Stolberg - Rinderbesamung: Wenn der Express „Impression“ liefert

Rinderbesamung: Wenn der Express „Impression“ liefert

Von: Naima Wolfsperger
Letzte Aktualisierung:
8167508.jpg
Felix Wintgens ist Ortsvorsitzender der Landwirte in Werth. Der Regen letzte Woche hat auf den Feldern seine Spuren hinterlassen, jetzt muss auf das Beste gehofft werden. Der landwirtschaftliche Schwerpunkt der Wintgens liegt aber in der Milchproduktion.
8167411.jpg
Manfred Holschbach plaziert „Impression“ für den Transport in einer Styroporschachtel mit flüssigem Stickstoff.
8172456.jpg
Das Bullensperma wird aus Haltbarkeitsgründen in Pailletten mit flüssigem Stickstoff auf Minus 169 Grad tiefgefroren.
8167722.jpg
Wender und Traktor stellen nur einen Teil des Fuhrparks der Wintgens dar. Die Landwirte bewirtschaften Felder mit Winterweizen und Futtermais.

Stolberg. Aus der Stolberger Altstadt kommend verändert sich die Landschaft Richtung Werth. Der dicht bewaldete Hammerberg bleibt zurück und öffnet den Blick auf Hügel mit bewirtschafteten Feldern. Vorbei an zwei Windrädern, deren Rotorblätter schwer im lauen Lüftchen schwanken, steht der Hof der Familie Wintgens.

Sonne und ein klarer Himmel erlauben einen weiten Blick, bis hinter Eschweiler. Felix Wintgens sitzt auf einem Traktor, links von ihm befindet sich das Gehege der weiblichen Kälber, die getrennt von den anderen Kühen gehalten werden. Junge Bullen werden an die Mastzucht verkauft. Hinter Wintgens baut sich eine Überdachung auf, unter dieser befinden sich weiterer Traktor, ein Mähdrescher und ein Wender. Wender werden genutzt um das gemähte Gras zu verteilen, damit es schneller trocknet und anschließend mit dem Häcksler zerkleinert werden und zu Strohballen gepresst werden kann. Rechts von Wintgens, auf seinem Traktor, befindet sich das weitläufige Bauernhaus, direkt dahinter der Kuhstall.

Automatisierte Fütterungsanlage

In Stolberg vertritt Felix Wintgens, als Ortsvorsitzender, die Interessen von sechs Landwirten gegenüber der Landwirtschaftskammer. Er kommt dann, beispielsweise bei der Planung von Bauvorhaben, zum Einsatz, und versucht die Anliegen der ortsansässigen Landwirte durchzusetzen. „Zur Zeit ist es aber ruhig“, sagt er und zuckt mit den Schultern, „ist auch gut so.“

Den eigenen Hof hat er bereits an seinen Sohn übergeben, dieser führt den Betrieb nun in der vierten Generation.

Die Wintgens besitzen Ackerland auf dem sie Winterweizen und Futtermais anbauen, sie führen eine Pferdepension für Pferdebesitzer in der Region und sie haben eine Solaranlage auf dem Dach ihres Stalls installiert. Mit der Solaranlage produzieren sie 77 Kilowatt Strom. Ungeachtet der Verbrauchsschwankungen in den Winter- und Sommermonaten können damit durchschnittlich etwa 9,28 Zweipersonen Haushalte pro Tag versorgt werden.

Der landwirtschaftliche Schwerpunkt der Wintgens ist aber die Haltung von Milchkühen. Hinter dem Kuhstall breitet sich eine Weidewiese über den abfallenden Hügel. „Tür auf, dann können die rumlaufen“, erklärt Wintgens, „im Sommer sind sie eigentlich nur zur Fütterung im Stall.“

Besonders stolz ist er auf die automatisierte Fütterungsanlage. Die Kühe tragen ein Halsband an dem ein gelber Sender befestigt ist. Der Sender schickt Informationen über die Milchproduktion der einzelnen Kühe an einen Zentralrechner, dieser berechnet entsprechend die jeweilige Futtermenge, um die Milchproduktion der einzelnen Milchkühe zu optimieren. Über ein Fließband gelangt dann die richtige Portion zur richtigen Kuh. 3,5 bis 4 Tonnen Kraftfutter verbrauchen die Wintgens im Sommer.

