Rustikaler Kirchenbau in Vicht

Von: Christian Altena
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Gleich gegenüber der alten Kirche, die zu klein für die wachsende Gemeinde geworden war, wurde vor etwas mehr als 100 Jahren ein Neubau errichtet. Foto: Stadtarchiv
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So präsentieren sich die beiden Gotteshäuser in der heutigen Zeit dem Betrachter.

Stolberg-Vicht. Kirchengebäude wachsen mit ihren Gemeinden. Ob der romanische Dom in Köln, der dem gotischen Bau weichen musste, der Aachener Dom, der um seine Chorhalle erweitert wurde, oder die Dreifaltigkeitskirche des frühen 16. Jahrhunderts, die neben Burg Stolberg gelegen, nichts mehr ihrer ursprünglichen Bausubstanz aufweist und selbst in ihrem Patrozinium mit der Hinwendung zu St. Lucia einen Wandel erfuhr.

In Vicht wählte die Gemeinde vor etwa einhundert Jahren einen eher ungewöhnlichen Weg. Man wollte eigentlich den Chor, also die ursprüngliche Kirche, abbrechen und dort ein großes Querhaus errichten. Das war das übliche Vorgehen bei Erweiterungswünschen. Aber Friedhof, der Bauplatz nah an der Vicht und der statisch problematische Turm machten ein Umdenken erforderlich.

Gegenüber der alten Kirche entstand auf neuem Bauplatz ein neogotisches Gotteshaus. Denkmalpflegerisch wie gestalterisch war dies eine schöne Lösung. Müssen Bauhistoriker und Archäologen meist die Vorgeschichte von Kirchenbauten in aufwändigen Maßnahmen anhand von Grundmauern rekonstruieren, stand bis 1962 die alte einfach gegenüber der neuen Kirche St. Johannes Baptist.

Die Wachstumsphasen von Kirchengebäuden ähneln oft den Ringen in Baumstämmen. Im Kern am kleinsten und mit der Zeit immer breiter oder länger werdend. Die Vichter Kirche wurde 1849 erst einmal um ein weiteres Langhaus und Turm ergänzt. Das alte Kirchenbauwerk, vollendet 1676, war zu klein geworden. In Breinig war es nicht anders, und Unterstolberg erhielt 1852 vom gleichen Baumeister eine erste Kirche, der auch in Zweifall für ein größeres Gotteshaus sorgte. Landflucht und Industrialisierung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts forderten auch in der Folge einen rasanten Ausbau von Infrastruktur und Institutionen. So wurde das Gebäude am Vichtufer bereits fünfzig Jahre später zu eng. Den Mühlener Bürgern ging es nicht anders.

Noch vor 1900 umbauten sie ihre kleine Kirche mit Seitenschiffen und schufen Stolbergs prächtigste Stadtkirche, die die einzige mit zwei Türmen blieb. In Atsch wurde 1900 eine einfache Kirche begonnen, wo man einen späteren Ausbau bereits mitdachte. Die Vichter Gemeinde gab sich 1911 bis 1912 ein modernes und anspruchsvolles Gebäude. Asymmetrische Anordnungen der Bauteile und der wehrhafte Charakter zeugen vom wilhelminischen Zeitgeschmack, der klassische Historismus war überwunden. Rustikales Mauerwerk und kräftige Ausformungen lassen an eine Burg denken und erinnern weniger an filigran aufstrebende, Leichtigkeit ausstrahlende gotische Kirchenbauten.

Die Vichter Bürger spendeten rege für ihre neue Kirche, für den Abbruch der alten fehlte aber das Geld. Ihre Nutzung blieb über Jahre fraglich. Einem Intermezzo einer Orgelbaufirma und eines Jugendheimes folgte 1962 der Abbruch der jüngeren Bauteile, ebenso 1968 das baufällige Pastorat gegenüber.

Die 50 Jahre währende Schwebesituation wurde elegant gelöst mit einer Totenkapelle, die als Baudenkmal einen besonderen Teil Ortsgeschichte darstellt. Der nun umzugestaltende alte Pfarrgarten schafft eine Möglichkeit, die Dreiheit aus Friedhof, Kapelle und Ortskirche abzurunden.

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