Weisweiler - Sommertour: Eine Führung durch die Welt unseres Restmülls

Sommertour: Eine Führung durch die Welt unseres Restmülls

Von: Laura Beemelmanns
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Sicherheit geht vor: Auch wenn das Aufsetzen der Hygiene-Kappen und der knallroten Helme für ein wenig Heiterkeit unter unseren Leserinnen und Lesern sorgte, dienten sie dem Schutz. Beim Anblick des vielen Mülls und der schweren Geräte war auch schnell klar, warum Helme in der Müllverbrennungsanlage Pflicht sind. Foto: Laura Beemelmanns
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Rund zwei Stunden sahen sich unsere Leserinnen und Leser gemeinsam mit Führungsleiter Michael Uhr (blauer Helm) die Müllverbrennungsanlage in Weisweiler an, egal ob im Trockenen oder draußen im Regen. Foto: Laura Beemelmanns

Weisweiler. Der Finger eines Mannes fährt im Vorbeigehen prüfend über ein Stück Beton, das mit einer lockeren beigefarbenen Schicht bedeckt ist. Er hinterlässt einen Streifen darauf. Es ist staubig. Aber es riecht gar nicht streng. Nein, eigentlich riecht es sogar nach Waffeln – und das trotz einem riesigen Berg aus Müll.

Eine Gruppe von 18 Leserinnen und Lesern unserer Zeitung hat sich am Mittwoch auf den Weg in die Müllverbrennungsanlage (MVA) in Weisweiler gemacht, um an der ersten Aktion unserer Sommertour durch die Region teilzunehmen. Verwundert waren sie wohl vor allem darüber, dass es nicht nach Müll, sondern plötzlich nach frischen Waffeln roch. „Da kriegt man Appetit“, sagte eine Teilnehmerin. Und das, obwohl noch wenige Sekunden zuvor vor ihren Augen mehrere Tonnen Müll mit riesigen Stahlgreifern durchgemischt wurden.

Doch zunächst von vorne: Sie alle hatten den Weg trotz einiger Straßensperrungen wegen des Hochwassers und riesiger Pfützen auf den Straßen dorthin gefunden, ausgerüstet mit Regenjacken und -schirmen. Da kam die Begrüßung im Trockenen mit Apfelsaft und Wasser gerade recht.

Michael Uhr, Pressesprecher der MVA, übernahm die Führung durch die Anlage und startete mit einem lockeren Gespräch. „Ich könnte zwei Stunden lang über Müll sprechen. Aber das soll hier kein Vortrag werden, sondern ein Gespräch“, sagte er und lud unsere Leserinnen und Leser dazu ein, Fragen zu stellen, ihre Meinung zu äußern oder ihm einfach zu lauschen. Doch gleich mit seiner ersten Frage traf er den Kern: „Sie sind alle fleißige Mülltrenner, oder?“, fragte er in die Runde. Niemand widersprach. Natürlich gibt man in einem solchen Moment nicht zu, dass man die eine oder andere Kunststoff-Konserve vielleicht auch mal in die schwarze Tonne wirft. Uhr hingegen sagte offen: „Ja, manchmal landet eine solche Konserve bei mir im Restmüll.“ Schlimm ist das eigentlich nicht, denn eines bekamen unsere Leser gleich zu Beginn mit: Am Ende wird ohnehin alles verbrannt.

Uhr erläuterte aber zunächst einmal die Tonnensituation in Stolberg. „In jeder Kommune ist es anders mit den Mülltonnen, dem Müllvolumen und vielem mehr, aber Stolberg ist die komplizierteste“, sagte Uhr. „In Stolberg gibt es beispielsweise keine Biotonne. Das hängt mit der Belastung durch Schwermetall zusammen.

Der Grünschnitt aus Stolberg muss unbedingt von dem aus anderen Kommunen getrennt werden“, erklärte er. „Es kann doch nicht sein, dass das immer noch so ist“, rief einer der Teilnehmer dazwischen. „Doch, leider ja. Die Böden sind ja nicht nur durch die Industrie belastet, sondern auch natürlich bedingt.“ Auf Fragen aller Art hatte Uhr stets eine plausible Antwort.

