Seit 13 Jahren verfällt die Kartonagefabrik

Von: Dirk Müller und Jürgen Lange
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Wilder Müll landet immer wieder auf dem Gelände der Kartonagefabrik an der Prämienstraße. Es ist ein Privatgelände. Die Eigentümerin BAG Bankaktiengesellschaft residiert in Hamm. Foto: D. Müller
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Auch an der Rückfront liegen Absperrzäune am Boden. Wer es darauf anlegt, kann in die Fabrikruine gelangen – verbotenerweise. Foto: D. Müller

Stolberg. Vor dem Gelände der alten Kartonagenfabrik an der Prämienstraße macht Dieter Schirbach sich Luft: „Es ist ein Schandfleck für Münsterbusch, und das gleich gegenüber der Kirche“, sagt der Anwohner. Der verwilderte Platz vor der Fabrik sei innerhalb weniger Monate zu einer Müllhalde mutiert, beschreiben weitere Bürger.

Die Umzäunung des Areals fehlt teilweise, Kinder würden zwischen Abfall und Glasscherben spielen. Doch die Ruine der Kartonagenfabrik sei nicht nur wegen des Unrats ein besonderer Problemherd im Stadtteil. „Die Fabrikruine selbst stellt ein hohes Gefahrenpotenzial dar“, sagt Schirbach und verweist auf einsturzgefährdete Teile des Daches und völlig unzureichende Sicherheitsumzäunung.

Diese liegt auf der Rückseite des Gebäudes teilweise im Gras – neben Dachpappe, Regenrinne und Vierkanthölzern, die scheinbar ein Sturm vom Dach der Ruine gefegt hat. In unmittelbarer Nähe: ein kleines Fußballtor. „Auch hier spielen Kinder“, berichten die Anwohner, und insbesondere der Blick auf die Kombination der am Boden liegenden Umzäunung, des Fußballtors und der schweren Teile des aus der Höhe gefallenen Daches machen den Münsterbuschern Sorgen.

Der Fußball lande mitunter neben dem Tor auf dem Gelände der baufälligen Fabrik, die Kinder würden ihn zurück holen und sich dabei der Gefahr aussetzen, von herunterfallender maroder Bausubstanz getroffen zu werden. Die Angst davor, dass jemand verletzt werde, wachse mit jedem Tag des fortschreitenden Verfalls des Gebäudes.

Verändert hat sich der Zustand an der Prämienstraße seit der vergangenen Woche, in der SPD sowie CDU zu Ortsbesichtigungen eingeladen hatten, jedenfalls bis dato nicht. Anschließend erklärte Bürgermeister Ferdi Gatzweiler zum „Schandfleck Hoyer“ auf seiner Facebook-Seite: „Hier ist dringender Handlungsbedarf.“

Was die BAG Bankaktiengesellschaft als Eigentümerin der Immobilien unternahm und unternimmt, um Gebäude und Umfeld sauber und sicher zu halten, mochte das Unternehmen mit Sitz in Hamm auf Anfrage unserer Zeitung nicht mitteilen. Auch nicht zu der Frage, ob und in welchem Umfang die Verwaltung der Kupferstadt auf vergangene und aktuelle Probleme aufmerksam gemacht hat. „Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir keine weitere Stellungnahme abgeben“, erklärte Ralf Schröter.

Bestätigt hat der Bereichsleiter des Vorstandsreferats allerdings, dass die BAG bestrebt ist, die frühere Kartonagefabrik zu verkaufen. „Wir entfalten weiterhin entsprechende Vermarktungsaktivitäten“, sagt Schröter und verweist darauf, dass es sowohl im Geschäftsjahr 2012 als auch 2013 potenzielle Interessenten für einen Erwerb gab. „Gleichwohl der erfolgversprechenden Verkaufsgespräche konnte ein Verkauf nicht umgesetzt werden“, erklärt der Sprecher des Unternehmens, dass innerhalb der genossenschaftlichen Finanzgruppe der Volks- und Raiffeisenbanken seit 25 Jahren als der Spezialist für problembehaftete Kreditengagements gilt.

