Schauplätze des Krieges: Als die Amerikaner Stolberg „überrollten“

Von: Toni Dörflinger
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Spurensuche: Christian Altena (Links) machte bei regnerischem Wetter eine Besuchergruppe mit den Schauplätzen des 2. Weltkriegs vertraut. Foto: T. Dörflinger

Stolberg. Am Rathaus weht die US-Flagge und in den Straßen patrouillieren amerikanische Militärfahrzeuge. So stellte sich die Situation dar, als Oberstolberg am 22. September 1944 von amerikanischen Streitkräften befreit wurde und fortan die Kupferstadt für zwei Monate im Frontgebiet lag.

Mit diesen Kriegsereignissen und denen vor dem Einmarsch der Amerikaner beschäftigte sich jetzt eine 15-köpfige Gruppe, die sich von Christian Altena geführt auf Spurensuche begab: Spuren, die der 35-jährige Bauhistoriker sichtbar machte, indem er die Besucher mit den Schauplätzen des NS-Regimes und des folgenden Weltkriegs vertraut machte.

Mit alten Fotos

Grau und regnerisch war die Witterung beim Rundgang, als wollte das Wetter seinen Beitrag leisten zu dem eher unschönen Themenkreis. Illustriert wurden die Stationen mittels zeitgenössischer Fotografien: So bekamen die verfolgten jüdischen Mitbürger ein Gesicht und Schauplätze konnten hautnah nachempfunden werden. Neben dem Leiden der Stolberger Bürger im Krieg spielte auch die Vernichtung von Stolbergs kleiner jüdischer Gemeinde eine große Rolle sowie der Arbeitseinsatz der zahlreich in Stolbergs Industriebetrieben beschäftigten Zwangsarbeiter aus der damaligen Sowjetunion sowie Frankreich, Belgien und den Niederlanden.

Auftraggeber der zweistündigen Führung war der Rureifel-Tourismus. Dieser hatte vor zwei Jahren erfolgreich das Leader-Projekt „Zeitreisen Eifel“ gestartet, das sich zur Aufgabe machte, der siebzigjährigen Wiederkehr der Kriegsereignisse und Befreiung von der NS-Herrschaft in der Nordeifel zu gedenken. Als Abschluss des Projektes fanden jetzt ähnlich wie in Stolberg in acht weiteren Kommunen passend zum Thema Vorträge und Gästeführungen statt.

Am Hammer-Bahnhof

Einen ersten Zwischenstopp legte die Kupferstädter Gruppe, die sich auf dem Willy-Brandt-Platz versammelt hatte, an der Altstadt-Haltestelle ein, um sich dort mit der Bombardierung des früheren Hammer-Bahnhofs und der Situation der Zwangsarbeiter zu beschäftigen: Schließlich konnte man von dort aus auf das Dalli-Werk blicken, das ähnlich wie zahlreiche andere Stolberger Betriebe während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter beschäftigt hatte. An St. Lucia wurde Halt gemacht, um sich der verfolgten Geistlichen Stolbergs anzunehmen, die mit ihrem Engagement den Nazis in die Quere kamen.

Der Burg widmete die Gruppe einen Besuch, weil die dortigen Stollen der Altstadtbevölkerung vor und nach dem Einmarsch der Amerikaner für rund zwei Wochen Schutz geboten hatten vor den Kampfhandlungen. Denn die Besetzung Oberstolbergs durch die Amerikaner hatte nicht das Ende aller Kampfhandlungen bedeutet. Schließlich wurde bis zum November 1944 der Krieg auf der Mühle und in der Atsch, sowie in Münsterbusch und auf dem Donnerberg weiter geführt. Erstaunlich für heutige Augen war, die Burg mit Tarnbemalung zu sehen und sich im Innern von der SA genutzte Räume vorzustellen, wo nach dem Krieg US-Soldaten Büros einrichteten. Zu den Zielen Altenas gehörte neben dem Rathaus, der ehemaligen Arnolds-Mühle und das alte Kino Schauburg und der Steinweg. Denn im Steinweg standen bis in die Kriegszeit Wohn- und Geschäftshäuser von Stolbergs jüdischen Bürgern. So nutze Altena das Schicksal der Steinweg-Anrainer Wolff, Zinader, Falkenstein und Salomon, um die Verfolgung und das Leid der jüdischen Einwohner während des Naziregimes darzustellen.

Das Rathaus war für den Historiker Anlass, um die Besucher mit dem Verhalten und der Rolle von Stolbergs damaligem NS-Bürgermeister Engelbert Regh vertraut zu machen: Regh hatte am 22. September 1944 die Stadt den US-Amerikanern übergeben und sich zuvor einem Räumungsbefehl der NS-Funktionäre erfolgreich widersetzt. Dies führte dazu, dass rund 10 000 Stolberger in Kellern im Stadtzentrum ausharrten und sich von den Amerikanern „überrollen“ ließen, wie man damals sagte. „Wenigstens am unausweichlichen Ende hat er eingesehen, nicht noch mehr Leid in Stolberg zu provozieren. Während alle anderen NS-Köpfe Hals über Kopf flohen, sorgte er für eine geordnete Übergabe der Stadt und verhinderte so viele Tote“, resümierte Altena.

An der ehemaligen Arnoldsmühle ging Altena auf die angespannte Versorgungslage während der Ereignisse im Herbst 1944 ein. Schließlich hatte man in der Anoldsmühle ohne Stromversorgung Korn gemahlen, damit einige Bäckereien unter Lebensgefahr während der Kampfhandlungen die Stolberger Bevölkerung mit Brot versorgen konnten. Ob die GIs das Schwarzbrot gerne mochten, ließ Altena offen, doch er verwies darauf, „dass sie es gegen Süßigkeiten und andere Leckereien eintauschten“. Am früheren Kino Schauburg endete die rund zweistündige Tour. Dort erinnerte der 35-Jährige an den Auftritt von Hollywoodstar Marlene Dietrich, die im Dezember 1944 in der Schauburg als amerikanische Truppenbetreuerin „stinkende und schwitzende“ GI‘s mit einem Gastspiel versorgt hatte.

Mit einem Lächeln im Gesicht konnten die Teilnehmer das düstere Thema beschließen, denn die ‚Singende Säge‘, mit der der damalige Star auftrat, sorgt auch heute noch für Belustigung.

Die Besucher waren begeistert. Schließlich war es Altena gelungen, das damalige Zeitgeschehen atmosphärisch und spannend wiederzugeben. Die Ausführungen veranlassten eine 89-jährige Teilnehmerin, die als Jugendliche die Ereignisse miterlebt hatte, sich bei dem Historiker mit den Worten zu bedanken: „Sie haben das damalige Geschehen authentisch geschildert. Sie haben viele Erinnerungen wieder wachgerufen und ich kann Ihnen sagen: genau so war es!“

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