Ritzefeld erster Bildungspartner des Forums Vogelsang

Von: Mischa Wyboris
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Weiß um die zentnerschwere Symbolträchtigkeit der einstigen Ordensburg: Vanessa Egl vom Ritzefeld-Gymnasium, das eine Bildungspartnerschaft mit dem Forum Vogelsang eingegangen ist. Foto: M. Wyboris

Stolberg/Schleiden. Schwere Kälte kriecht durch den turmhohen Treppenaufgang. Als ständiger Begleiter auf dem Weg nach oben, auf dem Weg zur Herrlichkeit, hat sie einen eisigen Pakt mit der bedrückenden Enge geschlossen, die jeden umgibt, der Stufe um Stufe auf dem Fußmarsch in den Kultraum erklimmt.

Ein unscheinbarer Einlass gewährt den Zugang zu einer kleinen sakralhaften Halle. Der verstohlene Blick verliert sich auf seinem Streifzug nach oben, die endlosen Meter bis zum fernen Dach. Das mächtige Hakenkreuz auf dem steinernen Boden fängt ihn wieder ein, bannt die Aufmerksamkeit, gebietet Schweigen. Hier werden zwei verdiente Bürger des Deutschen Reiches feierlich vermählt.

„Ich bin nicht der Typ von Schülerin, der alles in Büchern lesen will”, sagt Vanessa Egl, deren Urgroßeltern ihre Hochzeit hoch oben im Kultraum auf der Ordensburg Vogelsang begangen haben. Als die Abitursanwärterin vom Ritzefeld-Gymnasium im Kindesalter Bilder und Briefe ihres verstorbenen Urgroßvaters im Schrank findet, weiß sie nichts damit anzufangen.

Das hat sich geändert. Heute hält die 18-Jährige ein zentnerschweres Vermächtnis in Händen, das den Geschichtsunterricht erleichtert. Die Dokumente, die Vanessa Egl in den Kurs einbringt, nähren ein Zeitzeugen-Projekt der Stolberger Schule, das die jungen Menschen an die alte Stätte des Nationalsozialismus führen wird: Das Ritzefeld-Gymnasium und das Forum Vogelsang sind eine Bildungspartnerschaft für die nächsten beiden Jahre eingegangen.

Die Kooperation ist nach der Zusammenarbeit mit Saint-Gobain und dem Zinkhütter Hof bereits die dritte Partnerschaft der Schule. „Es ist eine gegenseitige Verpflichtung entstanden, die dafür sorgt, dass die Geschichte nicht in der Belanglosigkeit verschwindet”, erklärt Schulleiter Armin Ochse.

Die Vereinbarung sieht vor, dass die Jahrgangsstufen 9 und 12 jährlich einen Projekttag auf der einstigen NS-Ordensburg im Nationalpark Eifel absolvieren und das Zeitzeugen-Projekt mit dem Forum vorangetrieben wird. „Was wir uns vor Ort pädagogisch ausdenken, muss noch lange nicht ins Curriculum der Schule passen”, sagt Albert Moritz, Geschäftsführer des Forums der gemeinnützigen Gesellschaft Vogelsang - „Internationaler Platz im Nationalpark Eifel” (kurz: „Vogelsang ip”).

Deshalb stehen die Referenten des Forums im Kontakt mit den Lehrern der Schule und feilen so an einem Konzept, das ständige beiderseitige Ergänzungen erlaubt - und das Lernen an einem Ort, der die Geschichte lebendig werden lässt, die nicht totgeschwiegen werden darf.

Unten der Sport, oben der Geist

„Kein Dokument, kein Film ist so greifbar wie das Monument der Burg”, sagt Ochse, den die symbolträchtige Architektur der einstigen NSDAP-Kaderschmiede beeindruckt: „Unten der Sportplatz zur Leibesertüchtigung, oben der Geist in Form der Vorlesungssäle.” Die Burg der Indoktrination hat viele Orte. Im Kultraum, der bewusst im Stile einer Kirche gehalten ist, ehrten die Nationalsozialisten ihre gefallenen Parteimitglieder und vermählten NS-Junker mit ihren Verlobten. Das massive Hakenkreuz auf dem Steinboden wurde erst im Jahr 2005 wiederentdeckt. „Als die Belgier hier zum Schluss noch mal saubergemacht haben, kam es zum Vorschein”, erklärt Historiker Stefan Wunsch. Eigentlich galten alle Hakenkreuze in der Burg als längst entfernt.

