Praktiker: Im Baumarkt blühen nur noch die Blumen

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Der Lavendel blüht, der Baumarkt nicht: Praktiker ist nicht nur überschuldet, sondern mittlerweile auch zahlungsunfähig. In Stolberg arbeiten rund 20 Beschäftigte. Foto: D. Kinkel-Schlachter
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Blühendes Leben: Das trifft vielleicht auf die Blumen zu, die hier verkauft werden, nicht aber auf den Markt. Praktiker hat Insolvenz beantragt.

Stolberg. „Hier spricht der Preis.“ Mit diesem Slogan wirbt auch der Praktiker in Stolberg um Kunden. Und der Parkplatz in der Steinfurt 2 ist am Donnerstag wieder gut gefüllt. Kunden kaufen ein, Pflanzen, Tapete, Farbe, Holz – auch wenn „20 Prozent auf alles außer Tiernahrung“ nicht gewährt werden.

Ob es diese oder eine der anderen zahlreichen Rabattaktionen, mit denen das Unternehmen stets offensiv geworben hat, überhaupt noch einmal geben wird, gibt es im Moment nicht schwarz auf weiß beziehungsweise blau auf gelb. Praktiker steht vor der Pleite.

An der Information des Marktes in der Steinfurt gibt es keine Informationen, jedenfalls nicht auf die Frage nach der Insolvenz. Schulterzucken bei den Damen, resignierte Blicke: „Wir wissen auch nur das aus dem Fernsehen.“ Die Mitarbeiterin verweist auf eine Stahltür ein paar Meter weiter, vielleicht könne der Marktleiter Auskunft geben.

Er sitzt in einem spartanisch eingerichteten Büro, das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt, die Finger auf der Computermaus. Auf dem Bildschirm sind die neuesten Nachrichten über Praktiker zu lesen, nicht von seinen Vorgesetzten, sondern von diversen Nachrichten-Portalen. „Ich kann Ihnen nichts sagen. Wenden Sie sich bitte an die Konzernleitung“, sagt er freundlich. Mehr nicht.

Am Mittwoch hatte das Unternehmen mitgeteilt, dass Gespräche über eine weitere Finanzierung gescheitert seien. Praktiker ist damit nicht mehr nur überschuldet, sondern auch zahlungsunfähig.

Laut aktueller Mitteilung der Praktiker AG haben acht Tochtergesellschaften beim Amtsgericht Hamburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Der Schritt war notwendig geworden, so heißt es, nachdem die Verhandlungen über Erfolg versprechende weitere Sanierungsfinanzierungen gescheitert waren und kurz zuvor auch der angestrebte Verkauf der Anteile an der luxemburgischen Tochtergesellschaft Bâtiself S.A. wegen Gremienvorbehalten auf Seiten des Käufers nicht abgeschlossen werden konnte.

„Betrieb aufrecht erhalten“

Der Insolvenzantrag für die Dachgesellschaft Praktiker AG wird in Kürze nachgereicht. Max Bahr mit seinen derzeit 132 Märkten und das Auslandsgeschäft sind laut Pressestelle davon nicht betroffen. Die Praktiker-Märkte sollen im Rahmen eines vorläufigen Insolvenzverfahrens fortgeführt werden. „Der Antrag ist gerade erst gestellt. Jetzt wird ein Insolvenzverwalter bestellt, der sich das Unternehmen anschaut“, verweist Simone Naujoks darauf, dass die Insolvenzeröffnung nicht bedeute, dass der Laden in Stolberg morgen schließe. „Wir haben alle unseren Arbeitsvertrag und werden weiter unserer Arbeit nachgehen. Der Betrieb aller Märkte soll uneingeschränkt aufrecht erhalten werden“, sagt die Pressesprecherin.

Eigentlich könnte der Praktiker in Stolberg im Oktober ein großes Fest feiern, denn dann begeht der Baumarkt seinen 20. Geburtstag am Standort Steinfurt. Zum Feiern zumute ist jedoch mit Sicherheit keinem der dort rund 20 beschäftigten Mitarbeiter. Sie bangen um ihren Job, kein Wunder, die Schlecker-Pleite ist noch in den Köpfen. „Es gab eine Mitarbeiter-Information“, sagt Naujoks aus Hamburg noch zum Schluss.

Informiert sind schon viele der Kunden, die heute hier einkaufen. „Praktiker ist eine wahre Fundgrube für mich. Schade, dass das jetzt vorbei ist. Wie ist so etwas möglich“, fragt sich Hans Falkenberg. Der Rentner kommt aus Eschweiler, fährt aber „lieber zu Praktiker nach Stolberg als zu Obi in Eschweiler“. Er packt zwei Säcke mit Kies in den Kofferraum seines Wagens und hofft, dass er noch möglichst lange hier einkaufen kann. „Wieder mehr Leute ohne Job, aber das ist leider überall so“, befürchtet der Stolberger Eduard Scheifler eine baldige Schließung des Baumarktes. Ein Markt mache zu, der nächste auf, das sei die tragische Seite des Billigeinkaufes. Bernd Schöneweiß weiß noch gar nicht, was er heute kaufen wird, schließlich gibt es immer etwas, was der Heimwerker gebrauchen kann. „Ich habe eine Kundenkarte“, sagt er. Wenn Praktiker pleite mache und nur noch zwei, drei Großkonzerne übrig blieben, „ist das ungesund für die Preispolitik. Eine gesunde Konkurrenz ist besser“, glaubt er. Wenn der Markt in der Steinfurt die Türen schließe, „ist die ortsnahe Versorgung weg. Dann muss ich nach Münsterbusch, Eschweiler oder Brand, und das kostet mehr Sprit“.

Ähnlich sieht es Robert Meisen: „Scheiße! Jetzt habe ich schon einen Baumarkt vor der Tür, und dann so was“, ärgert er sich. Er sei Stammkunde im Stolberger Praktiker, „was kaufe ich hier viel ein“, überlegt er jetzt schon, wo er künftig hin soll.

Vielleicht nach Münsterbusch, wo das Fundament für die künftige Nutzung des alten Zincoli-Geländes und damit für ein geplantes Fachmarktzentrum gelegt ist. Hier wird auch ein Bau- und Gartenmarkt errichtet, der von der Rewe-Tochter toom betrieben werden soll. „Jetzt ist es ja wohl erst recht sinnvoll, dieses Vorhaben seitens der Stadt nochmal aufzugreifen“, sagt Meisen.

Das tut die Stadt auch. „Die drohende Pleite ist noch ein Grund mehr, unser Projekt in Münsterbusch voranzutreiben“, erklärt Andreas Pickhardt. Natürlich bedauere man grundsätzlich jeden Laden, der in Stolberg schließe, „schon allein für die Mitarbeiter“, betont der Fachbereichsleiter. Die Baumarkt-Versorgung in der Stadt sei schlecht, lediglich 42 Prozent Kaufkraftbindung verzeichne man. Einfach ausgedrückt bedeutet dies, dass von 100 Euro für den Bau-, Heimwerker- und Gartenbedarf 58 Euro nicht in Stolberg landen. „Mit dem Weggang von Praktiker wird das noch mehr“, weiß Pickhardt.

Die vorhandenen Märkte seien zu klein und in die Jahre gekommen, „deswegen haben wir 2006 die Idee entwickelt, in Münsterbusch einen Baumarkt anzusiedeln“. Trotz des Vorhabens bleibe noch Luft für einen weiteren Markt, sieht Pickhardt weiterhin Potenzial am Standort im Gewerbegebiet.

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