Von der Biotonne kam man auf die blaue, von dieser dann auf den gelben Sack. „Kunststoffmüll ist immer die größte Menge“, sagte Uhr und erntete rege Zustimmung. Er nahm den interessierten Leserinnen und Lesern aber gleich eine Illusion: „Hochwertige Recyclingprodukte aus diesen Kunststoffen gibt es nicht. Diese Produkte sind nicht vergleichbar mit den nicht recycelten. Wir müssen auch genau dort ansetzen. Wenn Sie vor so einem Billigladen stehen, da riecht es doch schon seltsam. Diese Produkte halten nicht so lange und machen nur noch mehr Müll.“ Aus einem Joghurtbecher werde laut Uhr trotz grünem Punkt nicht wieder ein neuer. Denn schließlich werde der Becher ja verbrannt. Es sei nach wie vor günstiger, den Müll zu verbrennen anstatt ihn zu sortieren. Lediglich Pet-Flaschen werden wiederverarbeitet. „Hat jemand von Ihnen heute eine Fleece-Jacke an? Die war mit aller größter Wahrscheinlichkeit vorher einmal eine Flasche“, sagte er.

Nette Müllmänner

Deutlich war Verwunderung unter den Teilnehmern zu spüren. Das waren Informationen, die sie wohl so nicht erwartet hätten. Man diskutierte über den Sinn des Grünen Punktes, über die Mülltrennung, das Volumen der Tonnen und die Müllmänner, die „in Mausbach total nett sind“, wie eine Teilnehmerin sagte.

Dann aber war es an der Zeit, „in den Regen“ zu gehen, sagte Uhr. Der Weg zur ersten Station führte wohl oder übel aus dem warmen und trockenen Verwaltungsgebäude heraus in Richtung der Müllanlieferung. Dort werden die Müllfahrzeuge gewogen und kontrolliert. Der Müll landet im Anschluss im Müllbunker. In diesem wird der Müll gemischt, damit schnell brennbare Stoffe und nicht schnell brennbare Stoffe in einem guten Verhältnis stehen. „Sonst könnte es passieren, dass es zu heiß wird oder sogar brennt“, sagt Uhr. Auf diesem Wege sind im vergangenen Jahr rund 385 000 Tonnen Müll verbrannt worden. Davon bleiben etwa zehn Volumenprozent an Asche übrig. Die sogenannte Rostasche, die wie Bauschutt verwertet werden kann, landet unter Tage.

Lodernde Flammen

Ein Kreislauf, der unsere Leserinnen und Leser brennend interessierte. Sie durften durch eine kleine Luke einen Blick in die Kessel auf die lodernden Flammen werfen. Ein beeindruckendes Bild, das fast unwirklich wirkte. Auch im Kontrollzentrum, dem „Hirn der MVA“, wie Uhr es nannte, können diese Kessel auf Bildschirmen beobachtet werden. So kann man leicht sehen, ob ein Feuer zu heiß oder zu groß wird. Kontrolle ist ohnehin das A und O. „Die MVA ist voll ausgelastet“, sagt Uhr. „So, wie eigentlich alle der 67 Müllverbrennungsanlagen in Deutschland.“

Von den 100 Prozent Müll, den die MVA täglich verarbeitet, kommen rund 65 Prozent aus der Region. „Der öffentliche Müll von Ihnen allen landet hier bei uns. Wenn aber eine Firma ihren Müll woanders hinbringen möchte, dann geht das“, sagte Uhr. „Ja, aber bei den Transportkosten lohnt sich das doch nicht, oder?“, fragte ein Teilnehmer. „Doch, das ist ja das Problem. Die Kosten für den Transport sind sehr gering. Daher wird der Müll von hier aus dann auch schon mal ins Ausland gefahren, weil das am Ende günstiger ist“, sagt Uhr. „Dann ist das alles eine Frage des Preises“, sagte der Teilnehmer.

Unseren Leserinnen und Lesern wäre es lieber, wenn der gesamte Müll aus der Region auch in der Region verbrannt wird. „Das ist umweltfreundlicher, weil wir sehr kurze Wege haben“, sagt Uhr. Dennoch ist das zurzeit nicht der Fall. Ausgelastet ist sie dennoch, die große MVA, in der es entgegen aller Vermutungen nicht stinkt und nur ein klein wenig staubig ist.

Sobald man jedoch eine der schweren Stahltüren öffnet und in Richtung der Anlieferung oder des Verwaltungsgebäudes geht, dann kommt dieser zuckersüße Duft von frischen Waffeln auf einen zu. Aber warum? „Durch den Nord-West-Wind zieht der Duft von der Waffelfabrik hier rüber“, sagt Uhr.

Irgendwie eigenartig, wenn man diesen Berg aus Müll hinter sich lässt und dennoch nur den leckeren Geruch von Waffeln in der Nase hat.

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