Entfernt, weit entfernt erscheinen Vanessa Egl all die Ausführungen in den Geschichtsbüchern, die schweigsam zur Erinnerung aufrufen. „Die Atmosphäre fehlt.” Auch deshalb wirkt sie an einem Film ihres Geschichtskurses mit, der bald auf der Burg Vogelsang entstehen und Schülern der Mittelstufe die NS-Zeit näherbringen soll. „In der 8. oder 9. Klasse sind oft andere Themen wichtiger”, sagt die 18-Jährige, für die damals dasselbe galt. Und heute? „Man stellt einen ganz anderen Bezug zum Thema her, und wenn so etwas nicht nur auf einer Ansammlung von Daten basiert, kann es einfach nicht langweilig werden.”

Steinerne Enge

„In bestimmten Momenten”, sagt Vanessa Egl, wenn sie die Bilder ihrer Urgroßeltern betrachte und die tagebuchähnlichen Briefe lese, „kann ich mich in sie hineinversetzen.” Wie es war, in jener grauen Zeit mit Enge und Ängsten zu leben, mit Befehl und Gehorsam. Eine Atmosphäre, die die Gemäuer der Burg über all die Jahre konserviert haben.

Ochse besucht schon zum vierten Mal den gigantischen Gebäudekomplex, der zu den größten Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus zählt. „Hier erfährt man eines immer wieder”, sagt der Rektor: „den bedrückenden Charakter. Die Vorlesungssäle und Speiseräume wirken sehr beengend. Für die Vermittlung der Geschichte ist das unbezahlbar.”

Apropos: Die Kosten der Bildungspartnerschaft halten sich für das Ritzefeld-Gymnasium im Minimalbereich. Dank der Unterstützung durch das Schulenförderprogramm der Städteregion Aachen und ein Integrationsprogramm namens „Xenos” des Bundes fallen nur noch Fahrtkosten an. „Das ist der große Gewinn”, sagt Ochse: „Wir bekommen neben dem wissenschaftlichen Zugriff auch einen emotionalen. Das tote Papier der Unterrichtsbücher wird mit tatsächlichem Geschehen gefüllt.” Das soll künftig nicht nur in Geschichtskurse, sondern auch in sozialwissenschaftliche Fächer sowie Film-, Theater- und Kunstprojekte einfließen.

Der Abstieg aus dem Kultraum zurück auf den Boden der Tatsachen hat einen eisigen Begleiter. Es ist beinahe so, als formiere sich jene schwere Kälte im engen Wendeltreppenturm zu einer Eskorte, die ihren Schutzgefangenen auch im Freien nicht mehr loslassen will. Vanessa Egl lässt ihren Blick noch einmal am Gemäuer emporschweifen, zurück Richtung Kultraum. „Im Treppenaufgang habe ich eine Ahnung bekommen, wie es wirklich war: zu mächtig.”

Unterricht in der Kaderschmiede: Erst Leibesertüchtigung, dann Rassenkunde

Kurz nach der Übergabe der Burg an Adolf Hitler am 24. April 1936 rückten die ersten 500 NS-Junker auf Vogelsang ein. Die ausgesuchten Lehrgangsteilnehmer aus ganz Deutschland waren im Alter von Anfang bis Mitte 20. Voraussetzung waren völlige körperliche Gesundheit, Arbeits- und Militärdienst sowie ein Abstammungsnachweis. Außerdem mussten die Bewerber verheiratet sein, ihre schulischen Leistungen interessierten hingegen nicht. Den Bewerbern war versprochen worden, dass sie nach Abschluss der Ausbildung jedes Regierungs- und Verwaltungsamt in Deutschland bekämen.

Der Stundenplan sah vor: 6 Uhr: Frühsport; 7 Uhr: Fahnenappell; 8 bis 10 Uhr: Arbeitsgemeinschaften; 10 bis 12 Uhr: Vortrag im großen Hörsaal; nachmittags: Sport; 17 bis 18.30 Uhr: Arbeitsgemeinschaften; 22 Uhr: Zapfenstreich.

In den Hauptvorlesungen zu den Themen „Rassenkunde” und „Geo-Politik” wurden die Junker mit rassistischen Thesen indoktriniert. Daneben gab es intensive sportliche Schulungen, Schwerpunkt auf Vogelsang war der Reitsport.

Die Anlage, zwischen 1936 und 1939 Schulungsstätte für den Nachwuchs der NSDAP-Führungskader, gilt als eine der größten baulichen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus in Deutschland.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Komplex von britischen und seit 1950 von belgischen Militärs genutzt, die unter dem Namen „Camp Vogelsang” eine Kaserne und im umliegenden Gelände einen Truppenübungsplatz einrichteten.

Am 1. Januar 2006 wurde die Anlage der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, nachdem in dem erweiterten Militärgelände der Nationalpark Eifel errichtet worden war.

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