Senioren als Experten in eigener Sache gefragt

Von: Sarah Sillius
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Benno Vinck hatte bei der Auswertung der Fragebögen, die er von den Bewohnern des Seniorenheims Amselweg ausfüllen ließ, viel zu tun. Foto: Sarah Sillius

Stolberg. Im Rahmen seiner Examensarbeit befragte Benno Vinck die Bewohner des Seniorenzentrums Amselweg. Er wollte wissen, ob altengerechte Infrastrukturplanung stadtteilspezifischen Bevölkerungsverlusten entgegenwirken kann. Dabei gewann er interessante Einblicke.

Eine empirische Forschung in Stolberg? Und die Einwohner des Hauses Amselweg als Zielgruppe der Befragung? Das konnten sich die Senioren zunächst nicht vorstellen, als ihnen der Lehramtsstudent Benno Vinck an einem Informationsmorgen im vergangenen Oktober von seinem Vorhaben erzählte.

Für seine Examensarbeit im Fach Geographie hat der 25-jährige Stolberger eine freiwillige Umfrage unter 42 Bewohnern durchgeführt, um seine theoretischen Ausführungen zum Thema „Altengerechte Infrastrukturplanung” mit eigenen Forschungsergebnissen zu stützen.

Der Hintergrund seiner Arbeit ist die zukünftige Abnahme und das Altern der Bevölkerung in Deutschland. Die Wissenschaft fragt sich, wie einzelne Stadtteile oder ganze Städte sinnvoll und harmonisch zurückgebaut werden können, um die Infrastruktureinrichtungen rentabel aufrecht zu erhalten.

Der angehende Gymnasiallehrer hatte dazu folgende Idee: „Wenn man ein schrumpfendes Stadtviertel so umgestaltet, dass es für ältere Menschen interessant ist, würde eine Konzentration dieser Altersgruppe entstehen und ein vielfältiges Freizeit- und Versorgungsangebot für sie wäre möglich.”

Eine Befragung unter älteren Menschen sollte ihm helfen, einen Maßnahmenkatalog für ein mögliches „Seniorenviertel” zu erstellen.

Erste Skepsis überwunden

Dass Vinck hierfür das Wohnheim auf der Liester wählte, war kein Zufall: „Die lange Warteliste für eine Wohnung ließ vermuten, dass das Heim für ältere Menschen anziehend ist.”

Zudem stehe er in gutem Kontakt zum Seniorenzentrum: „Vor meinem Studium habe ich meinen Zivildienst hier geleistet, und meine beiden Großmütter wohnen im Haus.”

Mittlerweile hat Benno Vinck die Examensarbeit abgegeben und resümiert: „Am Anfang war es nicht leicht, Kontakt zu den Senioren aufzunehmen, weil sie sehr skeptisch waren.”

Oft habe die zunächst zurückhaltende Teilnahme an der Umfrage zudem an der Unterschätzung der Bewohner ihrer eigenen Meinung oder Fähigkeit gelegen.

„Ich weiß gar nicht, was ich Ihnen erzählen soll”, war die häufigste Antwort. Dabei, so wird in der Arbeit erklärt, sei es wichtig, dass die Senioren als „Experten in eigener Sache” ihre Kompetenzen einbringen.

Die Umfrage führte Vinck anonym und mit Hilfe eines Fragebogens durch, der unter anderem Aspekte wie Wohnungsgröße, örtliche Bindung, Bezugspersonen, Mobilität, Freizeitangebote und Ehrenamt beinhaltete.

Als die Bewohner sicher waren, dass Vinck keinerlei kommunalpolitische Absichten hegte, sondern sein Projekt einen rein wissenschaftlichen Anspruch hatte, wuchs ihr Vertrauen: „Unter ihnen bestand ein großes Mitteilungsbedürfnis, und sie erzählten mir unabhängig vom Fragebogen einiges mehr”, erinnert sich Vinck.

Eine Erkenntnis sei, dass unter den Befragten ein grundsätzliches Interesse an ehrenamtlichen Tätigkeiten im Haus bestehe, aber oft nicht der Mut vorhanden sei, solche zu übernehmen.

„Idealerweise müsste es eine Vermittlungsstelle geben, die ältere Menschen zum Ehrenamt ermutigt und mit den jeweiligen Vereinen in Verbindung bringt”, schlägt Vinck in seiner Arbeit vor: „Dies könnte positive Auswirkungen für alle Beteiligten haben.”

Auf der einen Seite sei eine größere Wohnkonzeption als die jetzige erstrebenswert, lautet Vincks Fazit: „So könnte der Unterhalt des ansässigen Lebensmittelgeschäftes stabilisiert und die Pflegestation rentabler geführt werden.”

Außerdem wünschten sich viele die Durchführung von regelmäßig notwendigen Blutuntersuchungen im Haus, um sich so häufige Arztbesuche ersparen zu können.

Auf der anderen Seite könne eine neue Konzeption kein ganzes Stadtviertel umfassen, so Vinck. Denn trotz unattraktiver Bausubstanz biete die jetzige Bauform einige Vorteile für die Senioren, denen zum Beispiel „die schöne Aussicht von den Balkonen” gefalle.

Zudem sei die Idee der „kurzen Wege” und der engen Nachbarschaft nicht wegzudenken, durch die sich die Bewohner nicht wie „Einzelne unter Fremden” fühlen müssten.

„Wichtig ist, dass kein isoliertes Altenghetto - wie in Amerika - entsteht. Im Gegenteil: Die Beziehungen nach außen, zu den jüngeren Generationen, sollten noch intensiver gefördert werden”, findet Vinck.

Er würde es begrüßen, wenn ein paar der gewonnenen Erkenntnisse nicht nur seine Arbeit aufwerten, sondern „vielleicht für das Seniorenzentrum genutzt werden könnten”.
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