Raucherkneipe, Raucherclub? Am Glimmstengel hängen Existenzen

Von: Sarah Sillius
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Mecnun Hatunoglu hat seine Gas
Mecnun Hatunoglu hat seine Gaststätte vom Vater übernommen. Das Rauchen gehört für seine Gäste zum Bierchen dazu. Er hat seine Kneipe als Raucherclub gekennzeichnet und muss die entsprechenden Vorschriften einhalten. Foto: S. Sillius

Stolberg. An der Kneipe am Atscher Dreieck hängt Mecnun Hatunoglus ganzes Herz. Seit 36 Jahren gibt es den Familienbetrieb „Ismet International”, Hatunoglu übernahm die Kneipe am Atscher Dreieck von seinem Vater. „Für viele Gäste, besonders die älteren, ist die Kneipe wie eine zweite Familie.”

Zum Beispiel für Herbert Olbertz. Seit 1975 trinkt er hier sein Bierchen - und raucht seine Zigarette. Das gehört für ihn unbedingt zusammen. „Die Atmosphäre ist einfach schöner. Wenn der Mecnun das Rauchen hier verboten kriegt, dann muss er zumachen”, sagt Olbertz. Seine Freunde, die mit ihm an der Theke sitzen, stimmen zu.

Hatunoglu hat an die Außenwand seiner Kneipe ein Schild mit der Aufschrift „Raucherclub” gehängt. Die Zukunft von Raucherclubs wie diesem ist ungewiss. Nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts in Münster dürfen Gastronomen mit den Raucherclubs den Nichtraucherschutz nicht umgehen. Einige Kommunen wollen jetzt stärker kontrollieren, ob die Wirte die Vorgaben erfüllen. „Offiziell sind uns keine Raucherclubs gemeldet”, sagt Hans Maaßen, Leiter des Ordnungsamts, gibt aber zu, dass das Gesetz zu den Raucherclubs schwammig ist.

Bei einem Gang durch die Innenstadt zeigt sich schnell: Geraucht wird fast überall, einige der Kneipen sind allerdings als „Raucherkneipen” ausgewiesen - ein kleiner, aber feiner Unterschied zum Raucherclub. „Der muss als Club definiert sein, muss über eine bestimmte Mitgliederzahl verfügen und den Zugang dieser Mitglieder kontrollieren”, erklärt Dirk Stock, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes im Kreis Aachen und Vorsitzender des Ortsverbandes Stolberg. Hatunoglu hat sich die entsprechenden Unterlagen zuschicken lassen, hat Unterschriften von den Mitgliedern gesammelt und rund 300 Mitgliedskarten drucken lassen, erzählt er.

Der Vorschrift nach müssten sich der Wirt oder die Angestellten eines Raucherclubs auch von jedem Gast den Mitgliedsausweis vorzeigen lassen. In der Realität schwer vorstellbar. „Das lässt sich eigentlich nur umsetzen, in dem man nur noch Stammkunden in die Kneipe lässt”, sagt Stock. Nur so könne man sicher sein, wer Clubmitglied ist und wer nicht. Auch Stock bezeichnet das Gesetz als „wachsweich”. Er könne keine Angabe dazu machen, wie viele Raucherclubs und Raucherkneipen es in Stolberg gebe. Die Lage ist zu unübersichtlich, die Grenzen zwischen Raucherclubs und Raucherkneipen verschwimmen.

Die Altstadt-Kneipe „Zum Raubritter” bezeichnet sich als Raucherkneipe. Nach der Änderung des Gesetzes zum Schutz von Nichtrauchern in NRW ist das Rauchen dann zulässig, wenn die Kneipe über weniger als 75 Quadratmeter verfügt und keinen abtrennbaren Nebenraum hat. Personen unter 18 Jahren ist der Zutritt untersagt, es dürfen keine zubereiteten Speisen angeboten werden.

Des weiteren wird vorgeschrieben, dass die Gaststätte am Eingangsbereich in deutlich erkennbarer Weise als Rauchergaststätte gekennzeichnet ist. „Wir haben erst letzte Woche über Alternativen nachgedacht. Aber wenn wir die Gäste draußen rauchen lassen, werden sich die Anwohner wahrscheinlich über den Lärm beschweren”, sagt Kellnerin Irene Slangen.

Nicht nur die Mitarbeiter der Gaststätte „Zum Raubritter” haben Angst vor einer erneuten Gesetzesänderung, die das Rauchen endgültig untersagen könnte. „Ziko”, Wirt im Haus Rosenthal und Ratskeller, sagt: „Ich lebe von den Rauchern. Wenn das Verbot kommt, mache ich zu. Dann kommt doch keiner mehr.” Das Haus Rosenthal ist kein Raucherclub. „Das Gesetz ist ein Witz”, meint der Wirt.

Für Gaststätten wie seine, die auch Speisen anbieten, gelten besondere Vorschriften. „Dort muss der Hauptraum ein Nichtraucherraum sein”, sagt Ordnungsamtsleiter Hans Maaßen. „Ziko” hat extra den hinteren Saal der Gaststätte für Nichtraucher reserviert. Das Erstaunliche ist: „Da geht keiner rein, alle essen hier vorne”, sagt „Ziko” und tatsächlich - umhüllt von Zigarettenqualm genießen die Gäste Schnitzel und Pommes. „Das ist eine bürgerliche Gaststätte hier, das Rauchen gehört dazu”, sagt der Wirt, selbst passionierter Raucher.

Wie es ist, wenn das Qualmen in den Räumen verboten wird, das wissen Gerhard Lutter und Martina Aretz nur zu gut. Anfang 2010 mussten sie aufgrund der Gesetzesänderung den blauen Dunst verbieten, weil sie über keinen zweiten Raum verfügen. „Wir haben seitdem Umsatzeinbußen von 40 Prozent zu verzeichnen”, sagt Lutter. „Die meisten gehen wieder, wenn sie sehen, dass hier Rauchverbot ist, viele Stammkunden haben wir verloren.”

Während die Ordnungsämter in anderen Städten, zum Beispiel Aachen, ihre Kontrollen in den Kneipen verstärken, bleibt man in Stolberg gelassen. „Wenn es Beschwerden gibt, kontrollieren wir, ob die Raucherclubs die Vorgaben einhalten”, sagt Maaßen. Bislang würden der Stadt aber keine Hinweise über mögliche Verstöße vorliegen.

Hatunoglu und seine Wirtkollegen können erstmal aufatmen - und ihre Gäste unbesorgt am Glimmstengel ziehen. „Das hier ist meine Existenz”, sagt Hatunoglu über seine Gaststätte. „Wenn das Rauchen verboten wird, muss ich schließen und wüsste nicht, wie ich meine Frau und meine vier Kinder durchbringen sollte.”
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