Arbeitsgelegenheit und „Jobperspektive”

67 Personen sind derzeit noch im Sozialkaufhaus beschäftigt, das Teil des städteregionalen Projekts „Produktionswerkstatt” ist. Konzipiert wurde es mit der Arge, Träger des Projekts sind die Wabe, Qualitec und die Caritas Behindertenwerk GmbH.

Die Beschäftigten im Sozialkaufhaus Stolberg teilen sich auf in zwei Maßnahmen: 49 arbeiten im Rahmen der Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung - eine Aktivierungsphase für Langzeitsarbeitslose, die nur schwer in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln sind.

Weitere 18 sind Beschäftigte der „Jobperspektive”. Darin haben sie als Angestellte des Trägers einen sozialversicherungspflichtigen Job, der mit bis zu 75 Prozent des Gehalts von der Arge subventioniert wird.

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