Römische Siedlung soll unter Supermarkt erhalten bleiben

Von: Jürgen Lange
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Der geplante Standort für den Supermarkt in Gressenich ist Bestandteil der als Bodendenkmal geschützten römischen Siedlung. Foto: J. Lange/Archäologie Goldschmidt
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Jetzt haben Archäologen am nahen Hamicher Weg Überreste einer Römerstraße ausgegraben. Foto: J. Lange/Archäologie Goldschmidt
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Auf zwei Millionen Euro hat bei der Präsentation vor einem Jahr Investor Egon Schreck die Kosten für den Supermarkt kalkuliert. Angesichts der Anforderungen des Standortes stellt sich heute die Frage, ob das ausreicht? Foto: J. Lange/Archäologie Goldschmidt

Stolberg. Das Wort „frühzeitig“ gewinnt in Gressenich eine wesentlich weitreichendere Bedeutung. Nicht nur deshalb, weil die Beteiligung der Bürger im Rahmen des Verfahrens, mit dem Baurecht für die Errichtung eines „Netto“-Discounters am Gressenicher Ortseingang geschaffen werden soll, frühzeitig erfolgt.

Sondern auch weil bereits in frühen Zeiten die Römer hier Fakten geschaffen haben, die modernen Investoren das Leben nicht unbedingt einfacher machen, vor allem nicht preiswerter.

„Technisch ist das alles machbar“, bilanziert Andreas Pickhardt: „Die Frage ist nur, ob das alles auch finanzierbar ist“. Dabei sind die umfassenden Relikte aus römischer Zeit noch das geringere Problem für das Vorhaben zur Ansiedlung einer neuen Nahversorgung. Bis ins 4. Jahrhundert hinein existierte in diesem Bereich ein Vicus, eine kleine Siedlung mit bis zu 250 Bewohnern, wie Wolfgang Wegener vom Amt für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbands Rheinland annimmt, der 2009 die Unterschutzstellung weiter Flächen als Bodendenkmal vorantrieb.

Das Besondere an der römischen Siedlung in Gressenich ist die Serienproduktion von „Hemmoorer Eimern“, schmuck gestaltete Messinggefäße, deren Typus Archäologen nach ihrem ersten Fundort nahe Cuxhaven im 19. Jahrhundert benannt haben. Von Gressenich aus wurden die nach einem individuellen Design geformten Messinggefäße in die weite römische Welt exportiert.

Wo genau der Vicus lag, ist nicht gewiss. Als gesichert gilt nur, dass sein Friedhof nördlich in Richtung Mausbach lag. Und ganz nahe am heute avisierten Standort des Supermarktes haben die Experten des Dürener Fachunternehmens Goldschmidt bei einem Wohnbau-Projekt an der Ecke von Hamicher Weg und Römerstraße die Relikte einer antiken Römerstraße ausgegraben und gesichert.

Wohnbebauung gewünscht

Nicht angetastet, aber für die Nachwelt sicher erhalten bleiben sollen die Zeugnisse römischer Blüte unter der Narbe der heutigen „Netto-Weide“, in dem mit einem Flies versiegelt und durch eine Kiesschicht geschützt, dort bleiben, wo sie jetzt sind. „Ausgraben ist immer die schlechteste Möglichkeit“, sagt Thomas Vogt, beim LVR zuständig für Ausgrabungen. Ziel ist es, Funde möglichst so lange unberührt zu lassen, bis verbesserte Technik hilft, Erkenntnisse zu gewinnen ohne etwas zu zerstören oder zu verändern.

Für das Vorhaben in Gressenich sei ohnehin eine Anschüttung zur Niveauregulierung vorgesehen, die aber zum Sportplatz hin eine Höhe von gut zwei Meter erreichen werde; darauf macht Albert Willms aufmerksam, der eine wahre Litanei an Anregungen der Verwaltung und den Planern mit auf den Weg geben kann.

