„So was gibts doch nur in Köln”: Klüngel-Mentalität in der Kritik

Von: Christoph Driessen, dpa
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Fußgänger, Radfahrer und Autos drängen sich in Köln durch die Severinstraße. Foto: dpa

Köln. Dienstagmorgen vor einer Kölner Grundschule. Zwei Mütter unterhalten sich über das Thema, das die ganze Stadt bewegt - den Einsturz des Stadtarchivs vor genau einer Woche. Dass da was an der U-Bahn-Baustelle nicht in Ordnung gewesen sei, hätten die Leute bei der Stadt wohl schon länger gewusst, aber nichts getan, sagt die eine.

„Jaja”, sagt die andere. „So simmer hier. Tschüs dann.”

Das ganze Gespräch verläuft in einem Tonfall, als könne man in Köln gar nichts anderes erwarten. So sehr haben sich die Kölner mittlerweile an Klüngel-Affären und Misswirtschaft gewöhnt, dass sie fast wie selbstverständlich annehmen, auch das Unglück an der Severinstraße müsse auf behördliches Versagen zurückgehen.

Dass sich plötzlich die Erde auftut und einen ganzen Häuserkomplex verschlingt, „so was gibts doch nur in Köln”, ist immer wieder zu hören.

Ob es bei der Beaufsichtigung der U-Bahn-Baustelle direkt neben dem Archiv Versäumnisse gegeben hat, prüft zurzeit die Staatsanwaltschaft.

Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) sind sich bisher keiner Schuld bewusst. „Sagt endlich die Wahrheit!”, forderte die Kölner Boulevardzeitung „Express” am Dienstag auf der Titelseite.

In der Kritik steht auch Oberbürgermeister Fritz Schramma. Der CDU-Politiker, der dieses Jahr wiedergewählt werden will, stiftete Verwirrung, indem er unmittelbar nach dem Einsturz sagte, er halte den Weiterbau der U-Bahn „fast für unverantwortlich”. Am nächsten Tag bat er dagegen nur noch um eine „temporäre Atempause”.

Die KVB lassen sich davon offenbar nicht beeindrucken, denn am Montag klagte Schramma selbst bei einer Pressekonferenz: „Ich stelle fest, dass bei mir der Schreibtisch nach wie vor wackelt.”

Die Erschütterungen durch den U-Bahn-Bau gehen also weiter. „Fakt ist: Kölns Oberbürgermeister ist nicht in der Lage, seinen politischen Willen, der im Übrigen von der Mehrheit des Stadtrats getragen wird, beim städtischen Tochterunternehmen KVB durchzusetzen”, kommentiert der „Kölner Stadt-Anzeiger”.

„Bei Großprojekten haben wir hier grundsätzlich das Problem, dass großer Zeitdruck herrscht und kritische Stimmen tendenziell unreflektiert weggebürstet werden”, erläutert der Politikwissenschaftler Frank Überall, der über den Kölner Klüngel promoviert hat.

„Man will sich in seinen Klüngel nicht hineinreden lassen.” Getreu der urkölschen Weisheit „Et hätt noch immer jot jejange” (Es ist doch noch immer gut gegangen). Aber das ist es diesmal eben nicht - diesmal hat es mindestens einen Toten gegeben.

Dabei sieht Überall den Klüngel keineswegs nur negativ: „Das Positive für die Politik ist, dass man prinzipiell sehr unkompliziert mit Politikern ins Gespräch kommen kann und die Politiker ganz im Sinne der Gemeindeordnung über Parteigrenzen hinweg kooperieren.”

Die Schattenseite seien in sich geschlossene Netzwerke mit der Gefahr zur Korruption.

Auch angesichts des bevorstehenden Kommunalwahlkampfs wird die Frage nach der politischen Verantwortung diesmal wohl nicht sofort wieder unter den Teppich gekehrt werden. „Wir müssen anders an Planungen herangehen”, fordert Überall.

„Kritische Geister müssen ernster genommen werden.” Gleichzeitig gibt sich der Klüngel-Experte keinen Illusionen hin: „Man kann nicht hingehen und dem Kölner sagen: "Du darfst jetzt nicht mehr klüngeln." Das würde der gar nicht verstehen, das ist hier einfach Teil der Mentalität.”
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