Zu einem großen Teil dieser Historie zählt auch das Gelände Hoyer, auf dem im Februar 2001 der letzte Schlussstrich unter die Ära der Kartonagefabrik gezogen wurde. Das Projekt „Wohnen und Arbeiten“ wollte so dann ein Investor aus Eschweiler realisieren. Realisiert wurde lediglich der Bau von einer Handvoll Eigenheimen auf dem Freigelände.

Neues Gewerbe zog nie in das zunehmend zerfallende Fabrikgebäude. Zuletzt 2002 war die Rede von einem Dienstleistungszentrum mit Ateliers und Praxen. Zwei Jahre später sah der Investor kein Vermarktungspotenzial mehr. 2007 übernahm die BAG aus einer Zwangsversteigerung die Immobilie auf einer Fläche von 4500 m2.

Im Frühjahr 2009 keimte neue Hoffnung auf, als Josef Meyer und Mike Bender von der Projektgesellschaft Bender & pro Haus in einen barrierefreies und altersübergreifendes Projekt mit 34 Wohneinheiten investieren wollten. Nach Abriss des Fabrikgebäudes sollten zwei viergeschossige Neubauten entstehen. Die Stadt passte eigens ihre Bauleitplanung für das Gelände an. Doch es fanden sich nicht so recht Ankermieter, die das Wohnprojekt betreiben wollten, und die Hinterlassenschaften des Bergbaus in Münsterbusch schraubten die Investitionskosten in die Höhe: 2010 kam das Aus.

Im Juli 2010 war allerdings die BAG einmal selbst auf dem Gelände der Kartonagefabrik aktiv, nachdem unsere Zeitung über die gefährlichen und dreckigen Zustände sowie illegale Treffen berichtet hatte. Einsturzgefährdete Teile des Daches wurden entfernt, Fenster und Türen gesichert. Eine Maßnahme, die nicht von langer Dauer war. Längst kann man wieder in das Gebäude gelangen, und das Gelände dient als Platz für illegale Müllentsorgung.

Tätig wurde auch die Kupferstadt. Im Januar 2013 fasste der Stadtrat den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan Nr. 164, der neben Hoyer auch Edeka und Toom an der Mauerstraße umfasst. Ziel ist der Ausschluss von neuen Einzelhandelsbetrieben mit zentrenrelevanten Sortimenten. Hintergrund war seinerzeit die Überarbeitung des städtischen Einzelhandelskonzeptes, um eine Genehmigung zur Verwirklichung des Strabag-Projektes auf dem Zincoli-Gelände zu erreichen.

Nachdem Regierungspräsidentin Gisela Walsken die Unvereinbarkeit des Strabag-Projektes in seiner aktuellen Einzelhandelsform mit dem Innenstadtkonzept konstatiert hatte, berät nun der Stadtrat am Dienstag über den Antrag von SPD und CDU, die „nächsten Schritte zur Umsetzung“ des Strabag-Projektes auszusetzen. Die Verwaltung solle mit dem Investor ein neues Konzept unter Beibehaltung des Bau- und Gartenmarktes abstimmen, dass keine Auswirkungen auf die Kaufkraft im Bereich Innenstadt habe.

Das soll dann außerdem mit Städteregion und Bezirksregierung abgestimmt sowie mit Stadtmarketing, Einzelhandel und Bürgern diskutiert werden. Das erfordert einen ambitionierten Zeitplan. Der im Januar 2013 mit der Strabag geschlossene Vertrag beinhaltet als auflösende Bedingung, dass ein Bauantrag bis spätestens 31. Dezember 2014 eingereicht, eine Baugenehmigung bis 30. Juni 2015 erteilt wird.

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