Der Zweifaller, ehemals Technischer Beigeordneter der Stadt Bergheim, spricht an diesem Abend in eigener Sache ebenso wie auf Wunsch der Familie Dobbelstein, Eigentümerin der Grundstücke zwischen dem geplanten Markt und dem Ortsrand.

Naheliegend sei der Gedanke, diese als weitere Wohnbauflächen zu vermarkten. „In einem Aufwasch“, so Willms sollte man die Änderung des Flächennutzungsplanes für das gesamte Gebiet erledigen. Das Supermarkt-Gelände dürfe in Bebauungsplan nicht als Gewerbegebiet gewidmet werden. Das verhindere in Kombination mit dem vorliegenden Lärmschutzgutachten eine spätere Ausweisung eines Wohngebietes.

Würde die Fläche aber als allgemeines Wohngebiet ausgewiesen, sei die Ansiedlung eines Discounters zur Versorgung der dortigen Wohnbebauung rechtlich möglich, argumentierte der Pensionär. Während Pickhardt entgegenhält, dass eben diese Wohnbebauung dort noch fehle.

Zudem befürchtet er ein Veto der Bezirksregierung, so dass zu einem späteren Zeitpunkt nach der Supermarkt-Ansiedlung die Lücke dennoch mit Wohnbebauung geschlossen werden könne im Rahmen einer Abrundung des Ortsrandes. Zudem seien die Planer bis dato davon ausgegangen, dass das Gelände für eine Nutzung nicht zur Verfügung stehe, was wiederum Willms dementiert.

Gebäude spiegeln

Er regt außerdem mit Blick auf eine benachbarte Wohnbebauung an, das Gebäude so zu spiegeln, dass die Lkw-Anlieferung in Richtung Mausbach verschoben werde. Und unterschiedlich in den Unterlagen, aber immer noch genau definiert, so Willms weiter, sei die in Kombination mit dem Markt vorgesehene Bäckerei oder Backwaren-Verkaufsstelle mit Außengastronomie, die als potenzieller Lärm-Emittent ebenfalls Konfliktpotenzial für Wohnbebauung bieten könnte.

Ein Umstand, der für die weiteren Verfahrensschritte noch geklärt werden müsse, konstatiert Pickhardt. Wie so viele Details des Projektes noch der genauen Festlegung bedürften. „Aber wir befinden uns ja bei der frühzeitigen Bürgerbeteiligung“.

So sollen weitere Anregungen von Willms noch einmal bedacht werden. Etwa ein erneuter Einsatz vom Kampfmittelräumdienst, die Zufahrt auf das Areal und dessen Anschluss an die Landesstraße ebenso wie eine zusätzliche oder alternative Bushaltestelle. Die nächste befindet sich an der Römerstraße in Höhe der Kirche.

Ein weiteres – vor allem finanzielles – Problem stellt die Abwasserentsorgung dar. Derzeit wird der Anschluss an die Kanalisation einige Hundert Meter entfernt im Bovenheck in Höhe der Grundschule favorisiert. Damit eine hydraulische Überlastung vermieden wird, muss Niederschlagswasser in erheblichen Dimensionen zuerst auf dem Supermarkt-Gelände zurückgehalten werden können, bevor es in den Kanal gelangen darf. Eine Versickerung auf dem Grundstück ist angesichts der römischen Funde nicht erlaubt.

Und zu guter Letzt macht Willms auch noch einen möglichen Verfahrensfehler bei der Einladung zur Bürgerversammlung aufgrund zweier unterschiedlich angegebener Daten zur Planauslegung aufmerksam. „Wenn die Stadt mit der Bauleitplanung nicht die Konflikte ausräumt anstatt neue zu schaffen, rate ich zu einer Normenkontrollklage vor dem Oberverwaltungsgericht“, sagt Albert Willms.

Den Beschluss zur Offenlage der Planung soll der Stadtrat noch vor den Sommerferien fassen. Bis dahin haben die Planer offensichtlich noch viel Arbeit.

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