Schüler schlüpfen in Rolle der Machthaber von 1919

Von: Naima Wolfsperger
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Die Einigung gestaltet sich schwieriger als gedacht: Die Elft-Klässler verfolgen aufmerksam die Argumente der anderen Ländervertretungen nur, um sie möglichst gut widerlegen zu können. Deutschland und Österreich-Ungarn kommen kaum zu Wort. Foto: N. Wolfsperger

Stolberg. Ganz einfach ist das mit der Politik nicht. Das haben die Schüler des Grundkurs Bilinguale Geschichte am Goethe-Gymnasium an diesem Tag auch gelernt.

Lara Liske verliert sichtlich die Geduld: „Jetzt habe ich doch schon dreimal gesagt: Die soziale, moralische und wirtschaftliche Zerstörung von Deutschland und Österreich-Ungarn kann in einer Gesamteuropäischen Sichtweise langfristig nicht von Interesse sein.“ Lara vertritt die Vereinigten Staaten in den Verhandlungen um den Versailler Vertrag 1919, das völkerrechtliche Ende des Ersten Weltkriegs. Natürlich nur bei dem Planspiel im Goethe-Gymnasium.

Viele Parteien an einem Tisch

Die elfte Klasse hat einen ganzen Schultag lang damit zugebracht, sich in die politische Problematik der Friedensverträge einzuarbeiten. Angeleitet werden die Schüler dabei von Tim Bader und Klaus Schneider aus Berlin. Sie arbeiten für „Plan Politik“, ein Unternehmen, das Planspielkoordination anbietet, um Jugendliche spielerisch in komplexe Materie einzuführen.

Das auch die zwanzig Schüler des Goethe-Gymnasiums einen ganzen Tag als Staats- und Regierungschefs oder Außenminister aus dem frühen 20. Jahrhundert verbringen, ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Philipp Pletsch und dem Volksbund-Deutsche-Kriegsgräberfürsorge (VDK).

Pletsch unterrichtet am Goethe-Gymnasium Geschichte und ist zusätzlich Sprecher des Arbeitskreises Europaschule am Goethe-Gymnasium. Für den Europa-Tag, am 9. Mai, hatte er sich eine ganze Reihe von Projekten einfallen lassen, die mit dem Planspiel zum Versailler-Vertrag ihren krönenden Abschluss fanden. Die Stimmung heizte sich durchaus auf, in den Planspiel-Verhandlungen. „Es ist eben schwierig, wenn so viele Parteien an einem Tisch sitzen. Alle haben andere Interessen und Befindlichkeiten“, sagt Lara versöhnlich.

„Nicht zu Wort gekommen“

Sie hat gemerkt, „Am Ende bekommt wohl keiner genau das, was er eigentlich wollte.“ Besonders in der Diskussion um die Kriegsschuldfrage. „Wir haben uns schon alle gut in die Rollen eingefühlt“, sagt Lara, „und versucht die Interessen der einzelnen Länder durchzusetzen.“

Nicht ganz so einfach hatten es da Julia Cristina Ramm und Julia Haller. Die beiden haben Deutschland vertreten. „Teilweise sind wir in der Diskussion nicht zu Wort gekommen“, sagt Luisa Christina, „allgemein ist es nicht so einfach Deutschland in der Diskussion zu verteidigen“, streng genommen gebe es eben keine Argumente gegen die Kriegsschuld.

Glücklicherweise ist es nur ein Planspiel, deshalb können die Vertreter der einzelnen Länder des zerrütteten Europa in diesem Fall auch gemeinsam Pause machen ohne sich an die Gurgel zu gehen.

Seit drei Jahren kooperiert die Schule mit dem Volksbund. 1954 wurde die Kriegsgräberfürsorge gegründet, mit der Aufgabe, die Gräber der Kriegstoten im Ausland zu erfassen und zu pflegen. Und nicht nur die der beiden Weltkriege hat sich der Volksbund zur Aufgabe gemacht, die Mitglieder kümmern sich auch um die Denkmäler und Friedhöfe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und der Deutsch-Dänischen Kriege von 1848/51 und 1864.

„Das Problem ist, dass die letzte Generation, die zumindest noch das Kriegsende und die Leiden ihrer Eltern miterlebt hat, ausstirbt“, sagt Frank Gilles vom Stolberger Amt für Wirtschaftsförderung und Vorsitzender des hiesigen Ortsverbands des Volksbunds. Präsident der lokalen Vertretungen des VDK ist immer der amtierende Bürgermeister, seit Mai 2014 Tim Grüttemeier.

Ohne diese Zeitzeugen gebe niemanden mehr, der aus erster Hand Kriegserfahrungen teilen könne, sagt Gilles, „und keinen, der uns die herausragende Bedeutung des Friedens in Europa ins Gedächtnis ruft.“ Deshalb beschäftigt sich der Volksbund nicht nur mit der Grabpflege sondern auch mit Jugendbildung: „Um das Bewusstsein für die Geschichte und das Glück, das wir heute haben, aufrecht zu erhalten.“

Pletsch und Gilles sind stolz auf die Zusammenarbeit. „Einige der Schüler treten auch bei den Veranstaltungen des VDK zum nationalen Volkstrauertag Mitte November auf. „Der wird dieses Jahr ganz besonders“, sagt Gilles. Hundertjähriges des zweiten Kriegsjahrs des Ersten Weltkriegs und das siebzigste Jubiläum des Zweiten Weltkriegsendes sind dieses Jahr aufeinandergetroffen.

Dieser Bogen werde auch bei dem Projekt in der Schule geschlossen, mit Überlegungen, wo besondere Probleme lagen und darüber, was man bei den Vertragsverhandlungen vielleicht hätte besser machen können, ergänzt Schneider.

Weitere Infos zum Volksbund-Deutsche-Kriegsgräberfürsorge: Kriegsgräberstätten sind unter besonderem rechtlichem Schutz stehende, auf unbegrenzte Dauer angelegte Friedhöfe. Sie sind heute Orte internationaler Begegnung und Lernorte der Geschichte, sie sind aber auch immer noch Orte individueller Trauer oder kollektiven Gedenkens.

Grenzen im eigenen Kopf

Der Volksbund ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und der politischen Erwachsenenbildung. Unter dem Motto „gemeinsam aktiv für Frieden und Verständigung“ sollen junge Menschen neue Freundschaften schließen können und andere Länder kennen lernen. Sie sollen sich Gedanken machen über die Grenzen auf Landkarten und jene im eigenen Kopf. Der Volksbund bietet deshalb Workcamps und Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten an. Tausende junger Menschen aus ganz Europa kommen hier jährlich zusammen.

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