Das Futter besteht aus Heu, Silomais und Pressschnitzeln aus Zuckerrübenresten. Zusatzmittel für das Kraftfutter, wie Eiweiß, Sojaschrot und Maismehl wird in den Silos neben dem Stall aufbewahrt, und kann nach Bedarf untergemischt werden.

Damit die Kühe regelmäßig Milch produzieren, müssen sie auch in regelmäßigen Abständen trächtig sein und Kalben. In der Regel kalben Milchkühe mit zwei Jahren zum ersten Mal, danach werden die Kühe in Dauerschwangerschaft gehalten. Neun Monate lang tragen sie die Kälber aus, zwei Monate vor der nächsten Besamung bleiben sie „trocken“ und produzieren keine Milch. Nach dem ersten Kalb gibt eine Kuh etwa 15 Liter Milch pro Tag. Die Milchproduktion der Kühe steigert sich von Jahr zu Jahr, bis zu maximal 50 Liter täglich. Das ist nur etwas weniger als der durchschnittliche Milchverbrauch eines Deutschen pro Jahr, der liegt bei 60 Liter.

Die Befruchtung der Kühe kann von einem Tierarzt, oder von den Bauern selbst durchgeführt werden. Die Wintgens züchten ihre Milchkühe in Eigenbesamung. Die Samen erhalten die Wintgens von der Rinder-Union-West (RUW). Die RUW lässt das Sperma von Lieferanten in Kleintransportern verteilen. Diese Spermalieferanten werden als „Schwarm Express“ bezeichnet.

Manfred Holschbach ist einer der RUW Lieferanten. Er hält heute nur kurz auf dem Hof der Wintgens. Den Standardsatz hat er bereits letzte Woche abgegeben, nun liefert er noch das Bullensperma „Impression“ nach. Holschbach beliefert Bauern im bergischen Land, inklusive des Rhein-Sieg-Kreis, Westerwald, Koblenz, Ahrweiler, Aachen, Düren, Euskirchen, Heinsberg und einen Teil vom Sauerland.

Zum Transport und zur Aufbewahrung wird das Bullensperma wird mit flüssigem Stickstoff auf Minus 196 Grad tiefgefroren und in dünnen Stäbchen, so genannte Pailletten, in große Isolierkannen gehängt. Die Pailletten, etwas schmaler als eine Kugelschreiberpatrone, können zwischen 0,25 und 0,5 Milliliter aufnehmen, sie beinhalten das mit Nähr- und Schutzstoffen verdünnte Bullensperma.

Die nächsten Wochen kritisch

Vorsichtig legt Holschbach eines der Stäbchen in eine Styroporschachtel, die mit flüssigem Stickstoff gefüllt ist. Normalerweise holt er den ganzen Isolierbehälter der Wintgens an seinen Transporter, aber ein einzelnes Stäbchen kann er auch auf diese Weise sicher transportieren. Die Isolierkannen der Wintgens stehen in ihrem Büro. Dieses ist in den Stall integriert und mit Fenstern versehen, so, dass die Kühe im Auge behalten werden können. Das Sperma bewahren die Wintgens erst einmal auf, „wenn eine Kuh dann soweit ist, können wir sie dann direkt besamen.“

Die Felder der Wintgens waren von den Frühjahrsstürmen dieses Jahr kaum betroffen, doch der Regen der letzten Woche hat schwere Folgen. „Vor zwei Wochen haben wir noch auf Regen gehofft“, erinnert sich Wintgens, der laue Winter habe eine zu frühe Reife des Winterweizens zur Folge gehabt. „Das war aber weniger schlimm, jetzt liegt das ganze Getreide einfach flach“, klagt er.

Die kommenden Wochen sind kritisch: Knapp drei Wochen muss es jetzt trocken bleiben, damit sich der Weizen erholen kann. „Dann sind wir noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen“, seufzt Wintgens. Bei zu hoher Feuchtigkeit könnte das Getreide keimen und wäre dann anstatt zur Brotproduktion nur noch als Futtermittel verwertbar. „Es ist schwer abzusehen wie es jetzt weiter geht. Wir hoffen auf das Beste.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert