Ringschluss bei der Euregiobahn: Aufbruch zu neuen Ufern

Von: Jürgen Lange
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Die Sternstunde der Euregiobahn ist gleich auch der Aufbruch zu neuen Ufern. Foto: Jürgen Lange

Stolberg/Herzogenrath/Alsdorf. Ewald Schmitz und Helmut Conrads nehmen am Hauptbahnhof von Gleis 27 um 9.22 Uhr erst einmal den Zug nach Altstadt. „Wir sind selber ja noch nie die ganze Strecke gefahren“, sagen die beiden Männer, die Ende der 90er den Zug überhaupt erst aufs Gleis gesetzt haben. Die beiden Unternehmer aus Breinig gründen zur Jahrtausendwende die Euregio-Verkehrsschienennetz GmbH und tüfteln mit dem damaligen AVV-Geschäftsführer Hans-Joachim Sistenich das Konzept der Euregiobahn aus.

100 Kilometer Gleise, davon 69 als Strecke werden von der Deutschen Bahn übernommen. Am 10. Juni 2001 wird das erste Teilstück der Euregiobahn in Betrieb genommen: von Altstadt über Aachen nach Heerlen.

Genau 15 Jahre später wird das vollendet, was damals konzipiert wurde. Am Freitag, 10. Juni 2016, wird der Ringschluss von Herzogenrath auf traditionsreicher Strecke über Alsdorf zum Hauptbahnhof mit einer Sonderfahrt eingeweiht. Die letzten sieben Kilometer nach St. Jöris sind geschlossen. Helmut Conrads und Ewald Schmitz können gemütlich in der Dreiertraktion sitzen bleiben, während an den Haltepunkten prominente Gäste zusteigen, und Zugführer Andreas Schillings bei seiner Arbeit über die Schulter schauen.

Der ist seit 24 Jahren bei der DB und von Anfang an beim Euregiobahn-Projekt am Steuerknüppel eines Talent-Triebwagens. „Heute ist eine Sternstunde“, sagt der Zugführer stolz, während der Talent im Hauptbahnhof auf Gleis 44 einrollt. Hier starteten noch bis 1986 Schienenbusse in Richtung Nordkreis. Nun versammeln sich enthusiastische Eisenbahnfreunde, langjährige und aktuelle Wegbegleiter aus Verbänden, Ministerien, Politik und Wirtschaft im gemütlichen Festzelt vor der EVS-Betriebszentrale im Stolberger Hauptbahnhof: um Jubiläum und Ringschluss zu feiern, aber auch um in die Zukunft zu schauen.

Die wichtigsten Botschaften brachte Karin Paulsmeyer aus Düsseldorf mit. „Ich finde es beeindruckend, was die EVS aufgebaut hat“, bekennt die Ministerialdirigentin im Verkehrsministerium, um in der folgenden Podiumsdiskussion mit unserem Redakteuer Robert Esser klar zu bekennen: „Die Elektrifizierung der Euregiobahn ist als indisponibel vorgesehen im neuen ÖPNV-Bedarfsplan“.

Nur die Frage wann finanziert werde, sei offen. Denn es komme eigentlich nur noch auf die Bundesregierung an, die bereits vereinbarte neue Finanzverteilung für die Länder auf den Weg zu bringen. Sie beschere NRW mehr Zuschüsse. Davon werde die Euregiobahn profitieren. Das gilt dann auch für den Ausbau von Altstadt nach Breinig, der als disponibel im Bedarfsplan stehe, sagt Paulsmeyer. Und darüber hinaus stehe das Land ebenso hinter dem Vorhaben, die Euregiobahn nach Siersdorf und Baesweiler zu bringen.

Das vernahmen auch die Bürgermeister und Ratsvertreter aus dem Nordkreis ebenso wie Rudi Bertram und Tim Grüttemeier. Stolbergs Bürgermeister ließ die Ausbauphasen der Euregiobahn noch einmal kurz Revue passieren und erinnerte an das Umschwenken von Komplettfinanzierung auf Salami-Taktik, nachdem Würselen und Aachen einer Trassenführung ins Zentrum der Kaiserstadt die kalte Schulter gezeigt hatten. Nun ist es die neunte Ausbaustufe, die absolviert ist und von der Kupferstadt mit dem Bau eines Parkhauses und der Aufwertung des Hauptbahnhof-Umfeldes flankiert wird.

Die EVS selbst hat seit Beginn 110 Millionen Euro, 80 Millionen davon stammen von der öffentlichen Hand, in den Ausbau investiert, sagt Geschäftsführer Thomas Fürpeil. Kollege Christian Hartrampf steuert die technischen Zahlen bei; 37 Kilometer Gleisnetz sind erneuert; dazu gehören auch sieben Kilometer Strecke, sieben Bahnübergänge, 9100 Schwellen, 13.400 Meter Schiene und ein Betontrog aus 4500 Kubikmeter Beton und 500 Tonnen Stahl für das jüngste Teilstück, auf dem ab Sonntag der Regelverkehr aufgenommen wird.

Und der bedeutet für die ohnehin bestens angenommene Euregiobahn einen weiteren Fahrgastzuwachs, betont Heiko Sedlaczek. „Die Drehscheibe Stolberg wird gestärkt, die Menschen aus dem Nordkreis rücken näher an Belgien und den Rhein heran“, betont der Geschäftsführer des Zweckverbands Nahverkehr Rheinland (NVR). Im Hauptbahnhof ist die Reginalbahn 20 vertaktet mit dem Regionalexpress 1 nach Aachen und nach Köln. „Der Fahrzeitgewinn beträgt bis zu einer halben Stunde“, sagt Sedlaczek. „Da lohnt es sich, das Auto stehenzulassen.“

Der NVR-Vertreter nutzt aber auch die Gunst der Stunde, um auf die Unterfinanzierung des Bahnverkehrs im Rheinland aufmerksam zu machen: „Egal ob man Angebot, Auslastung oder Fläche als Prämisse wählt“, so Sedlaczek, „Wir brauchen mehr Geld, um die Qualtität halten und ausbauen zu können“.

Und spätestens Anfang 2017 die Entscheidung zur Finanzierung der Elektrifizierung, damit sie Ende 2021 greifen kann. Die restliche Zeit diene der Vorbereitung und zur Ausschreibung für neue Fahrzeuge. Die Worte der Ministerialdirigentin, zusätzliches Geld für das Rheinland locker machen zu wollen, wenn es Berlin frei gibt, sind ein weiteres Hoffnungszeichen an diesem Morgen.

Die Elektrifizierung wiederum ist wichtig für die Euregiobahn, um sie flexibler, leistungsfähiger leiser und umweltfreundlicher zu machen, betont Sedlaczek. Bei der Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit ist die Euregiobahn längst ein „bundesweiter Spitzenreiter“, sagt Dirk Schnurbus.

Mit einer Pünktlichkeitsquote von 96 Prozent beträgt die durchschnittliche Verspätung pro Tag 0,7 Minuten, erklärt der Geschäftsführer der DB Regio. Und das bei 1,5 Millionen Zugkilometern pro Jahr bei 130 täglichen Fahrten mit 20 Fahrzeugen und rund sechs Millionen Passagieren. Mit steigender Tendenz. Denn mit Ringschluss und angestrebten Erweiterungen wird die Auslastung weiter zunehmen. Da sind sich alle sicher.

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