Stolberg - „Seit drei Jahren nur Trauer, Tod und Angst“: Syrer aus Stolberg erzählt

„Seit drei Jahren nur Trauer, Tod und Angst“: Syrer aus Stolberg erzählt

Von: Alexander Barth
Letzte Aktualisierung:
6101798.jpg
Traum von einem anderen Syrien: Daher Hassan trägt die Farben der Opposition. Der Wahl-Stolberger hofft, dass sie einmal das offizielle Symbol seines Landes sein werden. Foto: A. Barth

Stolberg. Mit seinen Gedanken ist Daher Hassan in der alten Heimat. Ständig. Doch die ist weit weg. 4000 Kilometer liegen zwischen der syrischen Hauptstadt Damaskus und Stolberg. Seit 27 Jahren lebt der heute 51-Jährige in Deutschland, die meiste Zeit davon in Stolberg. „Ich bin gerne hier“, sagt Daher Hassan. „Aber manchmal denke ich: eigentlich müsstest Du jetzt dort sein und deinen Brüdern und Schwestern helfen“.

So bestimmen die Gedanken und die Sorge um die Familie und Freunde das Leben des Mannes, der ein kleines Geschäft im Stadtteil Mühle betreibt.

„Ich habe Verwandte und Freunde dort, wo die Giftgasangriffe passiert sind“, erklärt Daher Hassan, ein Mann mit freundlichen Augen, der sechs Tage die Woche hinter der Ladentheke steht und für seine Kunden Batterien in Uhren wechselt oder ihnen Akkus für Mobiltelefone verkauft. Spricht er über seine Heimat, schleicht sich Traurigkeit in sein Gesicht, und Daher Hassan senkt die Stimme: „Seit drei Jahren gibt es nur Trauer, Tod und Angst. Etwas anderes kommt nicht herüber.“

Die Nachrichten und die beklemmenden Bilder der mörderischen Ereignisse in den vergangenen Tagen stehen am vorläufigen Ende einer langen Liste von Schreckensmeldungen, die der 51-Jährige aus dem Land erhält, das er 1987 verlassen hat.

„Ich bin damals vor diesem System geflohen, dass die Familie Assad aufgebaut hat. Die Zeichen haben schon damals auf nichts Gutes hingedeutet.“ Über Düren kam Daher Hassan nach Stolberg. Hier lebt er mit Frau und Kindern. Die syrische Gemeinschaft in der Stadt ist klein, erklärt er. „Es gibt drei Familien hier. Alle sind betroffen von den Auswirkungen des Krieges, alle haben Verwandte, um die sie sich Sorgen machen.“ Er benutzt das Wort Krieg, „denn nichts anderes passiert dort. Und Krieg bedeutet Tod. Es sind schlimme Zeiten.“

Ob jetzt, in einer heftigen Phase des Konfliktes zwischen dem Assad-Regime und der Oppositionsbewegung, syrische Flüchtlinge nach Stolberg gekommen sind, weiß Daher Hassan nicht. Zuletzt seien vor fünf oder sechs Monaten Syrer hierher gekommen. Bei der Stadt Stolberg wusste man am Montag nichts von geplanten Unterbringungen in hiesigen Unterkünften. „Ob wir von aktuellen Verteilaktionen der Bundesregierung betroffen sind, weiß ich nicht.“ Von Seiten der Städteregion hingegen hieß es am Montag, dass zeitnah eine Person in Stolberg untergebracht werden soll.

Das Land seiner Vorfahren ist für den 51-Jährigen „auch eine schöne Erinnerung, aber die Entwicklung der letzten 30 Jahre hat vieles zerstört. Dabei wollen die meisten Syrer einfach nur friedlich leben.“ Das Assad-Regime sei Gift für das Land, findet der 51-Jährige. „Ich wünsche mir nichts mehr als Freiheit für alle Syrer. Es tut weh, dass so viele auf diesem Weg sterben müssen.“

Er steht ganz klar auf der Seite der Opposition, „aber jeder Tote ist zu viel, egal, auf welcher Seite er kämpft. Viel zu viele junge Männer werden zu den Waffen gerufen, die sich eigentlich um ihr eigenes Leben und ihre Familien kümmern müssten. Aber sie sagen: Lieber sterbe ich, als in diesem System zu leben,“ Daher Hassan berichtet von Freunden, die nicht überlebt hätten, und von einem Neffen, der seit zwei Jahren untergetaucht ist, um dem Militärdienst zu entgehen.

Die Lage zuhause ist allgegenwärtig, sagt der 51-Jährige. „Man hat doch kaum ein anderes Thema. Egal ob man in Gesellschaft ist oder allein, die Gedanken kreisen um diese schrecklichen Dinge.“ Von den wirklichen Verhältnissen im Land würde man hier nur ein Prozent mitbekommen. „Wenn ich den Leuten Bilder und Videos zeige, sie bekämen Alpträume“, sagt Daher Hassan leise.

Froh ist er über jedes aufmunternde Wort – und über Gesten: „Eine Nachbarin, sie ist Deutsche, steckt mir immer wieder Geld und Kleidung zu, damit ich sie nach Syrien schicke. Es tut gut zu wissen, dass wir auch hier gehört werden.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert