„Rattenwohnung”: Strafanzeige ist in Vorbereitung

Von: Kolja Linden
Letzte Aktualisierung:
ratten27-bu
Derzeit befinden sie sich noch im Aachener Tierheim, die Ratten aus Stolberg. Möglichst viele von ihnen sollen bundesweit auf andere Heime verteilt werden. Auch Privatpersonen können sich Foto: K. Linden

Stolberg. Im März 2009 waren es 50 Hunde in Baesweiler, im Oktober desselben Jahres knapp 300 Meerschweinchen in Aachen. Nun vergangene Woche der jüngste Fall in Stolberg: 350 Ratten werden aus einer Wohnung auf dem Donnerberg befreit. Die Zahl der Fälle von sogenanntem Animal Hoarding nehmen deutschlandweit zu, und auch in der Region ist der Trend eindeutig: Tendenz steigend.

Der Begriff Animal Hoarding - zu deutsch: Tierhortung - stammmt aus den USA, wo jährlich rund 1000 Fälle mit hunderttausenden betroffenen Tieren aktenkundig werden. Diese sind meist völlig verwahrlost und leben auf viel zu engem Raum in oft kleinen Wohnungen.

In Berlin wurden 2008 nach einem Hinweis von Nachbarn mehr als 1700 Vögel aus einer gerade einmal 63 m2 großen Wohnung befreit.

In dem Berliner Fall war der Tierhorter ein Mann, doch das ist eher selten. In rund drei Vierteln aller Fälle des Animal Hoardings sind nach amerikanischen Studien die Horter weiblich, viele sind alleinstehend, mehr als die Hälfte von ihnen über 50 Jahre alt.

Auch in Stolberg war es eine allein lebende Frau, mehr Angaben zur Person wollen Staatsanwaltschaft und Veterinäramt derzeit nicht machen. Die Veterinärbehörde der Städteregion hat alle relevanten Informationen sichergestellt und bereitet eine Strafanzeige vor, sagte am Montag auf Anfrage der zuständige Oberstaatsanwalt Alexander Geimer, dem allerdings noch keine der Unterlagen vorlägen.

Ermittelt werde dann wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Nach Paragraph 167;17 können Halter, die Tieren Schaden und Leiden zufügen, mit Geldstrafen oder einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren belangt werden.

Für den Tierschutzbund ist Tierhortung eine Sucht, auch andere Institutionen sehen darin den Ausdruck einer Erkrankung. Als Ursache werden häufig Einsamkeit und Angst vor Isolation genannt.

Dass lenke jedoch nicht davon ab, dass diese Leute strafrechtlich für ihr Tun verantwortlich seien, sagt Geimer, der die Frage nach dieser Verantwortung in jedem Fall stellt.

Häufig endet ein Verfahren mit einem mehrjährigen Tierhalteverbot für die Betroffenen, so Geimer.

Geht es nach der Tierschutzbeauftragten des Tierschutzbundes in Aachen, Birgit Wintersteller-Kordic, so sollte der Gesetzesrahmen im Umgang mit Tierhortern voll ausgeschöpft werden.

Allerdings müsse es nicht nur Strafe, sondern auch Hilfe für die Betroffenen geben, „damit die Personen nicht wieder von Neuem anfangen”. Denn Tierhalteverbote gelten in der Regel nur für einige Jahre. Außerdem käme es vor, dass mit einem solchem Verbot belegte Menschen einfach umzögen und woanders unbehelligt erneut Tiere hielten.

Eine engmaschige Kontrolle der Einhaltung von Verboten scheitere aber oft an der Finanzierung beziehungsweise dem Personalmangel der zuständigen Behörden.

Wintersteller-Kordic wünscht sich, dass man Betroffenen neben einem Verbot auch die Möglichkeit zur Therapie gibt. „Diese Menschen sind behandlungsdürftig, sie brauchen Hilfe.”

Bundesweit sucht das Aachener Tierheim derzeit nach Vereinen und Heimen, die einige der Ratten aus Stolberg aufnehmen. Bundesweit ist auch das Interesse an dem Fall, zumindest in einschlägigen Medien.

Eine große Boulevard-Zeitung hat bereits berichtet, am Montag interessierte sich „RTL-Explosiv” für den Fall.

Undankbar ist Wintersteller-Kordic darüber nicht, denn öffentliche Aufmerksam könne helfen, die Menschen für Animal Hoarding aufmerksam zu machen.

Eines kann und will sie allerdings nicht liefern: sensationsheischende Bilder, die nur Voyeurismus bedienen. Schließlich geht es ihr um das Wohl der Tiere und auch das der Menschen.

Erst für 135 Tiere ist „Asyl” in anderen Heimen gefunden

Alleine kann das Aachener Tierheim, in das die 350 Ratten gebracht wurden, diese nicht versorgen. „Wir haben nicht einmal ausreichend große Käfige”, klagt die Tierschutzbeauftragte des Tierschutzbundes, Birgit Wintersteller-Kordic.

Fieberhaft versuchen Mitarbeiter des Tierheims deshalb derzeit, die Ratten telefonisch an andere Heime zu vermitteln, und zwar bundesweit. Zusagen hat man bisher aber erst für 135 Tiere.

„Die Urlaubszeit erschwert die Problematik, sagt Wintersteller-Kordic, denn in den Ferien müssen die Tierheime in der Regel ohnehin mehr Tiere aufnehmen, viele hielten sich dafür noch Kapazitäten frei.

In Aachen habe es bereits „einige traurige Fälle” gegeben, so Wintersteller-Kordic. „Es ist eine Katastrophe.”

„Wenn wir Zuspruch von Privatleuten bekämen, wären wir sehr froh”, sagt die Tierschützerin deshalb. Allerdings sollten es auch Menschen sein, die Ratten lieben.

Die kleinen Nager seien sehr soziale Tiere, Ratten gelten als anhänglich und zahm.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert