Saubere Kupferstadt: Mit Besen und Greifzange gegen den Müll

Von: Lukas Franzen
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Haufenweise Unrat: Die Mitglieder des Schevenhütter Angelsportvereins staunen nicht schlecht über das, was sie alles so im Ort gefunden haben. Foto: L. Franzen
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Auf dem Donnerberg fand Susanne Kassel weniger Müll als sie erwartet hatte. Foto: L. Franzen

Stolberg. Was braucht es, um die eigene Stadt, den eigenen Ortsteil, die eigene Straße schöner und vor allem sauberer zu machen? An materieller Ausrüstung: Müllsäcke, Handschuhe, Besen und Greifzange; persönliche Voraussetzungen: Eigeninitiative, ein wachsames Auge und eine Portion Idealismus.

Beim Stolberger Kehraus, initiiert von der Gesellschaft für Stadtmarketing (SMS) und der Stadt Stolberg, sind am Samstagvormittag all diese Voraussetzungen erfüllt. Die Stadt hat zum Frühjahrsputz geladen und stellt das Werkzeug zur Verfügung. Den Rest nehmen die Bürger selber in die Hand. „Erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren“ – für drei Stunden ist diese Redensart in nahezu allen Ortsteilen wörtlich zu nehmen.

„Natürlich ist es ärgerlich, wenn man für andere Leute den Dreck wegmachen muss. Aber wenn man will, dass es hier sauberer wird, muss man auch selber anpacken“, meint die Donnerbergerin Susanne Kassel und vertritt damit eine Haltung, die an diesem Tag von vielen Teilnehmern noch oft wiederholt wird. Die 47-Jährige hat sich spontan dazu entschieden, zu der Sammelstelle am Rosenweg zu kommen. Ihre Familie sei nicht zu Hause, sie habe also Zeit, erzählt sie.

Dass sie und Brigitte Stühlen beim Startschuss um 9 Uhr die einzigen Donnerberger sind, die sich diese Zeit genommen haben, macht sie schon ein wenig stutzig. Weniger überrascht zeigt sich Brigitte Stühlen, die als langjährige Mitarbeiterin des Bürgermeisterbüros bereits am allerersten Kehraus teilgenommen hat, von der dürftigen Resonanz in ihrem Ort. Niemand habe sich vorher angemeldet, sagt Stühlen – keine größeren Gruppen, keine Vereine, keine Parteien oder Ratskandidaten.

Abhalten lassen sich die beiden Frauen, die schnell beim „Du“ sind, davon nicht. Mit dem Auto geht es vom Bolzplatz am Rosenweg in die Josefstraße. Von der dortigen Bushaltestelle aus suchen die beiden das Neubaugebiet rund um Horsterhof und den Sender nach unliebsamen Gegenständen am Wegesrand ab. In den Brennnesseln und Sträuchern finden die Teilnehmerin der ersten Stunde und die Kehraus-„Newcomerin“ vereinzelt Plastikmüll. „Bonbonpapier ist der Spitzenreiter“, scherzt Susanne Kassel. Ein ganzes Stück Käse ist auch dabei. Ihr Fazit nach dem ersten Abschnitt fällt jedoch positiver aus als erwartet: „Der Donnerberg ist relativ sauber“, freut sich Kassel.

Mehr Müll, aber auch mehr Teilnehmer, so liest sich unterdessen die Halbzeitbilanz in Gressenich, als nach rund anderthalb Stunden ein voll besetzter Feuerwehrbus zu der Sammelstelle am Markt zurückkehrt. An Bord: Zehn engagierte Feuerwehrmänner und -frauen sowie sechs Müllsäcke. Binnen kürzester Zeit haben die Mitglieder der Gressenicher Löschgruppe mehrere Spiel- und Parkplätze und den Lauf des Omerbachs von Scherben und Pampers-Resten befreit und modernde Zaunpfähle eingesammelt. „Für uns war sofort klar, dass wir die Kehraus-Aktion unterstützen werden“, erzählt Torsten Pilz von der freiwilligen Feuerwehr. Freiwillige Müllabwehr wäre an diesem Vormittag wohl die passendere Bezeichnung.

Das gleiche gilt für den Angelsportverein der Schevenhütter Wehebachtalsperre, der seine Angeln gegen Greifzangen und Besen eingetauscht hat. Ihre Fangnetze sind diesmal blaue Mülltüten. Köder brauchen sie erst gar nicht auszuwerfen, um große, besser gesagt schockierende Fänge zu machen, die ihnen sprichwörtlich ins Gesicht springen. Radkappen, Blumentöpfe, Gartenstühle, Farbeimer, Flaschen, Gießkannen und Schläuche haben die 16 Angler, die nicht alle in Schevenhütte wohnen, sich aber trotzdem für den Ort verantwortlich fühlen, zwischen Ortseingang und Staumauer aus den Straßengräben und der Talsperre „gefischt“.

Hermann Görtz starrt auf den Müllberg, der sich vor ihm und seinen Angelfreunden auftürmt. „Es wird immer schlimmer“, ist er, was die Zukunft betrifft, wenig optimistisch. „Die Faulheit der Leute nimmt immer weiter zu. Sie entsorgen den Müll einfach in der Natur, und die aktiven Vereine machen die Arbeit.“

Wenige Kilometer weiter, in Mausbach, sind es Mütter mit ihren Kindern, die dem Müll in ihrer Heimat den Kampf angesagt haben. Mit zwei Müllsäcken bepackt, bahnt sich Angela Bühle den Weg vom Kriegsdenkmal hinunter durch die Felder in Richtung Friedhof. „Mich wundert nichts mehr“, antwortet sie auf die Frage nach den überraschendsten Funden an diesem Tag. Rund um das Denkmal, die Realschule und den Kindergarten hat sie mit ihren Mitstreiterinnen und deren Kindern Schnapsflaschen, Kondome und leere Marihuana-Tütchen gefunden. „Ganz schön viel“, staunt da auch Leo Wonka. Der Fünfjährige aus dem Kindergarten St. Markus und sein Freund, der zwölfjährige „Ritze“-Schüler Niklas Reich, zählen zu den jüngsten Teilnehmern beim diesjährigen Kehraus.

Und wie ist die Lage in der Innenstadt? Hier, zwischen Bastinsweiher und Kaiserplatz, suchen unter anderem Uwe Löhr und seine Tochter Katharina die Bordsteine und Haltestellen nach Zigarettenkippen ab. „Wenn Gäste in Stolberg ankommen und es dreckig ist, entsteht direkt ein schlechter Eindruck“, ärgert sich Löhr. Deswegen hat er auf dem Mühlener Bahnhof und dessen Gleisen besonders genau hingesehen. Kleine Tütchen, deren früherer Inhalt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht legaler Natur gewesen ist, haben Löhr und seine Tochter auch in der City gefunden. „Lange dauert es sicher nicht, bis es wieder so aussieht wie vorher“, befürchtet die Goethe-Gymnasiastin.

Auf die Frage, ob das nicht deprimierend sei, gibt die 16-Jährige eine idealistische Antwort. „Ich hoffe, die Leute lassen sich von der Aktion inspirieren und schließen sich beim nächsten Mal an.“ Resignation? Ein Fremdwort beim diesjährigen Frühjahrsputz.

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