Stolberg-Schevenhütte - Schriftzeichen im Schiefer bald geschützt

Schriftzeichen im Schiefer bald geschützt

Von: Thomas Vogel
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Die Abbruchkante, in der die G
Die Abbruchkante, in der die Graptolithen-Fossilien zu Hause sind: Das Gelände des Steinbruch „Kaspar Müller” soll ein Bodendenkmal werden, um Forschung und Lehre für die Zukunft erhalten zu bleiben. Foto: T. Vogel

Stolberg-Schevenhütte. Urlaub auf Avalonia. Es hätte bestimmt schlechtere Orte gegeben, eine schöne Zeit zu verbringen - vor knapp 500 Millionen Jahren. Avalonia war ein Mikrokontinent im Erdzeitalter Ordovizium.

Vielleicht befand sich ein seichtes Meeresbecken genau an dem Fleckchen, das später Schevenhütte genannt werden sollte. Hinweise darauf liefern Gesteinsschichten, die im Steinbruch „Kaspar Müller” aufgeschlossen wurden.

„Auf den Schichtflächen lassen sich zahlreiche Spurenfossilien beobachten, die auf ein ehemaliges Watt-Millieu hinweisen”, heißt es in der Erhebung zum Bodendenkmalsverfahren von 1987. Damals, der Steinbruch war noch in Betrieb, wurde die Unterschutzstellung verlegt, bis der letzte Stein zu kommerziellen Zwecken gebrochen sein würde. Mittlerweile ist der Abbau eingestellt. Die Ernennung des Steinbruchs zum Bodendenkmal steht in Stolberg deshalb nun wieder auf der Agenda. Der Ausschuss für Stadtentwicklung, Verkehr und Umwelt wird in seiner nächsten Sitzung am 20. September darüber befinden.

Gehäuse ausgestorbener Spezies

Das Areal ist wertvoll für Lehre und Forschung, sagt der geologische Dienst NRW - Landesbetrieb Krefeld. Schließlich handele es sich um sehr alte Gesteinsschichten. „Der Steinbruch Kaspar Müller Schevenhütte stellt den Steinbruch mit den ältesten aufgeschlossenen Gesteinsschichten in NRW dar”, heißt es in der Vorlage. Spannend: Dort sind Fossilien dieser Zeit gefunden worden. Zum Beispiel Dictyoniema flabelliforme, ein Graptolith. Die seltenen Überreste der ausgestorbenen Gruppe der Schriftsteine, so die Übersetzung, besteht nur aus deren Wohnröhren oder -kammern. Es ist das einzige der polypenähnlichen Tiere, das fossil erhalten ist.

Wichtig sind die steinernen Zeugen dieser Lebewesen für die Wissenschaft aufgrund der Umstände ihres Lebens. Viele Graptolithen-Arten existierten nicht länger als fünf Millionen Jahre. Für Paläontologen - Wissenschaftler, die sich mit Leben vergangener Erdzeitalter befassen - ist das ein relativ kurzer Zeitraum. Mit dem Auftreten dieser meist nur wenige Zentimeter großen Fossilien können Gesteinsschichten auf diese Weise recht genau datiert werden. Interessant macht ihr Vorkommen auch die ehemals planktische Lebensweise der Tiere, durch die sie sich weit verbreiten konnten. Deshalb ist es den Wissenschaftlern möglich, auch überregionale Zusammenhänge zu erkennen. Das Erscheinen einer bestimmten Graptolithen-Art steht zum Beispiel für den Beginn eines neuen Erdzeitalters.

Mit dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) und der Städteregion Aachen ist die Ausweisung als Bodendenkmal besprochen, Einwände gab es nicht. Zumindest nicht von dieser Seite. Der Käufer des Steinbruchgrundstückes bangt nämlich um die Nutzungsmöglichkeit des Gebietes, nachdem es unter Schutz gestellt wurde, und er zweifelt an der Bedeutung der Abbruchkante für die Wissenschaft. Bedenken, die von der Stadt zurückgewiesen wurden. Der ehemalige Steinbruchbetreiber habe den gewerblichen Betrieb bereits abgemeldet, und der Wert des Steinbruches gehe nicht zuletzt aus dem Unterschutzstellungsantrag des LVR hervor, so die Begründung. Schon vor 700 Jahren ist Schevenhütter Schiefer abgebaut worden. Bis zuletzt wurde er als Baumaterial wie Gehwegplatten oder Dachschindeln verwendet.

Besonderheit: Weder eine Abbauerlaubnis noch eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz konnte der Betreiber des Steinbruchs Kaspar Müller vorweisen. Zuletzt war der Steinbruch in die Schlagzeilen geraten, weil ein Steilhang drohte, in den mit Wasser gefüllten Steinbruch zu stürzen und eine für Schevenhütte gefährliche Flutwelle auszulösen. Sobald das Gelände als Bodendenkmal ausgewiesen ist, muss sich nun der neue Besitzer mit den Regeln des Denkmalschutzes auseinandersetzen. Steinbruchtypische Unternehmungen wie das Wegsprengen einer Wand gehen in Zukunft nur noch in Absprache mit dem zuständigen Amt.

Keine Chance für Sammler

Das muss im Vorfeld die Gelegenheit haben, eine Untersuchung durchzuführen. Schlecht sind die Karten aller Fossiliensammler. Der Steinbruch darf, weil er Privatbesitz ist, nicht unerlaubt betreten werden. Das war allerdings noch nie anders. Für Bodeneingriffe, also Graben oder Brechen von Steinen, ist streng genommen sogar eine Grabungsgenehmigung des Amtes für Bodendenkmalpflege nötig. Doch auch abseits dieser Einschränkungen könnten Freizeit-Forscher nicht gefahrlos suchen, weil eine Sicherung der Hänge zwar geplant, aber noch nicht erfolgt ist.
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